Bild: Anna Demianenko/ Unsplash

Mit der Planung des Sommerurlaubes beginnt eine besondere Zeit. Das ist die Zeit, in der man den Duft der Lieblingssonnencreme schon in der Nase hat. Das ist die Zeit, in der der Bauch vor Vorfreude kribbelt. 

Und es ist die Zeit des großen Urlaubswettbewerbs. Im Büro, auf Instagram und im Gespräch mit Freunden. Früher konnte man in den Schulferien noch seine Klassenkameraden mit zwei Wochen Malle beeindrucken.

Willkommen bei den Bundesurlaubsspielen. Wer schafft es länger, weiter, höher?
(Bild: Giphy )

Das Phänomen, wenn man es denn so nennen mag, gibt es vielleicht schon länger. Besonders bewusst wurde es mir vor einigen Wochen. Mein Urlaubsplan: zwei Wochen Montenegro. Die Reaktionen darauf:

"Montengro? Aber ihr fahrt dann schon noch nach Bosnien, Albanien, Kroatien? Das liegt doch gleich nebenan."

"Montengro ist doch so klein. Das hat man doch in vier Tagen durch."

"Ein Auto mietet ihr euch aber schon?"


Ich bin verblüfft über so viel Druck bei etwas, das doch eigentlich als "die schönste Zeit des Jahres" verkauft wird.

Was ist denn los? Natürlich, ich habe viele Freunde und Bekannte, die gerne und viel reisen. Die schon in anderen Ländern gelebt haben – hier vielleicht studiert oder gearbeitet haben, mich selbst eingeschlossen. 

Und natürlich, auch ich stecke selbst mittendrin, im Wettbewerb. Fahre nach Montenegro und nicht nach Kroatien, erwarte mir einen Hauch Exotik in Europa. 

Deutsche geben laut Statista 1072 Euro pro Kopf im Jahr für Urlaub aus. Damit geben sie mehr Geld für Urlaub als für ein Auto aus (Absatzwirtschaft). 

Mein Haus, mein Auto, mein Boot – das war mal.

Mein Auslandsaufenthalt, meine Weltreise, mein Wochenendtrip.

Urlaub, das ist schon lange Statussymbol.

(Bild: Giphy )

Und das erklärt vielleicht auch, warum Menschen ihren Urlaub herabwürdigen. Warum sie Sachen sagen wie: "Dieses Jahr machen wir nichts. Nur zwei Wochen Insel-Hopping in Griechenland." Warum sie beschämt zugeben "nur" an die Nord- oder Ostsee zu fahren. Obwohl sie sich genau darüber unfassbar freuen.

Und warum manche im Dezember nach Miami fliegen, einfach weil es günstige Flüge gab. Und Miami über Weihnachten, das ist doch auch wieder eine Story – oder?

Und genau darum geht es beim Urlauben eben auch: die Story. 

Wer also nicht mit Kindern in Uganda getöpfert, sich tagelang durch das tiefste Dschungeldickicht gekämpft hat oder sich in den angesagtesten Club geschmuggelt hat, um mit Einhörnern zu kämpfen, der hat auch nichts erlebt.

Der war auch nicht richtig im Urlaub. Punkt.

Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann hat sich in dem TED-Talk "the riddle of experience versus memories" mit dem Phänomen auseinandergesetzt. 

(Bild: DPA)

Kahneman erklärt in seinem Talk, dass wir in den Urlaub eher für die Erinnerung als das Erlebnis fahren. 

Wie schöpfe ich das Maximum aus meinen 30 Tagen Jahresurlaub?

Das heißt, wir machen auch Urlaub, damit wir später an die schöne Zeit denken können.

Dann stellt er eine sehr interessante Frage:

"Wenn am Ende deines Urlaubs alle Bilder zerstört würden und du eine Droge einnehmen müsstest, die dich alles vergessen lässt: Was für einen Urlaub würdest du buchen?"
Daniel Kahnemann

Vielleicht einen Mallorca-Urlaub mit All-inclusive-Buffet. Zwei Wochen Nordsee ohne Tamtam. Eine Radtour in der Lüneburger Heide. Oder: Nichts. Und stattdessen zu Hause bleiben und Netflix gucken. Gönnung pur.

Doch unser "erinnerndes Selbst" will davon nichts wissen, sondern verzehrt sich nach etwas, das aufregender ist. 

An etwas, das uns erinnernswert erscheint. 

Ich muss da nicht mehr mitmachen. Ich habe keine Lust, meinen Urlaub nach Ergebnissen zu bewerten, nach einem Abenteuerbarometer oder nach der Instagramability. 

Versteht mich nicht falsch. Ich reise auch gern, viel und bin auch mal weiter weg unterwegs. Und ich teile das auch durchaus in den sozialen Medien.

Aber meine Reiseerfahrung hat mich auch etwas gelehrt: Ich muss in Neuseeland keine Kilometer mehr abreißen, keine Sehenswürdigkeiten in Indien abhaken und generell niemandem etwas beweisen. 

Ehrlich gesagt bin ich im Urlaub am glücklichsten, wenn ich in einem Café sitze und die Menschen an mir vorbei rauschen lasse, wenn ich ein Buch auf der Terrasse lese. Wenn ich eine kleine Galerie entdeckt habe. Wenn ich mit meiner Tochter eine Sandburg baue. Wenn ich das leckerste Cevapcici der Stadt entdeckt habe - you call it langweilig, I call it lässig.


Today

Frankreichs neue Regierung besteht aus Linken, Konservativen und Liberalen
Alles auf Neuanfang

Er hat versprochen, alles anders zu machen – und gerade sieht es ziemlich so aus, als könnte Emanuel Macron das gelingen. Denn die Regierung des neuen Präsidenten Frankreichs ist eine Premiere. Ihre 22 Mitglieder sind Linke, Konservative und Liberale. Und die Hälfte der Ministerposten hat Macron an Frauen vergeben (SPIEGEL ONLINE).