Bild: Roland Scheidemann / dpa

Auf dem Festival zwischen zwei Acts nochmal schnell aufs Klo verschwinden? Für viele Frauen ein Riesenproblem. Lange Schlangen vor den oft verdreckten und stinkenden Toiletten machen die Pinkelpausen zu einer nervigen Geduldsprobe. Während für Männer Pinkelrinnen, -inseln und sogar -zäune bereit stehen, müssen Frauen meist um eine handvoll abschließbarer Chemietoiletten kämpfen. 

Eine aktuelle Umfrage ergab: Für 57 Prozent der Festivalgängerinnen ist die Toilettensituation eines der Hauptprobleme auf Festivals (YouGov/Klarna). Und das, obwohl ergonomisch an Frauen angepasste Stehklos keine technische Herausforderung mehr darstellen – eine sportliche Herausforderung oft aber schon. In Berlin wurde 2017 vom Senat gefordert, auch Frauen die Möglichkeit zum Stehpinkeln zu geben (BZ). Und in Österreich wurden schon Ende der Neunzigerjahre Toiletten für die Nutzung ohne Körperkontakt installiert, von Frauen aber schlecht bis gar nicht angenommen. (ORF

(Bild: APA / BARBARA GINDL / dpa)

Als Grund für die Unbeliebtheit verdächtigte man schnell die "Skifahrerhocke": halb stehend, halb hockend über der Kloschüssel, teilweise nur durch einen kleinen Sichtschutz von der Nachbarin getrennt. Zur bei vielen Modellen fehlenden Privatsphäre kommt eine auf dem Boden schleifende Hose. Viele Frauen legten daher weiterhin Klopapier auf die Brille und schlossen sich auf verdreckten Einzelkabinen ein. (Deutschlandfunk)

Eine Idee, die nicht nur Zeit, sondern auch Platz sparen könnte, ist die "Urinella". 

(Bild: Raissa Maas)

Dieser Trichter, der Frauen im Stehen pinkeln lässt, soll die Warterei beenden – und erlaubt Männern und Frauen prinzipiell sogar, am selben Ort Wasser zu lassen. 

Das Prinzip ist simpel: Je nach Modell wird die breitere Öffnung der Urinella auf den Harnröhrenausgang oder die ganze Vulva gedrückt, ein längerer Kanal transportiert Urin vom Körper weg. Einfacher, weil komfortabler und geräumiger, ist das mit Kleid und Rock. Doch selbst mit halb geöffneter Hose sollen viele Modelle erlauben, ganz ohne Klo-Kontakt oder Schwebesitz Wasser lassen zu können. 

Verkauft werden sie als Einweg-Pappe oder aus Kunststoff unter klangvollen Namen wie "Pibella", "LadyP" und "GoGirl". Aber geht das Prinzip auf? Und wie reagieren Männer, wenn Frauen neben ihnen am Pissoir ihren Trichter auspacken?

Wir haben mit drei jungen Frauen über ihre Erfahrungen und Reaktionen auf ihre Pinkelhilfe gesprochen.

Anna, 18, hat eine eigene Urinella namens "pinker Elefantenrüssel"

"Die Schlangen für das Damen-WC sind auf Festivals unendlich lang und während wir Mädels auf Klo gehen, können die Jungs auf Klo gehen, Essen und Bier besorgen. Wegen uns Mädels sind wir oft genug zu spät zu Auftritten gekommen und mussten uns mühsam bis nach vorne durchkämpfen. 

Irgendwann stand ich besoffen auf einem Festival in Rumänien neben zwei Typen, die ich vor Ort kennengelernt hatte. Hose runter, Trichter ran, von beiden Seiten wurde ich verblüfft angegrinst. Fanden sie cool. Ich irgendwie auch. Ab dem Zeitpunkt sind wir nie wieder zu spät zu einem Act gekommen. Es braucht natürlich nicht jeder eine Urinella. Sie ist ganz lustig, auch ganz praktisch, aber: 

Wer keine hat und sich so mit Hinhocken wie früher in der Kindheit wohl fühlt, hat nichts verpasst.

Am Anfang hatte ich Probleme die richtige Haltung zu finden. Auch, wenn das Prinzip einfach ist, muss man trotzdem aufpassen, dass man sich nicht selber anstrullert. Die Reinigung ist zudem ein Problem. Beim Festival hatte ich sie einfach in meiner Bauchtasche, noch unbenutzt ist das ja kein Ding. Nach der Benutzung kann man sie einmal kurz durchspülen, wenn man an Wasser gedacht hat. Zu Hause muss man sie dann auskochen. Mein Freund findet das eklig, aber bei meiner Menstruationstasse mache ich das ja auch."

Nicole, 29, hat die Urinella als Einwegprodukt ausprobiert:

"Ich fand das total cool: Die Idee, einfach so ein Produkt zu erfinden, damit Frauen draußen befreiter und losgelöster pinkeln können. Auf der Fusion wird seit Jahren die 'Fusionella' verteilt. Erst war ich aber skeptisch, weil sie dort aus Pappe gemacht ist. Aber dann habe ich mich gefreut, dass ich das ausprobieren kann.

Auf dem Festival gab es oft mehrere Rinnen: Welche für Männer und extra abgegrenzte für Frauen. Da waren auch gleich ein paar Mädels, mit denen ich in Kontakt gekommen bin. Alle haben sich gegenseitig unterstützt und gezeigt wie das am besten geht. Alles ist gut gegangen, nichts ging daneben!

Urinella als Umweltproblem?

Perfekt ist das System noch nicht: Auf dem Elektro-Festival Fusion etwa bekamen weibliche Gäste schon zur Begrüßung "Fusionellas" aus Pappe geschenkt – die kurz darauf die Abflüsse der Pissoirs verstopften. 

Die Papp-Modelle sollen trotz Beschichtung und je nach Wetterlage schon nach bis zu zwei Monaten biologisch abbaubar sein. Wasserfeste Beschichtungen auf der Pappe können diesen Prozess allerdings deutlich verzögern. 

Modelle aus Plastik oder Silikon können umweltfreundlicher sein – sofern sie lange und regelmäßig genutzt werden.

Man muss einfach nicht mehr in der Schlange stehen. Ich hab es dadurch nicht mehr eingesehen für ein Dixi-Klo, das super eklig ist, eine Stunde anzustehen. Und es ist natürlich praktisch, wenn man beispielsweise Campen ist. Dass man sich Hinstellen kann und nicht den Po in die Brennesseln stecken muss." 

Dieses Gefühl, unabhängig im Stehen pinkeln zu können, das ist wirklich befreiend. Ich habe mich wie ein Mann gefühlt in dem Moment, weil man richtig zielen kann.

"Ich habe mich wie ein Mann gefühlt in dem Moment, weil man richtig zielen kann. Das machte mich schon stolz. Ich habe auch nicht ein negatives Statement dazu gehört. Alle Männer, mit denen ich mich darüber unterhalten habe, finden das total cool. Sie hoffen sogar darauf, dass irgendwann eine Frau so neben ihnen steht und pinkelt."

Carla, 24, benutzt sie schon seit drei Jahren

"Ich war von Anfang direkt begeistert, konnte mir nur nicht vorstellen, ob es funktionieren würde. Die ersten Male habe ich es ohne Hose über der Toilette versucht. Die Öffnung ist sehr klein, man muss sehr langsam pinkeln, damit nichts daneben geht. Das ist mir später trotzdem hin und wieder passiert. Außerdem ist es vorteilhaft eine nicht allzu hohe Hose zu tragen oder ein längeres Oberteil, da man eben schon ein bisschen die Hose runterziehen muss, um gut anzusetzen. "

Frauen die im Stehen pullern? Nichts Neues!

Schon der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtete nach einer Ägyptenreise davon, dass "die Weiber ihren Harn im Stehen lassen und die Männer im Sitzen." Und das mehr als 400 Jahre vor Christus. (Möllring/Uni Berlin)

"Es hat etwas Übung gebraucht, aber seitdem benutze ich sie auf jedem Festival. Ich empfehle es trotzdem jeder Frau. Es ist ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung im Stehen pinkeln zu können.

Ich hab mich dahingehend immer benachteiligt gefühlt, jetzt kann ich es auch. Das fühlt sich gut an. Ich habe noch niemanden gesehen, der das blöd fand. Immer wenn ich sie auspacke und ganz cool neben Männern an den obligatorischen Piss-Zaun uriniere, gucken viele erstmal blöd, aber die allermeisten feiern es. Frauen auch. Aber sollte mal von jemandem was kommen, werd ich mich nicht zurückhalten dem oder der meine Meinung zu geigen.

Meinen Freund habe ich vor zwei Jahren auch so kennengelernt. Die Urinella war tatsächlich das erste Thema über das wir gesprochen haben. Das hat ihn fasziniert und so kam es nach dem ersten gemeinsamen Pinkeln zu der ersten gemeinsamen Nacht miteinander."


Fühlen

Früher Friseurin, heute Nationalspielerin: Ein Verkehrsunfall wurde für Svenja zum Neuanfang

Wenn Svenja Mayer von ihrer Vergangenheit erzählt, spricht sie von einem anderen Leben: Als Friseurin, leidenschaftliche Turnierreiterin und, wie sie sagt, als gefühlt Schlechteste der ganzen Schule in Sachen Ballsport. Ihr Leben, das bestand aus Haareschneiden, der täglichen Mittagspause bei Mama und den Abenden mit ihrem Pferd Uno. 

Mit 19 war dieses Leben vorbei. 

"Passiert ist es am 1. Februar 2011. Es lag noch ein bisschen Schnee, ich fuhr mit dem Rad von der Arbeit nach Hause. Als ich die Straße überqueren wollte, übersah mich ein Lkw: Mit dem Führerhaus holte er mich vom Rad, mit dem Auflieger fuhr er über meine Hüfte. Als die Sanitäter eintrafen, konnten sie mich nicht mal mehr umdrehen, weil mein Becken so stark zertrümmert war. Ich war kurz davor, noch am Unfallort zu sterben.

So berichtet es Svenja. 18 Stunden lang wird sie anschließend operiert. Der kommende Tag ist wie ein zweiter Geburtstag, die alte Svenja gibt es seitdem nicht mehr. Sie ist querschnittsgelähmt, kann ihren Ausbildungsberuf nicht mehr ausüben und muss lernen, ihren Alltag im Rollstuhl zu bewältigen. Während andere 19-Jährige feiern und auf Reisen gehen, baut Svenja sich ein neues Leben auf.