Wir müssen reden.

Ablehnung ist nicht schön. Niemand wird gerne abgelehnt. Manche halten sich sogar für den tollsten Mensch der Welt.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Und dann sieht das plötzlich jemand anders. Und steigt nicht ein auf den Anmachspruch oder das Kompliment. Dann kann man auf drei Arten reagieren: 

Erstens: Es hinnehmen und weiterleben. Das geht, man mag es ja gar nicht glauben.

Zweitens: Wütend sein, auf sich (schlechte Idee) oder den anderen (schlechte Idee). Aber ebenfalls weiterleben. 

Drittens: Man mutiert zu einem kleinen, fiesen Monster, das die andere Person beschimpft, weil sie einen nicht so lieb hat, wie man es gerne hätte. 

Das ist tatsächlich die schlechteste Option von allen. Sie wird leider viel zu oft gewählt. 

Wenn ich bislang Männern sagte, dass ich kein Interesse habe, reagierten viele aggressiv. Da war das zarte Ego schnell gekränkt. 

Etwa in der U-Bahn. Ein Mann pirschte sich an mich heran, leckte sich über die Lippen, zeigte auf mich. Ich sagte ihm, dass er verschwinden solle. Er machte weiter. Ich rief noch lauter. Er machte weiter. Er verzog sein Gesicht und rief: "Schlampe!" 

Dann ging er.

Forscher der University of Iowa fanden heraus, dass Männer häufig völlig falsch einschätzen, ob eine Frau an ihnen interessiert ist. Sie legten in einer Studie 183 Männern Fotos von Frauen vor und fragten: "Auf einer Skala von -10 bis +10, wie sehr ist diese Frau an dir interessiert?" In den meisten Fällen lagen die Probanden deutlich daneben. (bento

Eine kleine Studie, die aber ein Muster erkennen lässt: Männer gehen häufig davon aus, dass Frauen an ihnen interessiert sind, auch wenn sie es gar nicht sind. 

Wenn das weibliche Gegenüber ihnen dann zu verstehen gibt, dass das nicht der Fall ist, fühlen sie sich abgelehnt. 

Und das mündete in meinem Leben viel zu häufig in Aggression und verbale Attacken.

Was ich sonst noch so hörte, wenn ich einen Mann darum bat, seine Avancen einzustellen? Ein kleiner Auszug: 

"Das war nur ein Scherz, als hätte ich Bock auf dich, ha ha."
"Psycho."
"Frustrierte Fotze."

Das erleben viele Frauen jeden Tag. Sie werden beleidigt, wenn sie die Wertschätzung ihres Äußeren nicht in gleicher Form zurückgeben. Oder wenn sie es gar wagen, darauf hinzuweisen, dass sie nicht interessiert sind.

Ich habe in diesen Situationen oft Angst. Zum Beispiel vor Übergriffen. Ich fühle mich ohnmächtig. Ich gehe schnell weg, damit niemand mitbekommt, wie ich beleidigt werde. Ich schäme mich.

Fast immer starren Passanten und U-Bahn Mitfahrer bloß. Keiner sagt was. Das ist keine körperliche Gewalt, die da stattfindet. Es ist verbale, psychische Gewalt. Es verängstigt und verunsichert. Es führt dazu, dass wir Dinge lieber weglächeln, anstatt auf einen "Hey Baby"-Spruch und unerwünschte körperliche Annäherung selbstbewusst und stark zu reagieren.

Eine Frau dafür zu beschimpfen, dass sie einen nicht will, ist inakzeptabel. Wir brauchen gesellschaftliche Normen, die ein solch verletzendes Verhalten von Männern nicht tolerieren. 

Frauen sollten kommunizieren können, dass sie kein Interesse haben. Ohne dass sie Beschimpfungen ertragen müssen. Männer sollten zweimal darüber nachdenken, ob sie ihren Anmachspruch jetzt wirklich loswerden müssen – und ob sie sich sicher sind, die vermeintlichen Signale richtig zu interpretieren. 

Ja, Ablehnung tut weh. Sie ist wie der Geruch von Erbrochenem. Aber eine Frau deshalb zu beleidigen und herabzuwürdigen, ist, wie sie zu schlagen. 

Wer mitbekommt, dass das passiert, der sollte seine Stimme erheben und sagen: Hör auf damit, lass sie in Ruhe. Wir sollten uns schützend zu oder vor die Frau stellen, die das erlebt. Ernst nehmen, was das mit ihr macht. Bitte merkt euch das und bitte steht das nächste Mal, wenn ihr so etwas mitbekommt, der Person bei. 

Denn die Narben dieser Verletzungen bleiben.


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