Bild: dpa/Kay Nietfeld
Istanbul und Paris sind meine nächsten Reiseziele

Ich bin ein Angsthase. Ich checke mindestens zweimal, bevor ich aus meiner Wohnung gehe, ob ich wirklich den Herd ausgemacht habe. Ich prüfe in der U-Bahn ständig nach, ob mein Portemonnaie noch in der Tasche ist. Ich schließe meine Haustür abends ab, aber hake auf jeden Fall zusätzlich noch die Türkette ein. Und nun plane ich meinen nächsten Städtetrip für den Sommer – am liebsten möchte ich nach Paris oder nach Istanbul.

In Paris war ich zum letzten Mal in der elften Klasse mit meinem Französischkurs – und jetzt will ich dort unbedingt einmal mit meinem Freund hin. Von Istanbul haben mir schon fast all meine Freunde vorgeschwärmt. Auf keinen Fall würde ich wegen der Anschläge meine Reiseziele ändern. Allein aus Protest und um zu zeigen: "Hey Terroristen dieser Welt, wir lassen uns nicht einschüchtern." Dennoch ist das Reisegefühl jetzt ein anderes. Angst mischt sich unter meine Vorfreude.

Hier ist es also passiert.

Natürlich würde ich im Flieger sitzen und daran denken, was diese Woche in Istanbul beziehungsweise im November in Paris passiert ist. Vielleicht würde es dann in meinem Bauch kribbeln, meine Hände ein bisschen feucht werden. Ich hätte die Stimme meiner meiner Mama im Kopf: "Istanbul? Willst du da wirklich jetzt hin? Dann pass aber gut auf dich auf!" Ich würde an die Menschen denken, die ihre Liebsten verloren haben. Und daran, dass meine Ängste lächerlich sind im Gegensatz zu ihren Schmerzen.

Wie jeder Tourist würde ich in Istanbul die Blaue Moschee sehen wollen. Dann würde ich dort stehen und denken: "Hier ist es also passiert. Es hätte auch all diejenigen treffen können, die jetzt hier sind." Genauso geht es bestimmt auch denen, die in Paris nach den Anschlägen in einem der Cafés im Herzen der Stadt saßen.

In 2014 kamen mehr als 32.650 Menschen bei Terroranschlägen ums Leben – 80 Prozent mehr als noch im Jahr davor. Am meisten betroffen sind nicht die westlichen Staaten, sondern Länder wie Afghanistan, Irak, Nigeria sowie Pakistan und Syrien, wie das Institut für Wirtschaft und Frieden ermittelte. (Global Terrorism Index / Die Welt)

(Bild: dpa/Uwe Anspach)

Die Zahlen sagen mir: Der Terror ist nicht nah. Trotzdem gibt es die Bedenken in meinem Kopf - damit bin ich nicht allein. Ich rede oft mit meinen Freunden darüber. "Ich hab jedes Mal Angst, wenn ich am Hamburger Hauptbahnhof bin“, sagen sie dann. Oder: "Ich weiß nicht, ob ich an dem Marathon überhaupt noch teilnehmen möchte." Es muss gar nicht das Touristenziel sein, in dem ein Anschlag passiert ist. Der Terror könnte überall sein. Dabei geht es gar nicht um einen Urlaub.

"Diese Angst ist zu einem gewissen Teil berechtigt, weil es einen ganz zweifellos treffen kann“, sagt Michael Geyer, Professor und wissenschaftlicher Leiter der Akademie für Psychotherapie in Erfurt. Es sei ein gewaltiger Angst-Ansteckungseffekt durch die Berichterstattung der Medien vorhanden. Zwar sei es wichtig, dass die Medien berichten, trotzdem rücke die Angst einfach näher, sagt Geyer. "Umso näher es ist, umso mehr bekommen wir das Gefühl der Unsicherheit in dieser Welt.“

Es ist viel wahrscheinlicher, sich selbst umzubringen oder bei einem Autounfall zu sterben.
Michael Geyer​, Psychologie

Angst vor Terror zu haben ist völlig unbegründet - rein statistisch gesehen. "Es ist viel wahrscheinlicher, bei einem Autounfall zu sterben“, sagt Geyer.

Die Angst vor Terror unterscheidet sich von der vor Unfällen im Straßenverkehr. Es geht dabei um Kontrolle. "Wenn ich über die Straße gehe, gucke ich nach links und rechts“, sagt Geyer. Man kann also selbst etwas dagegen tun. Auch bei Naturereignissen kann ich Nachrichten verfolgen, bei Sturm nicht vor die Tür gehen, um mich zu schützen. Bei einem Terroranschlag ist das anders: Ich habe keine Kontrolle. "Das ist etwas, was Menschen nicht ertragen“, sagt Geyer.

Aber über was haben wir wirklich Kontrolle, frage ich mich? Auch im Verkehr kann ein Falschfahrer kommen, da hilft keine Aufmerksamkeit und der Blick nach vorn. Ich habe beschlossen, so schnell wie möglich meine Reise zu buchen. Zu einem Bundesligaspiel wollte ich auch schon längst mal wieder und im Sommer zu einem Festival. Die Angst werde ich ignorieren.

bento-Newsletter Stories

Jede Woche unsere
besten Stories per Mail