Bild: Eileen Breuer
Warum wir öfter Urlaub vor der eigenen Haustür machen sollten.

Statt mit dem Flieger nach Südostasien musste ich mich für meine letzte Reise von meinem Heimatort Stuttgart aus gerade mal zweieinhalb Stunden ins Auto setzen. Umgeben von Bergen ließ ich die stressigen Prüfungswochen im Allgäu vier Tage lang hinter mir. Einige Tage später erzählte ich einer Freundin bei Kaffee und Kuchen von meinem Ausflug in die Berge: Ich schwärmte von Natur, Stille und Hausmannskost. 

Sie winkte jedoch ab: Das sei kein richtiger Urlaub. Für einen Urlaub müsse man schon in den Flieger steigen und den Ozean überqueren. Ich fühlte mich vor den Kopf gestoßen: Was sie, die sich jetzt erst zwei Wochen lang in Kalifornien die Sonne auf den Kopf brutzeln lassen hat, da in einem Nebensatz fallen ließ, machte mich wütend. Denn sie verkennt damit vollkommen, worauf es bei einem guten Urlaub ankommt.

Klar, ich würde auch gerne ein Foto auf Instagram (#travelgirl) posten, wie ich an einem langen Sandstrand auf der anderen Seite des Erdballs mit einem Strohhalm in einer Kokosnuss herumstochere. 

Denn von solchen Motiven sind die sozialen Medien voll: In Mexiko schaukelt eine Freundin am Strand dem Sonnenuntergang entgegen, ein Bekannter steht in Malaysia unter einem Wasserfall. 

Nicht selten werden Urlaube sogar nach Instagramtauglichkeit gebucht: Eine repräsentative Umfrage des Online-Reiseportals Opodo hat ergeben, dass fast ein Drittel der Deutschen bei der Urlaubsplanung mit einbezieht, ob ihr Reiseziel gute Fotogelegenheiten für Instagram bietet.

Der Druck, mit solchen Traumurlauben und ihren Bildern auf Social Media mitzuhalten, ist groß. Was zählt da schon ein Foto, auf dem ich neben einer Milchkuh stehe? 

Aber: Obwohl ich neben meinem Studium arbeite, fehlt mir das Geld, um mir solche Trips leisten zu können. Auch wenn es mir anfangs oft einen Stich versetzt hat, auf Instagram mit Asien, Neuseeland oder Amerika konfrontiert zu werden, während ich in Deutschland hocke: Heute bin ich froh darüber, diese Reisen nicht zu unternehmen. 

Für mich bedeuten drei Tage frei schon Urlaub – egal, wo ich sie verbringe. Und damit sie mir in schöner Erinnerung bleiben, muss ich nicht Tausende Kilometer zurücklegen.

Als mein Freund und ich im Allgäu nach drei Stunden Wandern in der Hitze vom Bergweg auf eine Kuhweide gelangten, war das der schönste Moment, den ich mir hätte wünschen können. Wie in einer Alpen-Romanze hüpften wir begeistert durch das Gras und wuschen uns den Schweiß an einer Quelle aus dem Gesicht. Danach waren die schweren Füße wieder leicht und die 30 Minuten bis zur nächsten Alm ganz einfach zu bewältigen.

Was man am anderen Ende der Welt vermutlich nicht findet: frische Milch von den Kühen, die einem beim Wandern noch den Weg versperrt haben. 

(Bild: Eileen Breuer)

Da habe ich gelernt, dass das Urlaubsglück nichts damit zu tun hat, wie exotisch das Reiseziel ist.

Dass das Läuten von Kuhglocken mich mehr beruhigt, als es das Brummen der Mofa-Auspuffe in Südost-Asien könnte. Dass mir ein Eintopf für vier Euro auf einer Alm besser schmeckt als ein 20-Dollar-Salat in Amerika. Und dass man wunderschöne Tage auch in ein paar hundert Kilometern Entfernung verbringen kann.

In einer internationalen Studie des Reiseportals eDreams gaben 55 Prozent der Befragten an, heute mehr Fernreisen zu unternehmen als in ihrer Jugend. Schaut man sich den Generationenvergleich in der Studie an, sieht man außerdem, dass Millennials deutlich mehr reisen als ihre Elterngeneration. Der Trend geht also hin zu: mehr und weiter weg. 

Warum ist das so? Auf einem Reiseblog habe ich mal gelesen: 

„Die einfachste Antwort auf die Frage, warum wir so weit reisen, ist: Wir tun das, weil es geht.“

So einfach wie heute war es noch nie, nach Ägypten, Amerika oder Australien zu kommen. Frühere Generationen waren in ihrer Reiseplanung wesentlich eingeschränkter. Non-stop über den Atlantik können Reisende erst seit 1960 fliegen. Zu Beginn kostete ein Flug von Frankfurt nach New York und zurück 1900 D-Mark – halb so viel, wie man damals für einen VW Käfer bezahlte (Süddeutsche Zeitung). Für mich und meine Freunde ist es hingegen normal, mit dem Flugzeug schneller in der Türkei zu sein als von Stuttgart aus in Hamburg.

Aber muss man all das tun, bloß weil man es kann? 

Ich kann auch zu Fuß eine Autobahn überqueren, weil es geht – das bedeutet nicht, dass ich es auch tue. Genauso wenig muss ich einen 20-Stunden-Flug in einem engen Sitz auf mich nehmen oder den Jetlag ertragen. 

Und obwohl mich Asien reizt, gibt die Kuhweide am Ende eine genauso schöne Fotolocation ab wie die überfüllten Straßen Bangkoks. Ich brauche auch nicht nach Bali zu reisen, um ein romantisches Sonnenuntergangsbild vom Strand zu posten. Wenn mich die Lust auf Sonne, Meer und eine fremde Sprache überfällt, kann ich auch innerhalb Europas verreisen. In Kroatien gibt es schließlich auch paradiesische Strände.

In Kroatien erwartet einen nicht nur türkisfarbenes Meer. In den unzähligen Nationalparks kann man dem Naturschauspiel zuschauen und sich unter Wasserfällen ins kühle Nass wagen.

(Bild: Eileen Breuer)

Und das Beste an dem Ganzen: Ich kann neue Orte entdecken, ohne dabei einen gigantischen CO2-Fußabdruck zu haben.

Um beispielsweise nach Kroatien zu gelangen, muss man von Deutschland aus nicht ins Auto oder Flugzeug steigen: In den Schlafwägen der kroatischen Nachtzüge kommt man innerhalb weniger Stunden von München nach Rijeka. Außerdem reist man deutlich entspannter: Man muss keine Angst haben, dass der Koffer doch versehentlich das Gewichtslimit überschreitet; man muss nicht in Security-Schlangen stehen, um dann in einer unterkühlten Flugzeugkabine zu sitzen.

Vielleicht kann ich am Ende meines Lebens nicht damit angeben, um die halbe Welt gereist zu sein und fremde Kulturen auf allen Kontinenten kennengelernt zu haben. Doch wer weit reist, vergisst oft, wie schön es in Europa oder direkt vor der Haustür sein kann. 

Deswegen habe ich mein nächstes Ziel in der Nähe nun schon ausgesucht: Statt all-inclusive am tropischen Strand, werde ich mir eine umgebaute Gondelkabine auf einem Campingplatz im Schwarzwald mieten. Morgens geht es dann direkt in den See – das macht wacher als jeder Matcha-Latte, den meine Bekannten in ihren Insta-Stories posten.

Und trotzdem benutze auch ich den Hashtag travelgirl unter meinen Bildern. Denn Reisen bedeutet für mich nicht nur, möglichst weit weg zu fahren. 

Reisen bedeutet für mich, den Alltag mal hinter mir zu lassen und Neues zu entdecken. Und das kann ich genauso gut im Allgäu oder im Schwarzwald.

 


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