Ja, gerade dann, sagen Ralph und Sina. Ohne diese Distanz wäre aus ihnen wohl gar kein Paar geworden.

Ralph wollte nie wieder eine Fernbeziehung. Sina auch nicht, schließlich hatte sie gerade eine dreijährige Beziehung beendet. Und dann kam doch alles anders, damals beim Training in Thüringen, mehr als zwei Jahre ist das jetzt her.

Ralph spielte schon länger Jugger, eine Mischung aus Rugby, Handball und Fechten, Sina war noch recht neu. Hier legten sie das Fundament, das ihnen später helfen sollte: ein gemeinsames Hobby, gemeinsame Freunde, Ralph nennt das Jugger-Team "Familie". Erst trafen sie sich in der Gruppe, dann zu zweit, irgendwann der erste Kuss kurz vor Sinas Auslandssemester in Zagreb. Eigentlich wollte sie keinen Beziehungsballast mitnehmen.

Sina und Ralph beim Jugger, Jugger, eine Mischung aus Rugby, Handball und Fechten(Bild: Maike Hansen)

Ein paar Monate später, im September 2013, hatte sie ihre Koffer gepackt, das Zimmer in Jena untervermietet. Sie hätte die Sommeraffäre wegwischen können wie ein Date auf Tinder. Bloß kein Risiko eingehen, keine Zeit investieren, nicht verletzt werden. Stattdessen, fragte Ralph, ob er sie ein paar Tage in Zagreb besuchen könne.

Durch Erasmus-Semester, Auslandspraktika, Bachelor und Master schleichen sich bei vielen Studenten weite Entfernungen in die Beziehung ein. Das Lächeln hinter dem Bildschirm kann keine Umarmung, keinen Kuss ersetzen, und lockeres Flirten funktioniert nicht über Skype. Sina und Ralph haben es trotzdem geschafft. Vermutlich wegen und nicht trotz der Entfernung.

Und wieder packen: Sina zieht für ihren Master nach Passau.(Bild: Maike Hansen)

Kein erzwungener Kontakt, keine Enge, das war der Deal, so erinnern sich die beiden heute. Alle paar Tage mailten sie ein paar Sätze hin und her. Statt Sehnsucht in blumigen Briefen zu verschicken, trampten sie direkt im Anschluss an Ralphs Besuch in Zagreb nach Thüringen. Zu zweit an der Straße, Vertrauen in Backpacktaschen, alles noch inoffiziell.

"Ich wusste schon, dass ich sie toll fand. Aber wäre ich zu voreilig gewesen, hätte ich alles kaputt gemacht“, erinnert sich Ralph. Sinas Augenbrauen schnellen nach oben: "Berechnung“ nennt sie das grinsend.

Sind wir ein Paar? Die Entfernung drängt oft schnell zu einer klaren Antwort. Dabei kribbelt der schlüpfende Schmetterling nicht wie ein ganzer Schwarm, eingeklemmt zwischen Abschiedsdeadline und abstrusen Erwartungen wird er schnell zerquetscht. Sina und Ralph versuchten, sich während des Auslandssemester in Zagreb deshalb nie zu verabschieden, sondern sagten immer nur: bis bald.

(Bild: Maike Hansen)

Als Sina nach einem Semester in ihre gemeinsame Studentenstadt Jena zurückkehrte, verbrachten sie viel Zeit miteinander, Training, Turniere, Partys. Aber jedes zweideutige Anlächeln oder Berühren in der Öffentlichkeit blieb ein Tabu. Ein wenig schizophren sei das schon gewesen, erzählen die beiden heute. Vor allem weil die anderen längst Bescheid wussten.

Fast eineinhalb Jahre nach dem Kennenlernen, entschied Ralph sich zu gehen: für ein Semester nach Granada. Kurz vor dem Abflug strich das Paar dann doch das "in“ vor dem "offiziell“. Denn: Würde eine Nicht-Beziehung ein zweites Auslandssemester aushalten?

Ralph vergleicht diesen Sommer vor Granada mit einer Wanderung durch Honig: süß, aber irgendwann zu zäh. Denn wenn die Schmetterlinge ausgewachsen sind, möchten sie sich nicht mehr verstecken. In einer stabilen Beziehung muss es erlaubt sein, laut zu vermissen.

(Bild: Maike Hansen)

Ralph und Sina wandern beide gern. Und als er allein Andalusien erkundete, vibrierte mehr als 2000 Kilometer weiter manchmal ihr Handy. In kurzen Nachrichten beschrieb Ralph Aussichten, die geteilten Momente landeten dann mitten im vollgestopften Uni- und Sportalltag. „Er schafft es rüberzubringen, dass ich ihm fehle, ohne mir ein schlechtes Gewissen zu machen.“

Und Eifersucht? Die wäre weder in Kroatien noch in Spanien ein Problem gewesen, sagt Sina. Mit Ralph würde es passen, warum also den Kopf zerbrechen?

Jetzt, im Herbst 2015, ist Ralph schon eine Weile aus Granada zurück. Gerade hilft er Sina beim Packen: Sie zieht für ihren Master nach Passau.

Irgendwann, sagen sie, würden sie beide gern gemeinsam in Thüringen leben. Vorher wollen sie noch mal ins Ausland, dies mal gemeinsam, am liebsten für ein Jahr in die USA.