Bild: Edward Cisneros / Unsplash/ cc 0
"Die einzige, die für meine Elternzeit Lob bekommen hat, ist meine Frau."

Friederike hat die Gurkenscheibe fast im Mund, als sie die pralle Weintraube entdeckt. "Okay, die habe ich schlecht versteckt", stellt ihr Papa fest und reicht der Kleinen das süße Obst. Die anderen Väter grinsen und füttern ihre eigenen Kinder weiter. Jonas zerkaut, seinem Gesicht nach zu urteilen, einen etwas zu sauren Apfel. Und Julia versucht, sich mit von Papa selbst gemachten Antipasti anzufreunden. Erfolglos. 

Es ist Montagmorgen gegen 11 Uhr auf dem Gelände einer Hamburger Grundschule. Eine Handvoll Väter, ihre Kleinkinder und drei aufblasbare Gummitiere treffen sich, wie jede Woche, bei "Väter e.V.", einem Verein, der junge Familien zum Beispiel zum Elterngeld oder der Geburtsvorbereitung berät. Zudem veranstaltet der Verein mit dem "Papa-Treff" ein regelmäßiges, Papa-exklusives Frühstück. 

Was alle Väter hier gemeinsam haben: Ihre Partnerinnen sind gerade bei der Arbeit, sie selbst sind aktuell in Elternzeit. 

Einer für zwei Monate, ein anderer für drei Jahre – der Rest irgendwo dazwischen. Tom*, Steffen* und Lars wollen genauso für die Kinder da sein wie der Großteil der Mütter. 

Die Rollenbild-Revolution verläuft heute recht friedlich. Sie beginnt mit einem ausgiebigen Frühstück. Brötchen, Kaffee und Rührei für die Väter, Tupperdosen voller Obst, Knabberkram und Ganzkörper-Lätzchen für die Kleinen. Eine große Matte voller Spielzeug nutzen bald alle anwesenden Altersgruppen. 

Krabbelgruppen nur für Väter sind selten. Die Nachfrage ist gering: Es gibt einfach nicht so viele Väter in Elternzeit

"Von einer gleichmäßigen Aufteilung der Elternzeit zwischen Müttern und Vätern kann nach wie vor keine Rede sein – zwar nehmen seit 2007 mehr und mehr Väter Elternzeit, doch insgesamt geht es relativ langsam voran", schreibt Katharina Wrohlich, Ökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, in einer Studie zur Verteilung des Elterngeldes

Immer noch unterbricht nur jeder dritte Vater heute seinen Job, um sich um das Kind zu kümmern – und dann auch längst nicht so lange wie die Mutter (Väterreport 2018).

(Bild: Sebastian Maas / bento)

Krabbelgruppen, Kita-Einführung, Elternschule: "Meist ist da noch ein anderer Vater, das war es dann aber auch", sagt Papa Tom. Und Papa Steffen verrät, wie man sich dabei fühlt: "Ich weiß oft nicht, was ich beitragen soll. Wenn sie übers Stillen reden, kann ich ja zum Beispiel kaum was dazu sagen." 

Abgesehen vom Stillen unterscheiden viele der Themen sich allerdings kaum von jedem sonstigen Elterntreff: Sollte mein Kind mit zehn Monaten schon sitzen können? Muss ich den einen Zahn meines Sohns wirklich zweimal am Tag putzen? Ist es notwendig, den Babybrei selbst zu kochen? Die Antworten der anderen Väter klingen entspannt: Das Sitzen lernt er noch, die Zähne kann man auch ohne Zahnpasta sauber kriegen und wer Babybrei immer selbst kocht, hat wahrscheinlich zu viel Zeit.

„Es hat hier auch etwas von einer Therapiestunde.“
Vereins-Geschäftsführer Lars Henken

Entgegen dem Vorurteil, Männer könnten sich nicht öffnen, wird heute auch über emotionale Themen gesprochen. Über die Eintönigkeit etwa, wenn man zu Hause jeden Tag das Gleiche macht und im Kind keinen eloquenten Gesprächspartner findet. Oder über Freunde und Kollegen, die einem blöde "Machst-du-noch-Urlaub?"-Sprüche drücken. 

Elternzeit gleich Urlaubszeit? Wer Elternzeit nimmt, hat keine Karriereambitionen? 

Vorurteile, wegen derer Männer häufig noch zögern, den Wunsch bei Vorgesetzten durchzubringen. Laut Väterreport des Bundesfamilienministeriums gibt jeder fünfte Vater an, aus Angst vor Einkommensverlusten oder beruflichen Nachteilen auf Elternzeit zu verzichten. "In der Praxis konnten längerfristige berufliche Nachteile jedoch nicht nachgewiesen werden", heißt es im Report, mit Verweis auf diese Studie – für die 43 Väter interviewt wurden und 777 einen Online-Fragebogen komplett ausfüllten. Schaut man in die qualitativen Befragungen, fallen jedoch zahlreiche Beispiele auf, bei denen Väter negative Karriere-Konsequenzen ihrer Elternzeit verspürten.

Auch Vereinsleiter Lars hat das Gegenteil dessen erlebt, was das Ministerium verspricht: Als er von seinem Job als freier Werbetexter eine (Kinder-)Auszeit nahm, habe er einen Großteil seiner Kunden verloren. Auch Papa Paul* gibt zu: Vor zehn Jahren noch wäre die Väter-Elternzeit bei seiner Arbeitsstelle nicht mal denkbar gewesen.

„Bei uns wurde sogar Frauen schon offen gesagt: 'Willst du Mutter werden oder Karriere machen?'“
Paul

"Man kann sich natürlich fragen, ob man in einem Unternehmen, das einem bei der Familienplanung im Weg steht, überhaupt arbeiten möchte. Wenn man jeden Tag mit der Faust in der Tasche zum Job geht, wird man auch nicht glücklich", weiß Lars. Da könne die einem zustehende Elternzeit auch ein praktischer Zeitraum sein, um sich nach etwas Neuem umzuschauen. 

Die meisten Väter in Deutschland nehmen heute nur zwei Monate Elternzeit (58,1 Prozent). Das entspricht der Mindestdauer, damit auch sie Elterngeld beziehen können. Dabei wünscht sich mehr als die Hälfte der Väter von Kindern unter sechs Jahren, den gleichen Anteil an der Erziehung zu haben wie ihre Partnerin. (Väterreport 2018)

Was hindert Väter wirklich daran, sich mehr Elternzeit zu nehmen? 

Lars betreut viele Väter dabei, sich vor und während der Elternzeit auf die Umbrüche vorzubereiten. Und er kennt die Ängste, die die meisten im Kopf haben. "Man fürchtet sich nicht nur vor dem Konflikt mit dem Arbeitgeber." Auch die Partnerin, die die Zeit vielleicht gerne selbst mit dem Kind verbringen würde, könne die Männer daran hindern, die Zeit einzufordern. Oder die Angst vor dem, was Freunde und Familie denken könnten, wenn man weniger Geld verdient. "Auch vor den neuen Gefühlen haben einige Männer Angst", sagt Lars, "oder davor, sich nicht so gut um das Kind kümmern zu können, wie es die Mutter tun würde." 

"In drei Viertel der Familien sind Männer nach wie vor Hauptverdiener", sagt Familienforscher Harald Rost, stellvertretender Leiter des Staatsinstituts für Familienforschung an der Universität Bamberg. Ein partieller Wegfall des Haupteinkommens könnten gerade Wenigverdiener einfach nicht verkraften (bento). 

Alle in der Hamburger Väter-Gruppe sind sich einig: Wer als Papa mehr als bloß die zwei obligatorischen Vaterzeit-Monate nehmen wolle, werde in vielen Unternehmen noch immer kritisch beäugt und benachteiligt. Viele wüssten nicht mal, dass es ihnen rechtlich zusteht, mehr zu fordern. 

"Leider", findet Lars. Denn die entstehende Bindung zwischen Vater und Kind könnten zwei Stunden Spielzeit nach Feierabend nicht ersetzen. "Ich würde nicht damit klarkommen, wenn mein Kind hinfallen und dann nur nach Mama rufen würde", sagt er. Bindungsprobleme gibt es in der Krabbelgruppe nicht. Stattdessen: Leuchtende Augen, wenn Papa einen Kuss auf die Stirn gibt oder einen in die Höhe wirft. 

Als es draußen zur großen Pause klingelt, drücken sich die Schüler und Schülerinnen die Nasen an den Scheiben zum Spielzimmer platt. Ob sie von den vielen Papas oder den süßen Babys beeindruckt sind, bleibt unklar. "Ich finde es gut, dass die Kinder gleich sehen: Auch Papas können sich so um ihre Kinder kümmern. Dass das vollkommen normal ist", sagt Lars. Sein Verein sammelt gerade Spenden, um ein Bildungsprogramm namens "Papapalette" an Grundschulen umsetzen zu können. Die Botschaft: Papas können alles – also auch bei den Kindern zu Hause bleiben. Die Mütter und Väter von morgen sollen frei entscheiden können, welches Modell für sie das Richtige ist. "Ohne Rollenbild im Kopf", sagt Lars.

Stimmt denn zumindest das Vorurteil, dass Väter heute immer noch für alles, was Mütter jeden Tag wie selbstverständlich leisten, viel mehr Lob bekommen?

Oder anders gefragt: Gibt es Applaus für jede gewechselte Windel?

"Die einzige, die für meine Elternzeit Lob bekommen hat, ist meine Frau", sagt Tom und zuckt mit den Schultern. Steffen immerhin hat Zuspruch von seiner Partnerin bekommen: 

„Sie meinte, unser Sohn sehe ja recht zufrieden aus, ich würde also was richtig machen.“

Sein Sohn Ben hat gerade, Stück für Stück, ein ganzes Brötchen aufgemampft und präsentiert der Väter-Runde ein breites Entertainer-Lächeln mit einem sehr gut gepflegten, einzelnen Zahn. 

Wahrscheinlich hat seine Mutter Recht.

*Weil es sich um einen geschlossenen Raum und private Gespräche handelt, haben wir alle Namen geändert – mit Ausnahme von Geschäftsführer Lars.


Fühlen

Billie Eilish erzählt von ihren dunkelsten Zeiten und dem besten Mittel gegen Stress
Die 17-jährige Sängerin im Interview.

Wenn man 2019 auf einen Superstar reduzieren müsste, dann wäre das vermutlich Billie Eilish. Gerade hat die Sängerin eine internationale Tour hinter sich, sammelt einen Preis nach dem nächsten ein und wird von Musiklegenden wie Paul McCartney kontaktiert, weil ihre Musik so anders und neu ist. Und das alles im Alter von 17 Jahren. 

Als Billie 13 war, stellte ihr Bruder Finneas einen gemeinsam geschriebenen Song auf Soundcloud, der viral ging. Mehrere Jahre, etliche Konzerte und einen Plattendeal beim größten Musiklabel der Welt später hat sich an Billies Arbeitsweise erstaunlich wenig geändert. Sie lehnt es ab, Songs von anderen Menschen schreiben zu lassen, sondern macht das nach wie vor lieber mit ihrem Bruder, mit dem sie auch gemeinsam auf der Bühne steht. Inzwischen vor Zehntausenden Fans, die meisten Teenager.

Eltern fragen sich, ob sie sich um ihre Kinder Sorgen machen müssen, wenn sie Billies verstörende Musikvideos schauen und Songs über Suizid und Depressionen mitsingen (Süddeutsche). 

Doch vielleicht ist Billie Eilish gerade deshalb das beste Vorbild: Sie redet über Themen, die unter Teenagern sehr präsent sind, über die aber kaum gesprochen wird. 

Auch ansonsten überlegt Billie Eilish sehr genau, wer sie sein möchte. Sie ist intelligent, trinkt keinen Alkohol, nimmt keine Drogen, lebt vegan. Sie spricht sich für den Klimaschutz (Instagram) aus, verhüllt ihren Körper in Baggy-Klamotten, um nicht sexualisiert zu werden (Rolling Stone) und sagt offen, dass sie den US-Präsidenten nicht leiden kann (rbb).

Wir haben Billie Eilish vor einem Konzert in Hamburg getroffen. Im Interview erzählt sie, wie sie sich selbst aus einem dunklen Loch gezogen hat, wie sie mit Druck umgeht und warum Masturbation das beste Mittel dagegen ist.

Mit dabei, wie bei jedem Interview, ist Billies Mutter, die sich ab und zu ins Gespräch einklinkt. Billie ist müde, hat schon einige Wochen Shows hinter sich. Wir haben ihr eine Süßigkeit mitgebracht – vegan und glutenfrei. Sie freut sich.

bento: Um dir dieses Mitbringsel zu besorgen, haben wir recherchiert, was du so magst und uns dabei gefragt: Ist es nicht gruselig, ständig Menschen zu treffen, die denken, sie kennen dich?

Billie Eilish: (lacht) Ja! Aber ich verstehe es auch. Ich selbst bin zwar immer auf dem Absatz umgekehrt, wenn ich Menschen auf der Straße gesehen habe, von denen ich Fan war. Ich hatte nie das Gefühl, gut genug zu sein, um sie anzusprechen. 

Aber ich verstehe, wenn man meint, eine berühmte Person zu kennen. Die Fans kennen mich auch – bis zu einem gewissen Grad. Manchmal geht es aber zu weit: Dann wird es zu einer Anspruchshaltung gegenüber mir als Person.

bento: Andere Menschen meinen, dich zu kennen – aber kennst du dich selbst?

Billie: Auf keinen Fall. Aber weißt du was: Ich bin gut mit mir selbst befreundet.