Sofía lebt seit einigen Monaten in Hamburg. Geboren und aufgewachsen ist sie in Mexiko-Stadt. Dort machte sie deutsches Abitur, deshalb beherrscht sie die Sprache fast perfekt. In ihrem Freiwilligendienst in Hamburg kümmert sie sich um junge Austauschstudierende aus aller Welt. Der Job gefällt ihr, auch in ihrer Gastfamilie fühlt sie sich wohl. 

Trotzdem gibt es Dinge in Deutschland, die für Sofía nur schwer zu verstehen sind: die vielen Fahrräder auf den Straßen, der Perfektionismus der Menschen, das ständige Pochen auf Pünktlichkeit. "Da sind wir Mexikaner etwas entspannter", sagt sie. Eine Sache findet sie besonders seltsam: die vielen Vereine. "Das ist einfach verrückt. Ihr habt wirklich für alles Vereine – sogar fürs Kaninchenzüchten", sagt sie. 

🇩🇪 Was geht, Deutschland?

Wer in Deutschland neu ankommt, kann sich über vieles wundern: Hunde an Leinen, Blutwurst, Schützenfest. Wir Deutschen haben Gewohnheiten, die wir selbst nicht außergewöhnlich finden – andere aber schon. Wir wollen wissen, was den "Neuen" hier auffällt. Und wir wollen selber herausfinden, was hinter den deutschen Eigenheiten steckt. Wir lassen Fragen stellen – und machen uns auf die Suche nach Antworten. Also, was geht, Deutschland?

Sofía trat in Deutschland selbst in einen Verein ein – um Ballett zu tanzen. Auch in Mexiko hat sie mehrere Jahre Bühnentanz gemacht, in einem Verein war sie dafür nicht. "Bei uns in Mexiko gibt es auch nichts, was man mit den Vereinen hier in Deutschland vergleichen könnte. Wir haben Schulsport und Gruppen, wo sich Menschen treffen, die verschiedene Sportarten machen wollen", sagt sie. "Aber keine richtigen Vereine mit einem Vereinsleben und einem Vereinsgefühl." Für Sofía sind Vereine "eine typisch deutsche Sache". 

Sie fragt sich: 

"Warum gründen die Deutschen so viele Vereine?"

Wir haben bei Daniel Watermann nachgefragt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und hat zum Vereinswesen in der Kaiserreichszeit promoviert. 

Ihm zufolge reichen die Wurzeln des Vereinslebens, wie wir es kennen, bis ins 18. Jahrhundert zurück. Damals hießen Vereine noch Assoziationen oder Gesellschaften und trugen einen für frühere Verhältnisse revolutionären Gedanken in sich: Die Menschen fanden dort Gelegenheit, sich unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Stand zu organisieren und gemeinsame Interessen zu verfolgen. 

So diskutierten sie beispielsweise gemeinsam in Lesegesellschaften über die aktuelle Politik. Schon damals wurden die Teilnehmenden über ihre Mitgliedschaft an bestimmte Aufgaben und Pflichten gebunden, es gab Vereinsstatuten. Das Ergebnis: Gemeinsam versuchten alle Beteiligten, die Strukturen dieser Gesellschaften zu erhalten, schließlich hatten sie ein gemeinsames Interesse: einer Leidenschaft, einem Thema nachzugehen. 

Im Laufe des 19. Jahrhunderts übernahmen praktisch alle gesellschaftlichen Gruppen, zum Beispiel die Arbeiter- oder Frauenbewegung, den Verein als Organisationsmodell. Der hat Watermann zufolge einen weiteren Vorteil: "Trotz der Bindung durch die Mitgliedschaft ist es jedem jederzeit möglich, den Verein zu verlassen", sagt er.

Die perfekte Struktur, um gemeinsam ein Interesse zu verfolgen: zusammen einen Verein gründen. 

(Bild: Brooke Cagle/Unsplash )

Das Vereinswesen in Deutschland basiere maßgeblich auf seiner Qualität, einen Rahmen zu schaffen, um gesellschaftliche Anliegen zu regeln, sagt Watermann. "Die Deutschen haben gelernt, dass sich prinzipiell jeder erdenkliche Zweck mit dem Verein dauerhaft und adäquat organisieren lässt."

Sind Vereine denn wirklich nur ein "deutsches" Phänomen?

Das haben wir Annette Zimmer von der Universität Münster gefragt. Sie ist Professorin für Deutsche und Europäische Sozialpolitik sowie Vergleichende Politikwissenschaft und forscht seit Mitte der Achtzigerjahre zum Vereinswesen. 

Dass nur die Deutschen sich in Vereinen engagieren, sei ein Gerücht, sagt sie: Es stimme zwar, dass sich die Zahl der Vereine hierzulande seit den Sechzigerjahren mehr als verfünffacht habe und jeder zweite Deutsche Vereinsmitglied sei – doch beispielsweise die skandinavischen Länder stünden uns hier in nichts nach. Im Gegenteil: "Was das Engagement und die Bereitschaft angeht, in einem Verein auch Verantwortung zu übernehmen, schneiden die skandinavischen Länder im internationalen Vergleich am besten ab", sagt Zimmer. Das liegt ihrer Meinung nach unter anderem am starken Sozialstaat in den skandinavischen Ländern: Der schafft, so Zimmers Vermutung, gute Rahmenbedingungen für soziales und ehrenamtliches Engagement. 

Und heute? 

Die Zahl neuer Vereine steigt zwar noch immer – aber sehr viel langsamer als früher, bestätigen die beiden Experten. Wurden im Jahr 1995 noch 22 000 neue Vereine eingetragen und 4500 gelöscht, wurden 2016 nicht nur deutlich weniger Vereine ins Amtsregister eingetragen (14 000), sondern auch doppelt so viele (9000) ausgetragen.  

Wie beliebt sind Vereine bei diesen jungen Leuten? 

Zimmer zufolge bringen gerade Jugendliche und junge Erwachsene sich häufiger in einen Verein ein, als es die öffentliche Meinung vermuten lässt. Die Interessen der jungen Leute haben sich demnach in den vergangenen Jahrzehnten außerdem wenig gewandelt. "In den Achtzigerjahren haben junge Leute vor allem Umweltthemen bewegt. Ein weiterer Schwerpunkt war die Solidarität mit dem globalen Süden", sagt Zimmer. 

Um­welt und Na­tur­schutz seien auch jetzt zentrale Bereiche von Vereinsarbeit, genauso Bil­dung und Er­zie­hung. In den vergangenen Jahren kamen die Hilfe und Unterstützung von Migrantinnen und Migranten hinzu. Ganz besonders aber boomen aktuell För­der­ver­ei­ne als Unterstützung für öffentliche Einrichtungen, etwa für Schu­len, Museen oder Theater. "Man sieht hieran, wo den Bürgern der Schuh drückt und die öffentliche Hand nicht mehr hält, was sie verspricht", sagt Zimmer. 

Vor allem in Sportvereinen engagieren sich junge Leute wie Sofía: Knapp 40 Prozent der 19- bis 26-jährigen Männer sind Mitglied in einem Sportverein, knapp 25 Prozent der Frauen in dieser Altersgruppe (Statista). Mit zunehmendem Alter wird der Anteil geringer, bei Kindern und Jugendlichen ist er höher. 

Zimmer zufolge ist ein großes Problem derzeit: Kaum jemand möchte heute mehr eine Führungsposition in einem Verein übernehmen. "Die Erwartungen, die an die Vereine gestellt werden, haben in den letzten Jahren immer weiter zugenommen – das trauen sich einfach nicht mehr viele zu", sagt die Expertin.

Vereine sind aber nicht nur eine Möglichkeit, gemeinsam einem Interesse nachzugehen, sondern auch, Kontakte zu knüpfen. Gerade, wenn man in einer Situation ist wie Sofía – neu im Land, neu in der Stadt. Und auch, wenn die Vereinsliebe der Deutschen für Sofía noch etwas gewöhnungsbedürftig ist: "Ich habe dadurch neue Menschen kennengelernt – und das war total wichtig für mich."

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Framing-Versuch: Was wirklich hinter #Merkelfilter steckt
So will sich die SPD rausreden.

Das EU-Parlament hat der umstrittenen Reform zum Schutz von urheberrechtlich geschützten Inhalten zugestimmt. In der Kritik stand vor allem der umstrittene Artikel 13 (mittlerweile Artikel 17). Dieser sieht Plattformen wie Facebook oder YouTube stärker in der Verantwortung, gegen illegal hochgeladene Inhalte vorzugehen. Die Richtlinie könnte dazu führen, dass künftig automatische Filter entscheiden, was veröffentlicht wird. Solche Filter können aber legale kaum von illegaler Nutzung unterscheiden, etwa bei Satire oder Berichterstattung.

Auf Twitter kündigten daraufhin Nutzerinnen und Nutzer an, bei der Europawahl auf keinen Fall die CDU/CSU zu wählen. Um ihre Kritik rauszulassen nutzen sie vor allem zwei Hashtags: #niemehrcdu und #merkelfilter