Bild: Justin Muñoz
Ein Interview mit der Frauenrechtlerin Amber Amour

Anfang Dezember 2015 schrieb Amber Amour, sie sei vergewaltigt worden. Die 27-jährige Frauenrechtsaktivistin postete ein Foto von sich auf Instagram – in der Dusche sitzend, weinend. In den darauffolgenden Posts zeigt sie, wie sie beim Arzt untersucht wird und wie sie mit der Polizei zurück an den Ort des Geschehens geht. Warum sie das tat und was sich in der Gesellschaft ändern muss, um Vergewaltigungen zu verhindern, erklärt sie im bento-Interview.

Anfang Dezember 2015 hast du ein Foto von dir bei Instagram gepostet. Im Beschreibungstext schilderst du, wie du zuvor vergewaltigt worden bist. Wieso hast du das getan?

Amber Amour: Ich entschied mich, auf Instagram zu posten, weil ich nicht wollte, dass er damit davon kommt. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht zur Polizei gegangen, aber ich wusste, dass ich eine Community von 20.000 Followern habe, die mich unterstützen und mir helfen würde, das zu überstehen. Überlebenden sexueller Gewalt bringe ich tagtäglich bei, wie sie ihren Schmerz in Stärke umwandeln können. Ich habe Stärke daraus geschöpft, öffentlich zu machen, was mir passiert war.

In ihrem Post schreibt Amber:
"It was only a few minutes ago but sometimes these things happen so fast it's hard to remember all the details.... [...] As soon as I got in the bathroom, he forced me to my knees. I said "stop!" but he just got more violent. He lifted me up and put his penis in my vagina. I asked him to stop, again, as I began to cry. When he shoved it in my ass, that's when I passed out. [...] I have all those fucked up feelings that we get after rape...shame, disgust, suffering. I'm here, alone, and any DNA has been wiped away in the shower.[...]"

Was ging dir durch den Kopf, als du deine Geschichte aufgeschrieben hast?

Amber: Ich bin mir nicht sicher, was ich dachte, während ich den Post verfasste. Ich war hektisch und zitterte. Ich hoffte nur, ihn nie wiedersehen zu müssen. Und ich war voller Sorge.

Was hast du dir durch den Post erhofft?

Amber: Zwar hatte ich keine bewussten Hoffnungen oder Erwartungen, aber mir wurde danach bewusst, dass es Menschen helfen könnte, zu verstehen, dass egal was passiert, die Schuld nie beim Opfer liegt. Ich wollte sie wissen lassen, dass sie nicht allein sind. Ich wollte sie wissen lassen, dass sie sich nicht "in diese Situation gebracht" haben oder "danach gefragt haben". Per Definition kann man nicht nach Vergewaltigung fragen.

Bereits Ende 2014 hast du eine Kampagne gestartet: #StopRapeEducate. Wie kam es dazu?

Amber: Ich startete #StopRapeEducate im September 2014, nachdem mein Mitbewohner in New York City mich sexuell belästigte. Ich fühlte mich von der Polizei nicht unterstützt, also entschied ich, die Kontrolle über die Situation zu ergreifen und der Welt davon zu erzählen. Zuerst schrieb ich für #StopRapeEducate Kreidenachrichten auf die Straßen von NYC – darüber, wie wir eine friedvolle Welt kreieren können. Das machte ich jeden Tag, ein Jahr lang und im Oktober 2015 ging ich auf #StopRapeEducate-Welttournee, die frühzeitig endete, als ich in Kapstadt vergewaltigt wurde.

Was möchtest du mit #StopRapeEducate erreichen?

Amber: #StopRapeEducate hatte seinen Lauf. Ich würde mich gern mit etwas beschäftigen, dass lösungsorientierter ist – deshalb habe ich eine neue Bewegung gestartet, die "Creating Consent Culture" heißt. Vergewaltigung ist das Problem. Die Lösung? Eine Kultur des Einverständnisses zu schaffen, in der wir ERST FRAGEN, in der wir kommunizieren, in der wir Überlebende sexueller Gewalt unterstützen. Mein Ziel ist es, "Einverständnis" in den Schulen zu unterrichten und den Begriff "Kultur des Einverständnisses" bis zum Ende des Jahres Mainstream zu machen. Ich habe das Gefühl, dass das nur der Anfang einer Revolution ist.

Was würdest du Opfern sexueller Gewalt auf den Weg geben?

Amber: An alle Überlebenden da draußen: Ich will, dass du weißt, dass du das Schlimmste überstanden hast und dass es jetzt vorbei ist. Es gibt nichts, wofür du dich schämen musst. Es war nicht dein Fehler. Du bist wunderschön und die Welt braucht dein Licht. Lass es scheinen.

Nachgeschichte

Der Mann, der Amber vergewaltigte, wurde Anfang 2016 festgenommen, dann aber auf Kaution freigelassen, schreibt sie auf ihrer Facebookseite. Das Gerichtsverfahren zu ihrem Fall wird Ende März fortgesetzt.

I found out yesterday that the man who raped me was arrested!! And then he was released on bail for 1000Rand, about $75....

Geplaatst door Amber The Activist op zaterdag 2 januari 2016