Wie sie lernt, mit der Wahrheit klarzukommen.

Das Gefühl anders zu sein, hatte Nina schon immer. Die Wahrheit erfuhr sie aber erst, als sie gerade volljährig war: "Vor ungefähr einem Jahr erzählte mir ein guter Freund der Familie von einer Affäre meiner Mutter 18 Jahre zuvor", sagt Nina. Eine Affäre mit einem Bekannten, den sie selbst kennt. Als sie ihn kurze Zeit später auf einer Feier traf, genügte ein Blick in seine Augen. Aus Zweifeln wurde ein Verdacht: "Was hast du für eine Augenfarbe?", fragte sie ihn perplex. "Ich hatte im Gefühl, dass diese Frage irgendwann einmal kommt", entgegnete er.

Beide haben graugrüne Augen. Eine Augenfarbe, die in Ninas Familie sonst niemand hat.

Sie tauschten Nummern aus und verabredeten sich kurz darauf, um gemeinsam zu überlegen, wie es weitergehen sollte. Sie wollten beide Gewissheit. Sie machten einen Vaterschaftstest. Heimlich. "Weil ich einfach immer noch die riesengroße Hoffnung hatte, dass alles nur ein Irrtum ist", sagt Nina.

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Vier Monate später war es soweit.

Per Post bekam Nina den Vaterschaftstest nach Hause geschickt. Gemeinsam wollten sie ihn öffnen. Zuerst scherzten sie darüber, was das Ergebnis für sie beide bedeuten würde. "Vor allem wohl aus Anspannung", meint Nina. "Als wir den Brief dann lasen, gab es aber keinen Zweifel mehr daran, dass ich ein Kuckuckskind bin."

Das Kind des Mannes, der ihr gegenübersaß und das die Mutter von einem Anderen aufziehen ließ.

"Da war es auf einmal wie verkehrte Welt. Ich bin einfach dort gesessen und wusste nicht, was ich denken oder sagen sollte."

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Trotzdem ging sie auch am nächsten Tag zur Arbeit, damals steckte sie mitten in der Ausbildung zur Krankenschwester. Sie dachte, sie könne den Alltag aufrechterhalten, einfach weitermachen wie vorher. Doch als eine Kollegin fragte, was los sei – da brach sie zusammen und hörte nicht mehr auf zu weinen.

In diesem Moment begannen Ninas dunkelsten drei Monate ihres Lebens. Sie wurde schwer depressiv. Zur Arbeit schaffte sie es schon bald nicht mehr. Später verweigerte sie auch ihr Essen.

"Es war nicht nur der Vaterschaftstest. Da kamen viele Dinge aus der Vergangenheit mit hoch." Die Scheidung der Eltern, als sie noch keine zehn Jahre alt war, ein schwieriges Verhältnis zur Mutter, das sie schon mit 15 Jahren von zu Hause ausziehen ließ.

In ihren dunkelsten Stunden dachte Nina sogar an Suizid - immer dann, wenn sie am Bahngleis stand und einen heranfahrenden Zug sah. Sie dachte daran, wie schnell und leicht sie alles beenden und die Gedanken zum Schweigen bringen könnte.

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Doch so weit kam es nicht: Weil sie während der Arbeit zusammenbrach, musste sie in psychiatrische Behandlung. Als sie ihrem Therapeuten dort von ihren Selbstmordgedanken erzählte, wollte der sie sofort in die Psychiatrie einweisen. "Alles, nur das nicht, dachte ich damals", sagt Nina.

Sie überzeugte ihren Therapeuten schließlich, dass zwei Abende in der Woche ausreichen, sie gesund zu machen. Auch die Sorge, wegen ihrer Fehlzeiten ein Ausbildungsjahr zu wiederholen, holte Nina zurück in die Realität. "Das hat mich angetrieben, weiter zu machen."

Ninas Freund kümmerte sich in dieser Zeit liebevoll. Zum Beispiel kochte er für sie, und ihm zuliebe aß sie immerhin ein bisschen. Irgendwann habe sie gemerkt: "Ich kann noch lange weinen, das ändert aber nichts. Also muss ich lernen, damit umzugehen."

Als es Nina ein wenig besser ging, entschied sie, ihre Eltern mit dem Vaterschaftstest zu konfrontieren.

Zuerst die Mutter. Weshalb sie nie etwas gesagt hatte? Doch die Mutter wehrt ab, will von nichts gewusst haben. Das Gespräch: kurz. Später schickte sie Nina noch eine SMS, sie könne alles fragen, was sie wissen will. Viel erfuhr sie aber auch dann nicht. Hängen blieb nur, dass ihre Mutter mit Ninas leiblichem Vater hätte zusammen sein wollen – hätte sie es gewusst.

Vorwürfe, dass es so nicht kam, macht Nina ihrer Mutter heute nicht. Denn der Vater, mit dem sie aufwuchs, der für sie da war, den liebe sie – auch wenn es nicht ihr leiblicher ist. "Er ist und bleibt mein Vater", sagt Nina.

Dass ihre Mutter nichts wusste, glaubt Nina ihr trotzdem nicht. "Man weiß doch, mit wem man geschlafen hat." Das alles habe sie deshalb immer im Hinterkopf. Wahrscheinlich hat sie deswegen zu ihrer Mutter nur noch wenig Kontakt. "Ich lebe jetzt mein Leben", sagt Nina.

Besonders große Angst hatte sie vor dem Gespräch mit ihrem Vater, also dem sozialen.

Der wurde erst wütend, richtig wütend. Warum sie nicht alles so gelassen habe, wie es war. Auch glaubte er ihr nicht sofort und verlangte ebenfalls einen Vaterschaftstest. Letztlich habe er sich aber dagegen entschiedenen – weil es auch für ihn eigentlich keinen Unterschied mache, sagte er ihr. "Er hätte es trotzdem wohl lieber nie erfahren", glaubt Nina.

Auch ihr sozialer Vater will nie etwas geahnt haben, sagt Nina. Sie hingegen erinnert sich durchaus an Momente des Zweifelns. Ihr Verhältnis zum Vater sei immer etwas weniger innig gewesen als das ihrer Brüder. "Aber ich konnte nicht genau sagen, ob das vielleicht mit der Pubertät zu tun hatte oder damit, dass ich ein Mädchen bin", sagt sie.

Doch dann, während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester: Erblehre. Sie lernte, es ist eigentlich unmöglich, dass zwei braunäugige Eltern eine so helle Augenfarbe wie die ihre vererben. Medizinische Ungereimtheiten entdeckte sie auch, als sie sich mit ihrer Blutgruppe und der ihrer Familie befasste.

"Obwohl schon immer so ein Gefühl war, wollte ich einfach nie darauf eingehen."

Nur wenigen Menschen erzähle sie diese Geschichte, sagt Nina. Dass sie ein Kuckuckskind ist, sei für selbst zwar inzwischen okay. Von anderen wolle sie kein Mitleid oder sich vor ihnen schämen müssen. Die Meisten, so sagt sie, seien immer schockiert und würden schlecht über ihre Mutter denken. Und obwohl Nina wisse, dass sie selbst am allerwenigsten Schuld habe, sei da ein Gefühl der Fremdscham.

Manchmal trifft sie sich heute mit ihrem leiblichen Vater zum Abendessen oder in einer Bar. "Aber natürlich kann man 18 Jahre nicht aufholen", sagt Nina. Zwischen ihnen habe sich daher eine Art freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Eine innigere Vater-Tochter-Beziehung, die wolle sie auch gar nicht. "Schließlich habe ich ja schon einen Vater."

Immerhin habe nicht jeder zwei Väter, sagte neulich jemand zu Nina. Klar, habe sie gedacht, aber das sei auch alles andere als einfach.

Und trotzdem: "Es ist meine Geschichte, es gehört zu mir und ich habe es akzeptiert."

Wie viele Kuckuckskinder gibt es?

Eine genaue Schätzung über die Anzahl von Kuckuckskindern gibt es nicht. Die Dunkelziffer ist hoch. Vorsichtige Meinungen gehen von jährlich 3,7 Prozent neugeborenen Kuckuckskindern aus, andere reden von 10 Prozent und mehr. 2014 wurden in Deutschland 715.000 Kinder geboren.

Trotzdem gebe es so gut wie keine öffentlichen Anlaufstellen oder Hilfsangebote und kaum Informationen im Netz, berichtet Ludger Pütz. Pütz selbst erfuhr vor einigen Jahren, dass sein Sohn nicht sein leiblicher ist. Er gründete daraufhin für sich, aber auch für andere, denen Ähnliches widerfahren ist, den Kuckucksvater-Blog. Dort und in der dazugehörigen Facebook-Gruppe finden Betroffene Hilfe und Informationen. Inzwischen wird das Blog jährlich von 200.000 Usern aufgerufen.

Pütz weiß aus eigener Erfahrung, ist die Lüge erst einmal in der Welt, ist die rechtliche und vor allem psychische Aufarbeitung für alle Beteiligten unglaublich schwierig. Er setzt sich deshalb für einen obligatorischen Vaterschaftstest ab Geburt (OVAG) ein, damit Identitätsraub von Kindern unterbunden werden kann.

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Samsung hat ein Galaxy Note 7 ausgetauscht. Das neue Gerät ist dann in einem Flugzeug abgebrannt

Ein Samsung Galaxy Note 7 hat in einem Flugzeug Feuer gefangen. Die Maschine sollte von Louisville nach Baltimore fliegen und stand zu dem Zeitpunkt noch am Gate. Alle Passagiere mussten das Flugzeug verlassen.

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