Bild: bento
"Show us your face! Show us your beautiful smile! Show us your flawless skin!"

Es ist es heiß. Samantha, 21, steht der Schweiß schon auf der Stirn. In rosa Body und Netzstrumpfhose sitzt sie neben dem DJ-Pult und föhnt sich mit einem Mini-Ventilator das mit Strass-Steinen beklebte Gesicht. "Ich bin noch neu hier und super aufgeregt", sagt sie und streicht sich eine Strähne ihrer blonden Perücke aus den Augen. Es ist Samanthas erster Voguing-Auftritt.

Samantha kurz vor dem ersten Tanz

(Bild: Jannis Große / bento)

Voguing ist ein Tanzstil und erinnert an die typischen Posen von Models in der Modezeitschrift Vogue

Er wurde Anfang der 80er von queeren People of Color in New York erfunden. Diese waren ausgeschlossen von der weißen Trans- und Homosexuellen-Szene – und gründeten mit der Ballroom-Kultur ihre eigene Welt, um ihre Leidenschaft für Mode, Tanz und Performance auszuleben.

Die Voguing-Bälle sind schrille, pompöse Abende mit aufwändigen Kostümen und waren im New York der 80er der einzige sichere Rückzugsort, ein "Safe Space", vor allem für schwule und trans Menschen.

Seit der Netflix-Serie "Pose" lebt der Hype um Voguing in vielen Großstädten neu auf – auch in Hamburg. (bento)

Der Voguing-Abend findet im Jazz Café des Mojo Clubs statt, mitten auf der Reeperbahn: Schwarze Vorhänge, glatte Betonwände, blanke Glühbirnen hängen von der Decke. Es läuft Soulmusik. Bärtige Hipster schlürfen Cocktails an der Bar. Gegenüber sitzen Pärchen oder Tinder-Dates.

(Bild: Jannis Große / bento)

Gleich prallen hier Welten aufeinander. Denn die Ballroom-Szene hat sich gegründet, weil sie einst keinen Zugang hatte zu Orten wie diesem.

Mit ihren Händen und Posen erzählen Voguing-Performer, wer sie sind: Feminin, maskulin, von beidem ein bisschen, extrovertiert mit komplizierten Tanzschritten oder schüchtern und elegant.

Das Geschlecht ist dabei egal. Voguing ist eine Suche nach Zugehörigkeit und Anerkennung in einer ausgrenzenden Gesellschaft.

Jada, die Organisatorin des Abends

(Bild: Jannis Große / bento)

Eine junge Frau mit schwarzer Bob-Frisur hat den Abend in Hamburg organisiert. Hellblaue Highwaist-Schlaghose, ein limettengrünes, bauchfreies Top und Netz-Armstulpen in neon-orange.

Der Künstlername der 23-Jährigen ist "Jada Angels". Auf Facebook interessierten sich fast tausend Leute dafür. Der kleine Raum ist gut gefüllt, die Leute stehen dicht gedrängt. Die Zuschauer in den hinteren Reihen können kaum noch etwas sehen.

"Viel mehr, als wir gedacht hätten", sagt sie. Hier trifft sich die "Kiki-Szene", die Nachwuchssparte für junge Voguing-Performer. Die richtigen Bälle in Berlin seien noch viel größer, sagt Jada.

In der Mitte der Tanzfläche werden die Zuschauer auseinandergetrieben, um Platz für einen "Runway" zu machen. Das Publikum grölt schon nach der finalen Kategorie des Abends "Sex Siren". Wer zum ersten Mal dabei ist, versteht erst später, was damit gemeint ist.

Jetzt kommen erstmal die anderen Kategorien:

Ich habe hier jemanden, der euch zeigen kann, was Sex Siren wirklich bedeutet.
sagt Jada und übergibt das Mikrofon an Zueira Angels.

Die Performerinnen und Performer treten in Gruppen an, sogenannten Häusern. In der Gründungszeit der Szene in den USA wurden schwule und trans Menschen oft von ihren Familien verstoßen – die "Häuser" waren ihre Ersatzfamilie.

Zueira, die Moderatorin

(Bild: Jannis Große / bento)

Zueira, 32, ist die "Mutter" des "Kiki-House of Angels". Im durchsichtigen Streifen-Kleid kommentiert sie die Auftritte und sagt die "Kategorien" an – die erste ist "Runway".

Die Show beginnt. Aus den Reihen der Zuschauer treten von allen Seiten Menschen in Glitzer-Shirts und Neon-Outfits hervor und stolzieren den Catwalk entlang.

Samantha verdreht ihre Handgelenke, verrenkt ihre Arme, geht in die Hocke und tanzt im Duckwalk über den Catwalk. Sie zeigt Pose nach Pose nach Pose. Alle Blicke und Handykameras sind auf sie gerichtet.

An den Scheiben des Mojo Jazz Cafés kleben jetzt ein paar Neugierige.

Is she feminin, feminin? Is she feminin, feminin? Is she feminin, feminin? Is she feminin?
Zueira
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Jeder kann mitmachen, sagt Zueira. Aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen: Voguing ist kein Spiel, sondern ein harter Wettkampf.

Jede "Kategorie" hat klare Regeln. In manchen wird getanzt, in anderen stolziert. Auf einem Sofa vor der Bühne sitzt eine dreiköpfige Jury. Wer sie überzeugt, bekommt die Wertung Zehn und darf in die nächste Runde zu den Zweikämpfen – den "Battles". Wer die Kriterien nicht erfüllt, bekommt einen "Chop" und muss gehen.

Die dreiköpfige Jury bei der Bewertung eines Battles.

(Bild: Jannis Große / bento)


But if you jump in: walk, don’t dance! Walk like a model! Serve like a model! Pose like a model! Walk. Walk. Walk. Give us a clean walk!
Zueira

Der Preis für die Siegerin ist Anerkennung – und ein Mini-Kaugummiautomat.

Die Performer wählen ihre Kategorie selbst, überlegen, wo sie am besten glänzen können. Im "Old Way" oder eher beim "Vogue Femme", einem Tanz, bei dem man sich mit dem typischen "Dip" fallen lässt, die Beine nach oben streckt und sich auf dem Boden räkelt.

Its one, one, one, one. Its two, two, two, two. Three, three, three, three and hold that pose for me!
Zueira

Die Kategorien spielen mit Gender. Aber warum wollen Menschen, die nicht in Schubladen passen, sich davon nicht einfach befreien?

Schnell wird klar, warum: Die Voguing-Künstlerinnen haben sich eigene Schubladen geschaffen. Eine Ausstellung von Körpern – weiblichen, männlichen und nicht-binären. Die Grenzen dazwischen verschwimmen. Voguing ist eine Suche nach Identität – und ein Spiel damit.

Deswegen ist auch Samantha hier. "Seit ich klein war, habe ich Tischdecken auf meinen Kopf getan und gesagt: Ich habe lange Haare, ich bin eine Frau." Ihre Eltern hätten ihr das verboten. "Wir kommen aus Syrien. Dort wird es kulturell nicht akzeptiert, wenn ein Junge sich weiblich verhält." Seit vier Jahren lebt Samantha in Deutschland und hat die Möglichkeit sich hier auszudrücken. Heute unterstützen die Eltern sie.

Dann ist Zeit für Samanthas Auftritt. Die Kategorie: "Face".

Der Auftritt von Samantha.

(Bild: Jannis Große / bento)
Show us your face! Show us your beautiful smile! Show us your flawless skin!
Zueira

Es läuft "Beautiful" von Snoop Dog und Pharrell Williams. Samantha hat ihre Nervosität vergessen. Sie schwebt über den Catwalk und präsentiert der Jury ihr kunstvoll geschminktes Gesicht. Sie reckt den Hals, wirft den Kopf in den Nacken und zeichnet mit den Händen ihre Wangenknochen nach.

Samantha gewinnt nicht – darf aber immerhin im Rennen bleiben. Nicht schlecht, für einen ersten Auftritt.

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Nächste Kategorie: Best Dressed.

Samantha schwebt mit einem flatternden Schal über den Laufsteg – und lässt ihn fallen!

Eigentlich ist das das Aus für einen Voguing-Auftritt. Es geht um Perfektion. Aber Samantha hat Glück: die Jury ist gnädig und sie kommt noch einmal weiter. Anfänger-Bonus.

Dabei hat sogar ihr eigener Voguing-Lehrer Domi Twinkle, 23, gegen sie gestimmt. Er sitzt mit Lolli im Mund auf dem Jury-Sofa, rosa Glitzer-Shirt, kurzer schwarzer Rock, blondierte Haarwelle, Nerd-Brille. Domi hat vor vier Jahren das "Kiki-House of Twinkle" in Hamburg gegründet. "Beim Voguing geht es darum, dich zu präsentieren. Du bist der Star des Abends", sagt er.

Den Hype um die Voguing-Ballroom-Szene findet er gut. "Aber das sollte weiterhin von Leuten gemacht werden, die auch aus der Szene stammen. Menschen, die das verstehen und nicht denken: Warum bewegt sich diese Person so vulgär".

Denn die Voguing-Abende sind für die queere Szene nicht nur schrille Tanzabende, sondern ein "Safe Space", ein sicherer Ort, um sich auszuprobieren.

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Was das bedeutet, wird klar, als Zueira die letzte Kategorie ausruft: "Sex Siren".

Der Saal johlt.

Jetzt müssen die Teilnehmer von ihren sexuellen Reizen überzeugen. Sie versuchen, die Jury anzumachen: mit Blicken, Posen, Brüste schütteln, Lippen lecken. Einige klettern den Jury-Mitgliedern sogar auf den Schoß.

Erst jetzt versteht man, worum es hier eigentlich geht. Zum Spiel mit Identitäten gehört es, Sexualität zu erforschen – in einem geschützten Raum. Filmen ist jetzt verboten.


Grün

Sorry, Fridays for Future, aber: eine CO2-Steuer würde die Falschen treffen
Nämlich die, die es sich nicht leisten können.

Die Fridays for Future-Bewegung hat ihre ersten offiziellen Forderungen an die Bundesregierung gestellt. Neben dem Ausstieg aus der Braunkohle bis 2030 und der kompletten Umstellung auf erneuerbare Energien bis 2035 fordern die Protestler auch eine Steuer von 180 Euro pro Tonne freigesetzten CO2s. 

Eine solche Besteuerung klingt im ersten Moment richtig, dabei vergessen die Initiatoren aber, wen diese Steuer besonders betreffen würde: Nicht etwa Großkonzerne, die für den größten Anteil des CO2-Ausstoßes verantwortlich sind, sondern Menschen mit geringem Einkommen.

Der Klimaschutz geht aber alle etwas an – und alle sollten mit daran arbeiten.

Häufig hört man, der Klimaschutz beginne bei jedem Einzelnen und im Kleinen: Lieber mit der Bahn fahren als mit dem Flugzeug fliegen, lieber den Jutebeutel mit zum einkaufen nehmen, als die Plastiktüte an der Kasse kaufen. 

Das sind alles richtige Ansätze, aber sie allein werden den Klimawandel nicht aufhalten. Und auch eine pauschale Besteuerung von klimaschädlichem CO2 wird nicht dazu führen, dass Deutschland plötzlich klimaneutral lebt.

Für große Unternehmen, die viel CO2 ausstoßen wäre eine solche Besteuerung in erster Linie eines: Ein weiterer Kostenpunkt. Und was machen Unternehmen, wenn die Kosten steigen? Sie wälzen die Ausgaben auf ihre Kunden ab. 

Zumindest solange, bis die Schmerzgrenze bei ihnen erreicht ist. Sicherlich kann eine CO2-Steuer auch dafür sorgen, dass die Unternehmen sich wirklich Gedanken um Innovationen machen, damit sie auf Dauer nicht die höheren Abgaben zahlen müssen. Aber das würde einige Jahre dauern.

Zunächst würden die Preise für die Kunden steigen.

Der SPIEGEL hat in einem Gedankenspiel ausgerechnet, was eine Besteuerung von 180 Euro pro Tonne CO2 für den Normalverbraucher bedeuten würde: Höhere Kosten für viele Produkte des täglichen Lebens. 

Selbst wenn man sich sehr um einen klimafreundlichen Lebensstil bemühen würde, würde man indirekt darunter leiden, dass es Großkonzerne nicht tun: Demnach würden die Preise zum Beispiel für Milch um 17 Cent pro Liter steigen. Rindfleisch würde sogar etwa 2,58 Euro pro Kilogramm teurer werden.

Jetzt werden Befürworter sagen, dass sei ja Sinn der Sache: Dinge, die schlecht fürs Klima sind, müssen uns mehr kosten, damit wir sie weniger nutzen. Und prinzipiell stimmt das ja auch. Aber wenn ärmere Bürger das viel mehr zu spüren bekommen als Reiche, geht es auch um Gerechtigkeit. Niemand bezweifelt, dass sich unser Lebensstandard ändern muss, wenn wir das Klima retten wollen. Aber wessen Lebensstadard wie viel, diese Frage kommt meiner Meinung nach zu kurz. 

Befürworter der CO2-Steuer, wie etwa die Citizen Climate Lobby betonen zum Beispiel, es würde im Ausgleich eine Dividende an alle Bürger ausgeschüttet. 

Vereinfacht gesagt soll die so funktionieren: 

  1. Der CO2-Ausstoß wird besteuert
  2. Unternehmen erhöhen ihre Preise
  3. Verbrauchen zahlen diese
  4. Es wird der Wert errechnet, den alle Bürger durchschnittlich mehr gezahlt haben 
  5. Am Ende des Jahres wird der deutsche Durchschnittswert an alle Bürger ausgezahlt
  6. Bei einem klimafreundlichen Leben bekommt man so am Ende mehr zurück, als man vorher ausgegeben hat

So viel zur Theorie. Praktisch ist es aber um einiges schwieriger. Denn ein paar Euro hier und da mögen für Gutverdienende kein Problem sein, für Geringverdiener aber schon. 

Es wäre so, als ob man das ganze Jahr über Pfand für seine Getränke zahlt, man aber nur einmal im Jahr sein Leergut zurückbringen kann. Dann gibt es zwar auf einen Schlag eine vergleichsweise hohe Summe, das hilft das Jahr über aber nicht, wenn man wirklich darauf angewiesen ist. Dieses Pfandgeld mag für die Leute uninteressant sein, die ihre leeren Flaschen eh wegschmeißen, weil sie zu faul sind zum Pfandautomaten zu gehen und das Geld lockerer haben – für Andere mit weniger Einkommen kann genau dieses Geld die letzten Tage eines Monat überbrücken.

Reiche Leute könnten sich ihre Reisefreiheit erkaufen. Arme Menschen nicht. 

Ähnlich sieht es auch bei höheren Preisen zum Beispiel für Flüge aus. Ein Manager, der ohnehin auf Firmenkosten fünf Mal die Woche von Hamburg nach München und zurück fliegt, den werden die teureren Preise nicht interessieren. Für junge Familien, die Geld sparen, um einmal im Jahr in den Urlaub zu fliegen, schmerzen die höheren Preise dann deutlich mehr.

Ja, Flüge sind ohnehin schlecht für die Umwelt und sollten als Luxus gesehen werden. Aber das Problem ist hier ein anderes: Die Preiserhöhung, die eine CO2-Steuer im ersten Moment darstellen würde, wäre für Besserverdiener vielleicht ein bisschen ärgerlich, für Geringverdiener könnte sie unbezahlbar werden. 

Reiche Menschen könnten sich mit ihrem Geld aus der Situation herauskaufen. Sie würden die höheren Preise zahlen und es teilweise nicht einmal merken. Sie könnten weiterhin reisen, Fleisch essen und Auto fahren. All das würde für Geringverdiener nicht gelten. 

Eine CO2-Steuer könnte damit ein Problem verschärfen, das unsere Gesellschaft ohnehin hat: Eine sich immer weiter aufspaltende Lebenswelt entlang der Grenze von Arm und Reich. Und dabei ginge es nicht nur um sogenannte Luxusgüter.

Ein Beispiel: Statt mit dem Auto einfach mit der Bahn fahren ist in der Stadt leicht zu machen. Auf dem Land nicht.

"Lass das Auto einfach stehen und nimm die Bahn, das ist viel klimafreundlicher!" – so ein Spruch ist vollkommen richtig und gleichzeitig so falsch. Denn Deutschland besteht eben nicht nur aus Berlin, Hamburg, München und Köln. Besonders auf dem Land gibt es so etwas wie öffentlichen Nahverkehr praktisch nicht. Wenn dort die Auszubildene zur Krankenschwester zur Arbeit muss, dann geht das oftmals eben nur mit dem Auto. 

Soll sie stattdessen 30 Kilometer mit dem Fahrrad fahren, um das Klima zu schützen? Das wäre mehr als unwahrscheinlich. Am Ende des Jahres würde sie trotzdem weniger Geld zurückbekommen als Menschen, die auf die ÖPNV zurückgreifen können, obwohl sie nichts dafür kann, dass sie die Strecke mit dem Auto fahren muss.

Die CO2-Steuer ist in der Theorie eine gute Idee, sie ist in der Praxis aber nicht gerecht umzusetzen.

Es würde zu viele Ausnahmen geben, zu viele Situationen in denen Menschen unbewusst oder gezwungener Maßen auf klimaschädliche Ressourcen oder Fortbewegungsmittel setzen. Unsere gesamte Gesellschaft, die Art und Weise, wie wir Leben, ist auf einer schlechten CO2-Bilanz aufgebaut. Dafür können die am wenigsten, die kaum eine Chance haben, sie zu gestalten. Diejenigen, die sich für die Zukunft des Planeten einsetzen, dürfen sie nicht auch noch mehr in die Pflicht nehmen als diejenigen, die die Probleme verursachen. 

Zum Beispiel, in dem Regierungen auf der ganzen Welt anfangen, Unternehmen zu sanktionieren, wenn sie sich ganz offensichtlich nicht um Klimaschutz bemühen. Oder noch besser: Immer die Firmen großzügig zu entlasten und zu belohnen, die sich um Klimaschutz besonders verdient gemacht haben – so dass ein Wettbewerb um das Label "klimafreundlich" entsteht. 

Aber einfach nur zu sagen: Das, was schlecht ist, wird teurer, das ist leider zu kurz gedacht.