Bild: Ba Phi
"Bin ich jetzt der Mann im Haus?"

Väter sind eigenartige Geschöpfe: In einem Moment erscheinen sie wie allwissende Familienchefs, im nächsten sind sie unfähig, Nudeln zu kochen. Die einen reagieren manchmal streng, häufig stolz, für ihre Töchter und Söhne sind sie Vorbilder. Manche, so wie meiner, haben einen unerschöpflichen Fundus an guten Ratschlägen und schlechten Witzen. Kleine Hunde etwa nannte mein Vater auf der Straße laut "Nachtisch". Wie peinlich, dachte ich als Teenager. Jetzt fehlen mir seine Sprüche.  

Mein Vater war der beste Mann, den ich je kannte. An dem Tag als er starb, wurde ich schlagartig erwachsen. 

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich noch ein Baby war. Trotzdem gingen sie immer respektvoll und freundschaftlich miteinander um, telefonierten häufig und ließen mich entscheiden, wann ich bei wem sein wollte. Wenn ich mich an meinen Vater erinnere, dann denke ich zuerst an Sommerurlaube. Italienreisen mit dem Campingwagen, Baden in der Türkei oder in Griechenland. 50 Wochen im Jahr arbeitete er als Selbstständiger durch, er nahm sich nur frei, um Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Er sparte das ganze Jahr, um uns zu unterstützen. Bei ausgebliebenem Bafög und kaputter Waschmaschine hatte er immer eine Lösung parat. 

Wenn ich mal zwei Wochen lang nicht anrief, gab er sich beleidigt und lachte dann doch. Er nannte mich dann "Großer" – als ältestes von drei Kindern war das schon immer mein Spitzname, obwohl meine kleine Schwester mir schon mit 12 über den Kopf wuchs. 

Nachdem ich volljährig wurde, ging mein Vater mit mir gemeinsam in Kneipen und erzählte mir schon bald unnötig detaillierte Dating-Geschichten. Er respektierte mich wie einen Erwachsenen, wie einen Freund. Dabei blieb sein "Großer" der verwirrte und planlose Junge, dessen schimmliges Geschirr seine Mitbewohner in den Wahnsinn trieb. Der, der die frühe Vorlesung verpennte und seine Finanzen nie unter Kontrolle bekam. Und er blieb mein Vater, der auf alles eine Antwort hatte und mir aus jeder Patsche helfen würde. Ich war mir sicher, dass es immer so sein würde. 

Mit einem Zucken im Bein war er eines Tages zum Arzt gegangen, nach Hause kam er mit einem Hirntumor. 

Er besuchte mich in meiner Unistadt, um mir von der Diagnose zu erzählen. Wir saßen in einem Studentencafe, vor uns zwei Stücke Käsekuchen, die keiner anrühren wollte. Ich starrte den Kuchen an und wurde wütend. Wütend darüber, dass die Welt meinem Vater so etwas antat. Zu wütend, um zu weinen. 

Er sagte, dass er mir nun kein Geld mehr fürs Studieren zuschießen könne. Als ob mich das in diesem Moment interessiert hätte. Hatte er Angst? Wollte er ablenken? Glaubte er wirklich, dass alles wieder gut werden würde, so wie er mir versicherte? Ich traute mich nicht zu fragen. Der "Große" kleine Junge konnte nichts sagen. 

Es wurde nicht wieder gut. Operationen, Chemo und Bestrahlungen halfen nicht. Der Krebs lag zu dicht am Bewegungszentrum, die letzte verzweifelte OP zwang ihn in den Rollstuhl. Er wurde immer kleiner und dünner. Trotzdem wirkte er mit seinem Kampfgeist und seiner Willsensstärke größer, als die meisten es je sein werden. Wenn ich weinte, sagte er, es gebe keinen Grund zum Traurigsein. "Ich habe alles richtig gemacht im Leben." 

Und ich? Schämte mich, denn ich wusste zu oft nicht, was ich sagen sollte. Bei jedem Abschied wurde schmerzhaft deutlich, dass es der letzte sein könnte. Die Ärzte konnten nichts mehr tun, das wussten wir beide. Die Tür zu seinem Zimmer zu schließen, fühlte sich zunehmend wie Verrat an. Ich ging zurück in mein Leben, er blieb dort und wartete auf etwas Unbekanntes. 

Meine Besuche wurden seltener. Am Tag, an dem er starb, hätte ich das erste Mal seit zwei, drei Wochen wieder Zeit für ihn gehabt. Ich hatte gute Nachrichten, wollte ihm stolz von den ersten Tagen im neuen Job berichten. Vorher kam der Anruf aus dem Hospiz. 

Zwar hatte ich monatelang Zeit gehabt, mich auf diesen Moment vorzubereiten. Trotzdem traf es mich, als würde ich das erste Mal von seiner Krankheit hören. Wenn ich an den Tag zurückdenke, ist da nur ein dumpfes Dröhnen. Zwar traf ich mich mit meinem Bruder, telefonierte mit der Partnerin meines Vaters. An keines der Gespräche kann ich mich erinnern. Den Rest des Tages funktionierte ich nur mechanisch, als erledigte jemand anders meine Aufgaben und ich wäre Beifahrer in meinem Körper. 

Nur ein Gedanke blieb: "Du bist jetzt der Mann im Haus." Ein bekloppter Gedanke. Denn erstens waren meine Eltern seit Jahrzehnten geschieden und hatten neue Partner und eine Partnerin gefunden. Zweitens hatten wir nie ein gemeinsames Haus. Drittens war ich schon lange ausgezogen. Und viertens waren sogar meine Geschwister inzwischen keine Kinder mehr. Und doch fühlte ich, dass sich etwas in der Wahrnehmung geändert hatte. Nicht für die anderen, sondern für mich. Ich wusste, dass ich nun Verantwortung übernehmen musste. Für andere? Wahrscheinlich. Für mich selbst? Auf jeden Fall.

Denn der Mann, auf den ich mich immer würde verlassen können, war weg. 

Wobei, nicht ganz. Ich erkenne ihn häufig in mir wieder. Wenn Menschen uns ein Leben lang begleiten, schauen wir uns unweigerlich etwas von ihnen ab. Seine größte Stärke in meinen Augen: Er war immer für andere da. Einmal, als es meiner Mutter schlecht ging, fuhr er zwei Stunden durch die Nacht, nur um sie und uns zu trösten. Ich wusste, dass er alles getan hätte, um seine Familie, um mich zu unterstützen. Eine Eigenschaft, die ich in den Jahren zuvor als ewig abgebrannter Student zu gerne und zu oft in Anspruch genommen hatte. 

Und ich wusste, dass dieser Teil meines Vaters in mir weiterleben sollte. Ich stürzte mich in den neuen Job und versuchte an diesem Tag, den faulen, verantwortungslosen Studenten durch den Mann zu ersetzen, auf den sich andere verlassen können. Ich nahm mir vor, erwachsen zu sein, weil er nicht mehr da war, um mich aufzufangen. 

Heute sage ich lieber Ja als Nein, wenn jemand Hilfe beim Umzug braucht. Es gibt kein schimmliges Geschirr mehr in der Küche, zwei Wochen vor Monatsende bin ich nicht mehr pleite. Wenn ich eine Frage zu "Erwachsenen-Themen" habe – egal ob kaputte Waschmaschine oder Steuererklärung – kümmere ich mich selbst darum. Wenn mir die Arbeit zu viel wird, mache ich sie trotzdem. Und wenn jemand Angst hat, nehme ich ihn in den Arm und versichere, dass alles gut wird. 

Väter sind eigenartige Geschöpfe. Wir sollten sie wertschätzen und von ihnen lernen, so lange wir sie haben. 

An dieser Stelle hat der Autor schon einmal über seinen Vater geschrieben.


Fühlen

EIL +++ Deutsche machen Witze über sich selbst! +++

"Deutsche Hummus" steht unter dem Bild einer Leberwurst. Darunter: tausende Likes. Der Instagram-Account @deutschedings postet erst seit wenigen Tagen Memes über typisch deutsche Produkte und Personen, hat damit aber schon fast 17.000 Follower gewonnen. Ähnlich sieht es bei den @alman_memes2.0 aus: Der Account liegt nach einem guten Monat bei fast 32.000 Abonennten. Der Erfolg dieser Kanäle ist mehr als ein witziges Internet-Phänomen – er sagt eine Menge über unsere Gesellschaft aus.