Bild: Katharina Hölter/bento

Immer, wenn etwas in ihrem Leben schief läuft, könnte Marie es mit diesem einen Tag vor zwölf Jahren entschuldigen. Mit dem, was ihr widerfahren ist. Aber das will sie nicht. Marie hat beschlossen, glücklich zu sein.

Dabei hatte auch der Tag damals die besten Voraussetzungen, ein guter für Marie zu werden. Sie heißt eigentlich anders, möchte für diesen Text aber anonym bleiben. Mit einer Freundin hatte Marie gerade drei Monate in Australien verbracht – am Strand, auf Partys, in Sydney beim Sightseeing. Ein Zwischenstopp in Singapur, dann sollte es für die beiden zurück nach Deutschland gehen. 

Aber als Marie an diesem Morgen im Juli aufwacht, weiß sie nicht auf welchem Kontinent sie ist. Es ist früh, langsam öffnet sie ihre Augen, die Sonne scheint ihr ins Gesicht. Erst sieht sie verschwommen, dann immer klarer. Das ist nicht das Hotelzimmer in Singapur, in dem sie eigentlich hätte aufwachen sollen.

Marie schaut an sich herunter. Sie liegt auf einem Bett, bedeckt mit einem dünnen Tuch, das um sie gebunden ist. Darunter trägt sie nichts außer ihrer Unterhose, so erinnert sie sich heute.

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Ihre Freundin liegt angezogen neben Marie im Bett, am anderen Ende des Raumes ein Mann, dunkle Haut, lockige Haare, um die 40. Marie kennt ihn nicht. Er schläft noch auf dem Sofa. Irgendetwas fühlt sich komisch an, Marie weiß nicht genau was. Benebelt sieht sie Erbrochenes auf dem Boden. Dunkel erinnert sie sich, es muss ihres sein. Marie macht es weg und geht duschen.

Unter der Dusche kehren immer mehr Erinnerungen zurück. 

Die beiden Freundinnen trafen den Mann am Abend vorher auf den Straßen Singapurs, auf der Suche nach einem Restaurant. Sie waren müde vom Flug, wollten einfach nur schnell essen. Er bot seine Hilfe an.

Der Mann zeigte ihnen ein Restaurant. Erst wartete er an der Bar, dann spendierte er den beiden Drinks. Es wurden immer mehr. Wahrscheinlich schüttete er K.o.-Tropfen hinein – das vermutet Marie im Nachhinein. Dann verblassen die Erinnerungen. Marie hat bis heute keine Ahnung, wie sie in die Wohnung gekommen ist. Das liegt nicht am Alkohol, das fühlt sich anders an. Ihr fehlen Stunden ihres Lebens. Da ist nichts. 

Als sie aus der Dusche kommt, sind ihre Freundin und der Mann wach. Sie wollen frühstücken gehen, Marie fühlt sich unwohl, lässt sich aber überreden. Nach dem Essen kehren sie zurück in die Wohnung, Marie ist immer noch schlecht, sie legt sich auf das Sofa. 

Der Mann kommt dazu, streichelt sie an Arm und Bauch. Eine Berührung wie eine Ohrfeige. Ihre verschwommenen Erinnerungen täuschen nicht. Plötzlich fällt es ihr wieder ein, sie sieht die Szene vor sich, unerträglich klar. Sie erinnert sich an den Mann mit den blutunterlaufenen Augen, der mit Gewalt in sie eindringt. An seine dunklen Hände, mit denen er sie gegen ihren Willen festhält. Da ist sie sich ganz sicher. An den Versuch, sich zu wehren, aber wie gelähmt zu fühlen. An ihre Freundin, die nichts mitbekam und sich auch nicht erinnern kann.  

Marie schreit den Mann an: "Was hast du getan?" Er schreckt zurück, sein Blick wird düster, er beschimpft Marie. "Du bist verrückt, du wolltest es doch auch", schreit er zurück. 

Nein, diesen Schmerz hat sie nicht gewollt. Niemals.

Wenn Marie, 33, die Geschichte dieses Abends heute erzählt, dann macht sie kaum eine Pause. Keinen Satz führt sie richtig zu Ende. Es soll schnell vorbei sein. "Missbrauch oder Vergewaltigung", flüstert sie, "habe ich früher nie sagen können." Jetzt kann sie es, aber nur ganz leise.

Marie, dunkle Haare, kleine, schmale Figur, lebt heute in Berlin und arbeitet in einer Medienagentur. Erst kürzlich ist sie zur Teamleiterin befördert worden. Sie wohnt in einer Zweizimmer-Wohnung mit hohen Decken, liebt es, im Café gleich nebenan ein Stück Kuchen zu essen. Geht regelmäßig joggen. 

So sieht Maries Alltag aus. Die meiste Zeit unbeschwert, wären da nicht die Alpträume. In letzter Zeit sind sie wesentlich seltener geworden. Weil Marie etwas gefunden hat, das sie stark macht.

Hast du Ähnliches erlebt? Hier findest du Hilfe

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Tel.: 08000 116016) bietet rund um die Uhr direkte kostenfreie Hilfe in 15 verschiedenen Sprachen an. Möglich sind auch Online-Beratungen.

Die Telefonseelsorge von evangelischer und katholischer Kirche ist unter Tel.: 0800 1110111 kostenfrei zu erreichen.

Speziell für muslimische Frauen bietet das Muslimische SeelsorgeTelefon kostenfreie Hilfe unter Tel.: 030 443509821.

Die Hilfsorganisation Caritas bietet Online-Beratungen und direkte Hilfe vor Ort: In vielen Städten betreibt die Caritas Beratungsstellen, an die du dich wenden kannst, wenn du persönliche Hilfe benötigst.

Opfer von Kriminalität und Gewalt können sich an den Weißen Ring wenden, der telefonisch und persönlich weiterhilft. Das bundesweite Opfer-Telefon ist aus jedem Ort Deutschlands ohne Vorwahl unter Tel.: 116006 zu erreichen.

Wing Tsun heißt die Kampftechnik, die der Legende zufolge vor rund 400 Jahren von einer zierlichen Frau in China erfunden wurde. "So klein wie ich bestimmt", sagt Marie.

Zwei Abende die Woche verbringt Marie mindestens im Studio. Hier zwischen Bodenmatten, Buddha-Figuren und Holzmännern kämpft sie mit Jugendlichen, die an ihren Schulen mit Gewalt zu tun haben, mit Männern, die einen Ausgleich zum Job suchen oder mit Frauen, die lernen wollen, Nein zu sagen und dieses auch durchzusetzen. 

Marie kämpft gegen ihre Erinnerungen – darum, ihre Traurigkeit in Selbstbewusstsein umzuwandeln.

Die Übungen beginnen. Eine Trainingspartnerin greift Marie am Kragen ihres T-Shirts. Marie schlägt die Arme der Angreiferin herunter, knallt ihr die Hand gegen die Halsschlagader und boxt an das Kinn ihrer Gegnerin. 

Als sie vor einem halben Jahr zum ersten Mal hierher kam, wollte Marie die anderen am liebsten nicht berühren. Aus Angst ihnen weh zu tun, aus Angst vor Nähe. 

"Sie hat sich kaum getraut, einem die Hand zu geben, jetzt kommt sie richtig auf einen zu, freut sich, einen zu umarmen", sagt Micha*. Er ist Maries Trainer und eine wichtige Vertrauensperson.

„"Missbrauch oder Vergewaltigung habe ich früher nie sagen können."“
Marie

"Ihn umarme ich am liebsten, obwohl mir große Männer Angst machen. Aber er ist so eine gute Seele", sagt Marie und lacht. Das tut sie selten. Gleich in der zweiten Stunde hat Marie ihn gebeten, keine Übungen mitmachen zu wollen, bei denen sie auf dem Boden liegt und jemand anderes auf ihr. Sie deutete an, was in Singapur passiert war. Er stellte keine Nachfragen. Maries Bitte hat er noch nie vergessen.

Es heiße, nirgendwo lerne man jemanden so gut kennen, wie beim Küssen und beim Kämpfen, sagt Micha. 

Den Menschen, den Marie ganz neu kennenlernt, ist sie selbst. Ihre Stärke. Denn ihren Gegner kennt Marie schon sehr genau, er steht ihr in Gedanken oft gegenüber. Immer mal wieder blitzen Erinnerungen auf, meist nachts, wenn Marie im Bett liegt. Wieso sind wir mit ihm gegangen? Habe ich auch Schuld daran? Immer wieder hat sich Marie diese Frage gestellt. "Nein", sagt sie. "Kein Mann darf diese Situation ausnutzen, geschweige denn eine Frau willenlos machen."

Vor einigen Wochen beim Training habe sie sich zum ersten Mal bei einer Übung ihren Vergewaltiger vorgestellt. Das düstere Gesicht, die lockigen Haare. Mit der flachen Hand schlug sie auf eine Pratze. Immer wieder. "Es hat richtig geknallt", sagt Marie. Da war sie endlich, die Wut, die sich Marie viel häufiger wünscht. Denn:

"Ich habe noch nie wegen damals geweint. Nur wenn ich etwas getrunken hatte."

Heute hat sie auch keinen Kontakt mehr zu der Freundin, die in der Nacht neben ihr lag. Die wollte zuerst nicht wahrhaben, was passiert war, dann machte sie sich Schuldvorwürfe, an ihr hatte der Mann sich nicht vergangen. Sie und Marie zerstritten sich. 

Sexuelle Belästigung

Sexuelle Belästigung kann bei Anstarren beginnen, sie reicht von anzüglichen Bemerkungen, Belästigungen per Telefon oder Internet, Stalking, unerwünschten Berührungen bis hin zu gewalttätigen Übergriffen, einer Vergwaltigung. Eine von drei Frauen hat seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Studie der Europäischen Grundrechteagentur aus dem Jahr 2014. Demnach wurde einer von fünf Frauen nachgestellt, und jede zweite Frau war mit einer oder mehreren Formen der sexuellen Belästigung konfrontiert. 42.000 Frauen aus 28 Mitgliedstaaten der EU wurden dazu befragt.

Angezeigt hat Marie den Mann aus Singapur nie. "Ich hatte doch nichts, keine Adresse, keinen Namen, keine blauen Flecken – und einen Prozess hätte ich nie durchgestanden." Heute aber würde sie jeder Frau raten, es zu tun.

Sowieso würde Marie heute einiges anders machen. Zum Beispiel gleich ganz offener über alles reden. Zehn Jahre hat es gedauert. Warum?

"Ich glaube, es war die Angst davor, wie die Gesellschaft damit umgeht", sagt Rabea*. Sie ist Maries Zwillingsschwester und engste Vertraute. Das erkennt jeder Besucher in Maries Wohnung sofort. Bilder von ihr und Rabea stehen überall auf ihren Anrichten. Es gibt Tage, an denen telefonieren die beiden dreimal miteinander. "Wir hatten Angst davor, dass Marie eine Mitschuld gegeben wird. Man hat immer die Menschen im Ohr, die sagen: 'Wenn ihr Rock so kurz war und sie sich auf Getränke einladen lässt, ist sie doch selber Schuld'", sagt Rabea. Sie spricht oft von "Wir", als sei es auch ihr Schicksal.

Rabea war die erste, die Marie nach der Nacht in Singapur anrief. "Es ist etwas passiert, jemand hat mich angefasst", mehr konnte Marie damals nicht sagen. "Wir haben sogar erst überlegt, unserer Mutter gar nichts zu sagen", sagt Rabea, so groß war die Angst vor den Reaktionen. Bei Maries leiblichen Vater ist das bis heute so, die Eltern leben getrennt. Als Marie es der Mutter schließlich doch sagte, fing diese an zu weinen, nahm Marie in den Arm. 

"Sie war überfordert, konnte nicht weiter nachfragen", erinnert sich Marie. "Ich wollte das auch nicht, ich habe immer zu ihr und meiner Schwester gesagt: 'Macht euch keine Sorgen, mir geht's gut.'" Alle Beschreibungen des Abends blieben kryptisch. Heute weiß sie: Das war falsch.

„"Wir haben sogar erst überlegt, unserer Mutter gar nichts zu sagen"“
Rabea

Wenig hat ihr in den vergangenen Jahren geholfen, nicht die Traumatherapie, nicht die Arbeit und auch nicht immer der verständnisvolle Freund, mit dem sie ein halbes Jahr nach der Nacht in Singapur zusammenkam. 

Irgendwann nahm der Stress zu. Maries Magenschleimhäute entzündeten sich, fast zwei Jahre hatte sie mit Unverträglichkeiten zu kämpfen. Erst schob sie es auf die Arbeit. Aber dann sieht sie die wahre Ursache plötzlich überall. Da gibt es die Silvesternacht in Köln, den Prozess um Gina-Lisa Lohfink, die Diskussion um ein neues Sexualstrafrecht. Die Schuldzuweisungen an die Opfer, die Tabuisierung. "Da war alles wieder so präsent", sagt Marie. 

Sie begriff: "Ich hatte noch nichts richtig verarbeitet."

Also suchte sie im Internet zunächst nach einer Therapeutin. "Frauen sind mir lieber, ich habe auch fast nur Freundinnen. Aber irgendwann dachte ich: 'Was ein Mann zerstört hat, muss auch ein Mann wieder heile machen.'" Seit einem Jahr nun besucht Marie einen Therapeuten, legt sich bei ihm auf eine Liege und erzählt. Er stellt keine Fragen, hört einfach zu. Neulich fragte Marie ihn, wann es endlich aufhören würde, weh zu tun.

Er antwortete: "Es wird immer schmerzhaft sein, aber du wirst lernen, damit umgehen zu können."

Da ist sich Marie jetzt auch sicher. Auch Rabea spürt eine Veränderung bei ihrer Schwester: "Sie ist viel offener. Früher zeigten ihr Blick oft nach unten, jetzt geht sie aufrecht."

In schwierigen Situationen denkt Marie an den Satz ihres Therapeuten und an Michas Übungen. So wie kürzlich in der S-Bahn, als ein betrunkener Mann sie im überfüllten Wagen immer wieder musterte. Von oben nach unten wanderte sein Blick an ihrem Körper entlang. Manchmal stoppte sein Blick auf Brusthöhe. 

Dann sprach er sie an, fragte nach der Uhrzeit. Erst tat Marie so, als verstehe sie seine Frage nicht, antwortete dann kurz. Es dauerte einige Sekunden, dann sprach der Mann sie wieder an. 

Dieses Mal reichte es Marie. "Ich will nicht mit dir reden", sagte sie laut. Selbst überrascht davon, wie laut. 

*Alle Namen wurden für diesen Text geändert, damit die Personen anonym bleiben.


Today

700 Millionen Kinder leiden unter Gewalt, Zwangsheirat und schlechter Bildung

Zum heutigen Weltkindertag hat die Kinderrechtsorganisation Save the Children einen Bericht zur Situation von Minderjährigen weltweit veröffentlicht. Er heißt "Geraubte Kindheit" – denn laut ihren Untersuchungen in 172 Ländern leidet mehr als ein Viertel aller Kinder unter extremer Gewalt oder anderen sozialen Problemen wie Frühverheiratung, schwacher Gesundheit und fehlenden Bildungsmöglichkeiten. (SPIEGEL ONLINE)

Rund ein Viertel aller Kinder unter fünf Jahren leidet dem Bericht zufolge unter Wachstumsverzögerungen wegen Mangelernährung. 168 Millionen Kinder müssen arbeiten, davon 85 Millionen unter gefährlichen Bedingungen. "Diesen Kindern wird alles geraubt, was eine Kindheit ausmacht", sagte Bidjan Nashat, Vorstandsmitglied von Save the Children.