Bild: Caroline Schmitt
Es gibt dafür keinen besseren Zeitpunkt als jetzt – mit Mitte 20.

Meine Mutter und ich sehen uns fünf Mal im Jahr, skypen alle zwei Wochen und schicken uns ab und an via WhatsApp digitale Büropostkarten. Seit ich mit 18 nach London gezogen bin, haben sie und ich nie mehr als einen Tag alleine miteinander verbracht.

Mittlerweile bin ich Mitte 20 und wir verabreden uns zum Skifahren in Österreich.

Und das ist gut so. Vier Gründe, warum es genau jetzt richtig ist, allein mit der Mutter in den Urlaub zu fahren – und was ein Experte dazu sagt:
1. Meine Mutter und ich können uns auf Augenhöhe begegnen

Am Flughafen in Salzburg bin ich nervöser als vor einem ersten Date. Meine Mutter wartet in der Ankunftshalle. Nachdem wir uns begrüßt haben, erzählt sie mir als Erstes von einer schweren Erkältung und Antibiotika, die ihr der Arzt gestern verschrieben hat.

Laut Jan Kalbitzer, Psychiater und Familientherapeut der Charité in Berlin, ist dieser Urlaub eine Art Bewährungsprobe, wie gut wir uns voneinander abgenabelt haben und ob wir uns als eigenständige Menschen wahrnehmen. Bei uns scheint es funktioniert zu haben. Das Verhalten meiner Mutter zeige, dass sie auch mal krank sein darf, dass sie nicht mehr nur die starke Mutter sein muss.

Caroline (23) und ihre Mutter (50) haben in Obertauern vier Tage Winterurlaub gemacht. (Bild: Caroline Schmitt)

Seit Weihnachten ist einiges passiert, trotz Husten und Müdigkeit haben wir uns auf der Zugfahrt plötzlich viel zu erzählen.

Für Kalbitzer liegt das daran, dass wir uns mittlerweile auf Augenhöhe begegnen. "Mit Mitte 20 merkt man, dass die Eltern doch nicht an allem schuld sind. Wir haben angefangen zu lernen, was es bedeutet, selbst die Verantwortung dafür zu tragen, dass der Kühlschrank voll und das Konto gedeckt ist. Dann kann wieder eine Phase der Nähe beginnen", so Kalbitzer.

2. Wir müssen keine Konflikte mehr austragen

Am Ende des ersten Skitages sehe ich auf meinem Handy, dass ein paar Mails angekommen sind. Die nächsten Stunden werde ich unansprechbar am Laptop hängen. Dafür muss ich mich nicht mehr rechtfertigen, meine Mutter kennt und akzeptiert das heute.

Mit Mitte 20 merkt man, dass die Eltern doch nicht an allem schuld sind.
Jan Kalbitzer

Früher hätte sie vielleicht etwas von Work-Life-Balance gesagt. So wie: "Mensch Kind, jetzt lass den Elektrokram doch aus." Heute nimmt meine Mutter meine Arbeit kommentarlos zur Kenntnis. Früher hätten wir uns deswegen gestritten.

Neben Ski fahren steht auch Entspannung auf dem Programm.(Bild: Caroline Schmitt)

"Dass man sich gut kennt, ist wie eine Medaille mit zwei Seiten", sagt Kalbitzer. "Einerseits ist man sich sehr vertraut. Andererseits können viele Themen belastet sein, weil sie Teil der Verhandlungsmasse bei Streits während der pubertären Identitätsfindung waren."

Natürlich bleiben diese wunden Punkte, aber sie stehen heute nicht mehr zwischen meiner Mutter und mir. "Wenn man nicht mehr alle Konflikte mit seinen Eltern lösen muss, kann man viel entspannter mit ihnen umgehen," sagt der Therapeut.

3. Gespräche über Liebe sind nicht mehr peinlich

Beim Abendessen reden wir über Liebe. Meine Eltern feiern dieses Jahr Silberhochzeit, meine Mutter hat Bock auf Party, mein Papa nicht. Früher fand ich Zuneigung zwischen ihnen peinlich.

Heute ist ihre tiefe Liebe ein Rätsel, das ich selbst gern knacken würde. "Wann weiß man, ob es wirklich Liebe ist? Ab wann lohnt es sich, Kompliziertheit in Kauf zu nehmen?", frage ich meine Mutter. "Keine Ahnung," sagt sie. Ich finde das erdend.

Die Gespräche mit den Eltern werden im besten Fall unaufgeregter und ehrlicher.

"Seine Eltern als Liebende zu akzeptieren, die so fühlen und lieben wie man es selbst tut, ist wie eine Art Abschlussritual des Erwachsenwerdens," sagt Kalbitzer.

Mit Mitte 20 ist das Erwachsenwerden in der Regel erledigt, die Gespräche mit den Eltern werden im besten Fall unaufgeregter und ehrlicher.

Mit der Mutter in der Sauna – vor wenigen Jahren noch unvorstellbar. (Bild: Caroline Schmitt)
4. Ratschläge kann man endlich annehmen

Danach denke ich: Ihre Ratschläge sollte ich viel öfter in Anspruch nehmen. Beim Skifahren sage ich zwischen harmlosen Stürzen und wilden Flüchen oft "Danke Mama", wenn sie mir wieder auf die Beine hilft.

"Das Wichtigste, was man von seinen Eltern lernen kann, ist schwierige Zeiten auszuhalten", sagt Kalbitzer. "Das können wir mittlerweile nicht mehr so gut. Die Eltern sind gute Ratgeber, indem sie uns sagen, dass das Leben manchmal einfach schwer ist. Diese emotionale Weltklugheit können einem Eltern gut vermitteln."

Während ich in der Pubertät meistens einen großen Bogen um elterliche "Weisheit" gemacht habe, sehe ich meine Mutter und meinen Vater mit Mitte 20 zum ersten Mal nicht primär als Eltern, sondern als Menschen. Und zwar als solche, die ziemlich viel richtig und manches falsch gemacht haben. Genauso wie ich auch.

Meine Mutter weiß, wie ich als pickelige 16-Jährige aussah. Sie war dabei, als ich nach der Weißheitszahn-Operation in eine Apotheke gekotzt habe. Sie stand am Flughafen, als ich in ein neues Leben nach London geflogen bin.

Hat man aufgehört, sich gegenseitig erziehen oder ändern zu wollen, findet man sich plötzlich gemeinsam in einer Sauna in Obertauern wieder.

Obertauern: Viel Natur und wenig Streit. (Bild: Caroline Schmitt)

Zurück am Flughafen umarmt meine Mutter mich am Gate: "Schön war das. Machen wir jetzt öfter, okay?" "Klar!", sage ich. Vor fünf Jahren hätte ich bei dieser Vorstellung noch eine Panikattacke bekommen.

bento-Newsletter Stories

Jede Woche unsere
besten Stories per Mail

Mehr Familie:


Today

So macht sich London bei Twitter über die Kritiker von Sadiq Khan lustig
London hat erstmals einen muslimischen Bürgermeister.

London hat einen neuen Bürgermeister gewählt: Sadiq Khan. Damit wird London erstmals in der Geschichte einen muslimischen Bürgermeister bekommen, als erste Hauptstadt in Europa überhaupt. All das in einer Zeit, in der in vielen europäischen Ländern der Fremden- und Islamhass bedrohliche Ausmaße annimmt. Ein gutes Zeichen also, dass die Wahl in London so ausgegangen ist. Trotzdem gibt es natürlich kritische Stimmen.