Bild: 20th Century Fox
Warum das Spiel als "legales Mobbing" kritisiert wird.

Die Idee ist so einfach wie hart. Zwei Mannschaften stehen sich gegenüber und versuchen, die jeweils anderen Spieler mit einem Ball abzuwerfen. Wer abgeworfen wurde, kann zurück ins Spiel, wenn er vom Team einen Ball bekommt, um wieder andere abzuwerfen. 

Es gewinnt, wer alle Gegner "abschießt".

Nun steht das Spiel in der Kritik. Kanadische Forscher bezeichnen Völkerball in einer Studie als "entmenschlichend". Die Wissenschaftler haben Schüler im Alter von zwölf bis 15 Jahren zum Sportunterricht an ihrer Schule befragt. Völkerball sei dabei besonders häufig negativ erwähnt worden. (Washington Post)

Die Studienleiterin Joy Butler schlussfolgert:

Völkerball ist gleichzusetzen mit legalisiertem Mobbing.

Das Problem: Völkerball simuliere Gewalt. Zwei Gruppen stünden sich feindlich gegenüber, dann werde losgeballert. Bildungswissenschaftlerin Butler hält das für falsch: "Die Botschaft des Spiels lautet: Es ist okay, andere zu verletzen."

Ist das wirklich so dramatisch? 

In der bento-Redaktion arbeiten, einer nicht repräsentativen Redaktionssitzung zu Folge, hauptsächlich Sportnieten. Das Spiel Völkerball fand trotzdem keiner so richtig schlimm. 

Ich gehörte zum Beispiel eher in die Kategorie schnell als stark. Anstatt den Ball zu fangen, bin ich immer wieder ausgewichen. Irgendwann sprang und rollte ich nur noch allein durch das Feld meines Teams, die gegnerische Mannschaft mühte sich ab, meine langweilte sich am Spielfeldrand.  Carl, das Sportass unserer Klasse, lobte mich für meine Agilität – Herr Stumpf, der Lehrer, pfiff nach fünf Minuten meist genervt ab.  

Bei uns in der DDR wurde Völkerball übrigens Zweifelderball genannt, nach der Wende behielten unsere Sportlehrer den Begriff einfach bei – das klang gleich weniger martialisch.

(Bild: Giphy )

Andere in der bento-Redaktion erinnern sich ähnlich. Ein Kollege erzählt, dass seine Klasse immer als die "Schluffis" der Schule bezeichnet wurden. Sie waren die Musikklasse und in Sachen Sport angenehm ungelenk. Schnell laufen? Fehlanzeige. Weit springen? Fehlanzeige. Beim Sportfest der Schule gab es für die Musiker immer den "Fairness"-Pokal, damit sie nicht leer ausgehen. Außer beim Völkerball. "Da ging es ja nicht um Bestleistungen Einzelner", erinnert sich Ole, "sondern darum, als Team zusammenzuarbeiten." Und plötzlich waren die Schluffis ganz ok.  

Eine andere Kollegin bezeichnet sicch als "super-unsportlich", erinnert sich aber nur an Völkerball-Erfolge. 

Beim Völkerball gehörte ich zu den Besten!

Dass Völkerball mehr als ein Spiel ist, zeigt ein Blick in die Popkultur – die Gewalt des Sports wird in vielen Filmen und Serien augenzwinkernd gefeiert.

In Mangas, bei "Family Guy" oder den "Simpsons" gibt es Szenen, in denen Schüler wie unter Feindbeschuss abgeballert werden:

Mit "Dodgeball – Voll auf die Nüsse" wurde gar ein kompletter Film gedreht, in dem es um nichts anderes geht, als sich gegenseitig mit Bällen möglichst brutal aus dem Spielfeld zu befördern. 

Und das sind wir beim eigentlichen Problem: In allen Serien, Filmen und Memes sind es immer die Schwachen, die Brillenschlangen und Zahnspangenträger, die den Ball mit voller Wucht ins Gesicht bekommen. Und das sind die, die immer keiner in seiner Mannschaft haben will. 

Nicht das Spiel ist das Problem, sondern das, was davor passiert: der Auswahlprozess beim Völkerball. 

Viele Sportlehrerinnen und Sportlehrer zählen nicht einfach Mannschaften mit "eins" und "zwei" durch, sondern wählen zwei Schüler aus, die dann ihr Team zusammenstellen dürfen. Da kommen dann die Klassenlieblinge und Athleten zuerst, die "Schluffis" zuletzt. 

Diese Momente haben viele von uns schon mal erlebt. Man steht in einer Reihe am Spielfeldrand, immer mehr Namen werden aufgerufen, immer größer werden die Teams – nur ist man nicht dabei. Irgendwann suchst du nicht mehr die Blicke der Teamleiter, sondern schaust nur noch zu Boden. 

Du willst nicht sehen, wie sie dich nicht sehen.

Wie ihr Blick einfach durch dich hindurchgeht auf der Suche nach irgendwem, der noch in der Lage ist, einen Ball zu werfen. Solche Momente können quälend sein, beschämend. Und da setzt Diskriminierung ein, ganz unabhängig von Völkerball. Solche Auswahlmechanismen gibt es auch vor einem Basketballmatch oder beim Staffellauf.

Beim Sport geht es immer um Leistung. Und oft darum, besser zu sein als andere. Diesen Wettkampfgedanken kann man doof finden, zum kriegerischen Akt muss man ihn aber nicht gleich erklären. Nicht jeder ist nun mal gleich gut in Sport. Das ist auch okay so.

Doch wenn es darum geht, Schülerinnen und Schülern zu signalisieren, dass sie nicht dazu gehören – weil sie nicht fit, schnell oder "hart" genug sind – dann hat das mit einem anderen wichtigen Aspekt von Sport nur wenig gemein: Nämlich dem Erlernen von Teamfähigkeit. 


Queer

Fünf queere Menschen in New York erzählen, was der Stonewall-Aufstand für ihr Leben bedeutet

Auf der ganzen Welt feiern queere Menschen an diesem Donnerstag das Jubiläum der ersten queeren Revolution: den Stonewall-Aufstand in New York. Die Backsteinfassade des "Stonewall Inn" sieht noch so aus wie damals, in den 60er Jahren, als der Laden eine der ersten Kneipen für LGBTIQ (steht für lesbisch, schwul, bisexuell, trans, inter und queer) in New York war.

In der Nacht vom 27. zum 28. Juni 1969 brannten die Mülltonnen vor dem "Stonewall Inn". 

Als die Polizei die Kneipe räumte, wehrten sich die Besucherinnen und Besucher. Tagelang demonstrierten danach Menschen vor der Bar gegen Homo- und Transfeindlichkeit. Das Haus in der Christopher Street wurde zum Symbol. In Erinnerung an die Aufstände feiert die LGBT-Community heute den Christopher Street Day.

Das kleine Backsteinhaus des "Stonewall Inn" steht noch immer. Noch immer ist es eine Kneipe, in der sich die Community zu Cocktails und Bier trifft. Donnerstags gibt es eine Dragshow, Freitags wechselnde DJs. 2016 erklärte US-Präsident Barack Obama das "Stonewall Inn" zum Nationaldenkmal – hunderte LGBT pilgern jedes Jahr an den Ort. Gerade heute, wo das Klima für LGBT in den USA rauer wird. (Spiegel Online)

Was bedeutet das Stonewall heute für junge, queere Menschen? bento war in New York und hat mit Besucherinnen und Besuchern des Memorials gesprochen.

Chris (rechts), 32, mit seinem Freund Michael