Bild: Karsten Jahnke Konzertdirektion
"Wer hier hat schon mal einen Nazi gefickt?"

Mein Blick auf die Bühne ist auf einen Schlag deutlich besser geworden: Sieben oder acht Menschen sind gerade vor mir aufgestanden und haben den Saal verlassen. Sie waren nicht die ersten, denn die Stimmung im Saal reicht von angespannt bis empört. Podcasterin Ines Anioli steht stumm auf der Bühne, ihre Kollegin Leila Lowfire erzählt gerade vom Sex mit einem Neonazi. 

Er war am ganzen Körper tätowiert. Als er mich fickte, sah ich immer wieder 'Adi', haha, also Adolf Hitler auf mich zukommen. Ich hab mich dann lieber auf den Reichsadler auf seiner anderen Brust konzentriert.

Das Publikum wartet auf eine Pointe, um die für viele unangenehme Geschichte aufzulösen. Es kommt keine. Aber zum Glück gibt es gleich eine Pause. 

Und ich frage mich: Was passiert hier gerade?

Kurz zurückgespult: Es ist Dienstagabend in Hamburg, ich bin bei der "Unfuckable"-Tour von Deutschlands bekanntesten Sex-Podcasterinnen, Ines Anioli und Leila Lowfire. Jede Woche hören etwa 150.000 Menschen die neuen Folgen ihres Podcasts "Besser als Sex". Einige Hundert davon sind in Hamburg zum zweiten Termin der Live-Tour gekommen. Das Programm des Abends: Ines und Leila reden, während Stargast Fynn Kliemann kleine Penisse auf die Körper freiwilliger Gäste tätowiert.

Die Podcasterinnen sind für ihre derben Geschichten und Sprüche bekannt. In fast jeder Episode geht es darum, auf welche Art Leila kürzlich Sex hatte oder wie Ines' letzter Stuhlgang war. Das ist zwar nicht nach jedermanns Geschmack, aber zumindest ist die Sendung im weitesten Sinne sexpositiv, denn darin zeigen zwei Frauen, dass sie genau so viel Lust auf Sex haben, perverse Gedanken haben und verdorben sein können, wie es sonst eher Männern nachgesagt wird. 

"In der Badewanne kann ich dazu super gedanklich abschalten", sagt eine Besucherin. Genau so geht es mir sonst auch, die meisten Folgen habe ich gehört – aber jetzt sind bei mir alle Alarmglocken an. 

"Wer im Raum hat schon mal einen Nazi gefickt?", fragt Leila

Nur eine Frau steht auf, ausgerechnet eine Freundin von mir. "Ich hab's erst nachher erfahren und es direkt beendet", erklärt sie sich in ein zugereichtes Mikro. "Langweilig", urteilt Ines Anioli und ihre Kollegin Leila beginnt, irgendwo zwischen peinlich berührt und offensiv prahlend, vom Sex mit dem Mann zu erzählen, der ernsthaft Adolf Hitler über sein Herz tätowiert hatte. Leila redet, als wäre der Typ eine exotische Sammelkarte im Bumsquartett: 

Er hatte keine Haare und einen Kampfhund. Im Wohnzimmer hing eine Hakenkreuzflagge – wie er sagte eine 'Familientradition'.

"Besser als Sex" ist Unterhaltung, keine Aufklärung, das betonen die beiden im Podcast immer wieder. Genau das ist es auch, was die Hörerinnen und Hörer lieben. Auch, wenn mit der Verantwortung fürs junge Publikum manchmal zu lax umgegangen wird: Die Leserfrage eines jungen Mannes zum Thema "Ist es schlimm, einen kleinen Penis zu haben" wurde dort vor einiger Zeit lapidar mit "Ja, spring am besten von einer Brücke" beantwortet. 

(Bild: Screenshot Spotify)

Bei Spotify ist der Podcast in der Rubrik "Lifestyle und Gesundheit" eingeordnet, nicht bei Comedy. "Nun müssen wir wohl auch noch ein kleines Hakenkreuz-Symbol an unser Symbolbild dranmachen", albert Leila noch, bevor es endlich in die Pause geht.

Im Raucherraum blicke ich in ratlose Gesichter. Die Show war schnell ausverkauft – wer hier ist, der ist auch Fan. 

Aber heute knistert es nicht zwischen Publikum und Künstlerinnen. Viele sind enttäuscht. "In Zeiten, wo rechtsextreme Politiker in Parlamente gewählt werden, kann man sich nicht öffentlich hinstellen und die Botschaft vermitteln: 'Hey der Typ verehrt einen faschistischen Massenmörder, aber er hat einen Schwanz? Dann fick ihn doch!'", sagt eine Freundin. Sie findet:

"Wir müssen den Mund aufmachen, aber nicht, um Nazi-Schwänze zu lutschen."

Zwei Männer ziehen an ihren Zigaretten und nicken. "Das war echt eigenartig", kommentiert einer. Obwohl hier alle aufgeschlossen sind: Heute haben viele gemerkt, wo sie trotz aller sexuellen Freiheit die Grenze ziehen – Hitlerfans sind ein No-Go. 

Es ist unerwartet, denn Leila Lowfire setzt sich sonst offen gegen Rechts ein. 2017 habe ich sie dazu interviewt. Ich fand ihre Äußerungen zu dem Thema interessant, denn vielen Influencern wird vorgeworfen, sich nicht genug politisch zu positionieren, und ihre Reichweite nur zur Selbstdarstellung zu nutzen. Dass Leila nun ihre Nazi-Geschichte überhaupt nicht einordnet, passt nicht zu dem, was sie sonst tut. 

Nach der Pause wird es leider nicht besser. 

Vielleicht haben die beiden Frauen gemerkt, dass das Publikum ihnen die Geschichte übel genommen hat. Bemüht beschreiben Ines und Leila Sex im Freien und machen sich danach über Frauen lustig, die vor dem Sex einen HIV-Test einfordern. Auch "zu lange Schamlippen" sind wie meistens ein Thema. "Im Winter kannst du dir damit die Ohren warmhalten", findet Anioli und tut so, als würde sie sich in eine Lippen-Decke einwickeln. 

Als immer mehr Menschen aufstehen und einfach gehen, merken auch die Moderatorinnen, dass es Zeit zum Aufhören ist. 

Die Frage, wie sich "Pisse im Mund" anfühlt, wird nicht mehr vollständig beantwortet. 

(Bild: Screenshot Instagram Stories)

Draußen frage ich einige weibliche Fans, die sich sofort beschweren. Eine sagt mir, sie fände die Show antifeministisch. "Ich verstehe überhaupt nicht mehr, was bei denen abgeht", resümiert sie und geht davon.

Am Tag nach der Show frage ich nochmal die drei Freundinnen, mit denen ich die Show gesehen habe. Denken sie nach einer Nacht Bedenkzeit noch immer so, oder verstehe ich das Ganze einfach nur falsch? Die erste – ein Hardcore-Fan, die sich vor der Show unbedingt noch ein "Small Tits Club"-Shirt vom Merchandise-Stand kaufen wollte – will nun ihre Karten für die jüngst angekündigte Solo-Show von Anioli zurückgeben und den Podcast nicht mehr abonnieren. Auch auf Instagram macht sie ihrer Wut Luft. "Ich kann alle verstehen die vorzeitig gegangen sind", erzählt sie mir. "Das hätte Leila bei dem Nazi auch besser machen sollen", findet eine andere. Die dritte schreibt zusammenfassend: 

"Vorbildfunktion komplett verfehlt. Fremdscham statt Feminismus. Einfach eine enttäuschende Veranstaltung."

Doch nicht alle wurden enttäuscht: Einige Fans blieben trotz der fragwürdigen Messages und ergattern nach der Show ein gemeinsames Insta-Foto mit Ines und Leila. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kars (oder sein Spambot) kommentiert eines davon über sein offizielles Profil mit "cute 🎉". 

Ob er schon die Nazi-Story gehört hat? Vermutlich nicht. 

In einer Livestory auf Instagram bezog Leila am 21.11. zur Show Stellung. Die Kritik will sie erstmal nicht annehmen und bis nach der Tour warten. Ihr Zwischenfazit: Hamburg wäre einfach etwas speziell, in Köln habe man ihren Humor verstanden. 

Die Tour geht noch zwei Wochen weiter, der letzte Termin ist am 3. Dezember in Frankfurt – vor ausverkauftem Haus. 



Gerechtigkeit

Bei Rot über die Ampel gelaufen, kein Licht am Rad: Weißt du, wie du in Flensburg punktest?
Was kostet dich wie viele Punkte im Straßenverkehr?

Normalerweise ist Punkten ja etwas Schönes: Bei Klausuren zum Beispiel. Oder im Sport. Oder auf dem ersten Date. Eher unschön ist allerdings das Punktesammeln im Verkehr: Wer zu rasant unterwegs ist, mit einem Bier zu viel intus noch aufs Rad steigt oder betrunken über eine rote Ampel spaziert, kann recht einfach sein Punktekonto in Flensburg aufstocken – und das kann nicht nur teuer werden, sondern auch dazu führen, dass man den Führerschein ganz schnell wieder los ist.

Aber wofür bekommt man eigentlich wie viele Punkte? Und kann mir der Führerschein entzogen werden, obwohl ich einfach nur betrunken bei Rot über die Ampel gegangen bin? Mit diesem Quiz kannst du es endlich rausfinden – und vielleicht zu einem besseren Verkehrsteilnehmer werden.

Übrigens: Bei allen Ordnungswidrigkeiten und Straftaten im Straßenverkehr kann Einspruch eingelegt werden – in manchen Fällen wird dann zu Gunsten der Angeklagten entschieden. Für unser Quiz gehen wir aber davon aus, dass nach dem Bußgeldkatalog des Kraftfahrt-Bundesamtes entschieden wird, du noch keine Punkte in Flensburg besitzt und nicht mehr in der Probezeit bist. Außerdem wird bei dir keine besondere Gefährdung festgestellt.