Fühlen

"Ich glaube nicht, dass er seine Taten bereut" – Sandras Vater saß im Knast. Wie sie damit umgeht

Wie fühlt man sich, wenn der Vater ein Verbrecher ist?

Mütter und Väter sind für ihre Kinder für eine gewisse Zeit häufig wie Superhelden. Sie zweifeln nicht an ihrem Urteil, stellen ihr Verhalten nicht infrage, glauben, dass ihre Eltern zu den Guten und nicht den Bösen gehören – und immer für sie da sind. 

Aber nicht immer können Eltern diese Superhelden sein. Weil sie das Leben überfordert, weil sie selbst gebrochen sind, weil sie auf die schiefe Bahn geraten. Sie können keine Superkräfte für ihre Kinder entfalten, kein Vorbild sein. So, wie in Sandras Fall. Sie ist 26 und lebt in Norddeutschland. Ihr Vater saß während ihrer Kindheit im Gefängnis. 

Wie fühlt sich das Leben mit einem Vater im Gefängnis an? Wie geht man als Kind und junge Erwachsene damit um? Wie ist es, wenn der Vater nicht nach Hause kommt, weil er anderen Menschen etwas angetan hat?  

Sandras Namen haben wir geändert, den von ihrem Vater bewusst nicht erwähnt. Sie möchte keine Probleme bekommen. 

Das ist Sandras Geschichte: 

Ende der Achtzigerjahre bekam mein Vater Lebenslänglich, weil er mehrere Morde in Auftrag gegeben hatte. Es ging offenbar um viel Geld und seine Geschäfte – so genau weiß ich das nicht. 

Sandra möchte nicht erkannt werden. 

(Bild: bento)

Früher hatten meine Mutter und ich regelmäßig Kontakt zu ihm. Im Gefängnis besuchte ich ihn nie – ich wusste nicht, dass er einsaß. Manchmal rief er bei uns an, ganz selten durfte ich mit ihm sprechen. Meistens schickte mich meine Mutter aber mit irgendwelchen Ausreden aus dem Zimmer. 

Oft sagte sie, der Weihnachtsmann sei am Telefon und wolle von ihr wissen, wie ich mich benahm, manchmal war es auch der Osterhase. Rückblickend ist das bescheuert, damals habe ich es geglaubt. Und ich fand es ganz normal, dass er nur selten anrief. Was bleibt einem Kind auch übrig? Ich kannte es nicht anders. 

Irgendwann bekam er häufiger Freigang und besuchte uns. Das sind die einzigen Erinnerungen an persönliche Treffen mit ihm aus meiner Kindheit. Ich weiß noch, dass er es war, der mir schon vor der ersten Klasse ein bisschen Lesen und Schreiben beibrachte. 

Ab und zu spielten wir mit meinen Kuscheltieren.

Als ich älter wurde, gingen wir auch mal etwas essen. Ich erinnere mich, dass er schon früh vegetarisch lebte und nie aufaß. Meine Mutter sagt heute noch, dass ich das von ihm habe. Als ich elf Jahre alt war, hörte der spärliche Kontakt plötzlich ganz auf. 

Ich glaube, schon damals ahnte ich, dass etwas mit ihm war. Schließlich kam er nur ein- oder zweimal im Jahr vorbei. Um mich zu schützen, legte ich mir aber eine andere Ausrede zurecht. Für mich war er ab diesem Zeitpunkt ein Arschloch, das uns im Stich gelassen hatte. Auch das stimmte ja irgendwie. Das erzählte ich auch meinen Freunden, alle glaubten mir. In meiner Klasse war ich nicht das einzige Kind mit getrennten Eltern.  

Nach 15 Jahren kam er auf Bewährung frei. Er ist kein deutscher Staatsbürger und lebte seitdem wieder in seinem Heimatland. Die Einreise nach Deutschland war ihm für immer verboten worden.

Die Wahrheit über ihn erfuhr ich erst mit 17. Ich schrieb ihm bei Facebook, ob er nicht doch mal bei uns vorbeikommen wolle. Seine Antwort: "Ich kann nicht, weil ich wegen meiner Straftat nicht nach Deutschland darf." Ich war sprachlos und stellte meine Mutter zur Rede.

Wie fühlt man sich, wenn die eigene Familie einen anlügt?

(Bild: bento)

Sie erzählte mir, dass er schon vor meiner Geburt wegen der Morde verurteilt worden war. Tatsächlich kam dabei auch raus, dass ich wohl während ihrer regelmäßigen Besuche im Gefängnis gezeugt worden sein muss. Ich fühlte mich betrogen und alleine. Alle in der Familie wussten es. Warum hatte mir niemand etwas gesagt? Diese Frage ist bis heute unbeantwortet geblieben. Wenn ich meine Mutter nach der Zeit damals frage, sagt sie immer nur, wie scheiße alles war.

Ich weiß nicht, was ich von ihrem Verhalten denken soll. Sie hat einen Mann – meinen Vater – im Knast besucht und ist von ihm schwanger geworden. Das finde ich krass. Ich glaube, ihren Männergeschmack habe ich nicht geerbt. Ich mag die lieben Jungs. Das konnte meine Mutter nie verstehen. 

Innerhalb der Familie wird auch nicht über diese Sache geredet.

Wenn überhaupt, reißt jemand mal einen Witz, dass man in der Familie ja mal auf "andere Art und Weise" Probleme gelöst habe. 

Mit meinen Freunden rede ich natürlich darüber. Klar, es war ein Schock, aber niemand hat sich deswegen von mir abgewandt. Ich bin auch sehr froh, dass meine Eltern nie verheiratet waren. Dadurch werde ich nicht mit ihm in Verbindung gebracht und bekomme keine Probleme in der Öffentlichkeit. Schließlich stand seine Tat damals in der Zeitung. Wir hielten den Kontakt. Ein paar Jahre nach der Facebook-Nachricht flog ich sogar zu ihm. Ich wollte den Mann, der mich gezeugt hat, noch einmal richtig kennenlernen. Wollte wissen wie er aussieht und wie er heute lebt.

"Über früher sprechen wir nicht", das war sein erster Satz.

Daran haben wir uns bis heute gehalten. Das Treffen damals war seltsam. Es fühlte sich irgendwie fremd an. 

Gerade haben wir wenig Kontakt. Wir schreiben vielleicht mal an Weihnachten, mehr aber nicht. Würde er es wollen und den Flug zahlen, würde ich hinfliegen. Bei ihm zu übernachten wäre mir aber zu viel. So gut kenne ich ihn dann doch nicht.

Aber eigentlich ist er ein netter Kerl. Er verhält sich immer freundlich, schreit nie rum und ist oft sehr lustig. Er ist eher der Typ Mensch, der andere an der Supermarktkasse vorlässt und Leuten die Tür aufhält. Niemals würde man ihn mit den Morden in Verbindung bringen. Aber anscheinend gibt es da noch eine andere Seite in ihm.

Wenn du auch Familie oder Freunde im Gefängnis hast – hier findest du Hilfe und Informationen:

Ich glaube nicht, dass er seine Taten bereut. Eher ärgert er sich, dass er gefasst wurde. Meine Mutter meinte mal, das sei außerdem nicht das Einzige gewesen, das er verbrochen habe. Aber das ist mir alles egal. Ich betrachte mich nicht als Tochter eines Straftäters. Das war alles vor meiner Geburt. Ich bin nicht für seine Taten verantwortlich und gebe ihnen deswegen keinen Platz in meinem Leben.

Es stört mich viel mehr, dass er mich im Stich gelassen hat. Klar, das Gefängnis hat ihm die Beziehung zu mir bestimmt nicht leicht gemacht. Aber er meldete sich in den ersten elf Jahren regelmäßig und dann lange nicht mehr. Das "Warum" kenne ich bis heute nicht.

Damit hat er mich als Vater enttäuscht – nicht damit, dass er im Knast saß. 

Dieses Format wird hier noch nicht unterstützt.

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