Dieser Text ist Teil unserer Reihe "Über Gewicht".

Es gibt Menschen mit Übergewicht – genauso, wie es Menschen mit Unter- oder Normalgewicht gibt. Doch wer mehr wiegt als andere wird im Alltag oft diskriminiert. Durch Hasskommentare, Blicke, unangenehme Fragen. Das zeigt zum Beispiel der Erfahrungsbericht von Ricarda Lang, Sprecherin der Grünen Jugend. (bento)

In ihrem Text schrieb sie von vielen Situationen, in denen sie auf ihr Gewicht reduziert wurde. Ricarda Lang fordert: Mit der Diskriminierung von Dicken muss Schluss sein – egal, ob in Kommentarspalten von Facebookseiten oder außerhalb des Internets. 

Aber was ist mit Menschen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen? Welche Sprüche müssen sie sich gefallen lassen, welche Situationen müssen sie ertragen? Wie fühlen sie sich damit – und wie wehren sie sich dagegen? Wir haben fünf Menschen, die von sich selbst sagen, übergewichtig zu sein, gebeten, davon zu erzählen. Sie wollen unerkannt bleiben, deswegen haben wir ihre Namen verändert.

Über Gewicht

Eigentlich könnte das Gewicht eine simple Maßeinheit sein. Aber schon von frühester Kindheit an lernen viele, dass das "richtige" Gewicht über den sozialen Status entscheidet. 

Warum sich unsere Gesellschaft so sehr über diese Maßeinheit definiert, was das mit uns macht und was sich Menschen anhören müssen, die nicht mitten im Normalmaß aufgehoben sind – darüber reden wir unter dem Schlagwort "über Gewicht".

Carsten

"Ich wiege 187 Kilo und bin 1,83 Meter groß. Ich bin selbstbewusst und muss oft vor vielen Menschen sprechen, zum Beispiel, wenn ich Schulungen gebe. Im Job wurde ich bisher nicht diskriminiert. In der Öffentlichkeit passiert es hingegen ständig. 

Wildfremde Menschen raunen mir zu, ich sei eine 'fette Sau'. Kinder zeigen mit dem Finger auf mich, Eltern finden das völlig okay. In Klamottenläden wird mir schon mal von Verkäufern mitgeteilt, dass man 'für so einen wie mich' nichts führt.

Mittlerweile geht mir das nicht mehr nah. Ich sage auch schon mal was, mache den Mund auf, wenn mir jemand blöd kommt. Ich gehe sogar ins Schwimmbad. Wen es stört, nicht mein Problem, der möge das Schwimmbad verlassen."

Lena

"Immer sagten mir andere, ich sei für irgendwas zu fett. Das ging solange so, bis ich es selbst glaubte. In der Öffentlichkeit esse ich grundsätzlich nicht mehr, schon gar kein Eis. Wenn ich einkaufen gehe, dann am liebsten nicht allein. Denn ich habe das Gefühl, es wird schlimmer: Immer mehr teilen die vermeintlich Stärkeren an die vermeintlich Schwächeren aus. 

Im Supermarkt fragen mich Leute zum Beispiel, ob ich statt Wurst nicht lieber Light-Produkte oder fettarmen Käse kaufen will. Oder ob ich wirklich glaube, dass man mit Schokolade abnehmen kann. Es fällt mir schwer, in solchen Momenten stark zu sein. Ich würde mir wünschen, dass Dicke als Menschen wahrgenommen werden, nicht als Monster."

Mara

"Als ich schwanger war, nahm ich 25 Kilogramm zu – und das fanden viele wirklich witzig. Ich wurde auf der Straße angesprochen und gefragt, wie viele Babys ich denn bekommen würde? Ein Ladenbesitzer sagte mir, wenn ich entbunden hätte, sollte ich alle Babys nach dem Laden benennen. Das sollte wohl ein Scherz sein. 

Nach der Schwangerschaft fragten mich Nachbarn im Treppenhaus dann, ob es denn normal sei, dass man so schwabbelig bleibe, obwohl das Kind schon da sei? Freundinnen sagten, sie wären wirklich traurig, wenn sie nach ihrer Schwangerschaft so aussähen wie ich. 

Ich habe es nie geschafft, den Menschen zu sagen, dass mich das verletzt und ich gern 'Instagram-tauglich' schwanger gewesen wäre. Mittlerweile bin ich unendlich traurig darüber, dass ich mich lange so klein gemacht habe."

Maike

"Ich habe einen Traum: Dass sich eine Traube von Dicken erhebt, an die Öffentlichkeit tritt und Klartext spricht – und das gängige Schönheitsideal endlich unter den Tisch gekehrt wird.

Ich bin traurig, mich so lange klein gemacht zu haben
Mara

Ich habe schon oft zu Hause gesessen und wegen Kommentaren irgendwelcher Vollidioten geweint. Als ich das letztes Mal mit verquollenen Augen da saß, dachte ich: In was für einer schrecklich hässlichen Welt leben wir, wo Menschen auf ihr Aussehen reduziert werden – und nicht auf ihr Können?"

Julius

"Ich nehme seit mehreren Jahren Cortison und habe deswegen ordentlich zugenommen. Was bei all den Kommentaren, die ich mir über mein Aussehen anhören muss, am meisten wehtut: Dass viele nicht wissen, dass ich krank bin. Alle gehen immer davon aus: Der ist fett, das kann nur sein eigenes Verschulden sein. Der frisst sicher zu viel! Das ist nicht fair.

Der frisst sicher zu viel!
Menschen über Julius

Denn ich ernähre mich gesund, bin ständig an der frischen Luft – aber das sieht natürlich keiner. Sogar meine Mutter vertraut mir nicht richtig und sagt ständig: 'Bei deinen Medikamenten solltest du nicht auch noch so zulangen.'

In der Bäckerei, in der ich arbeite, sprechen mich besonders die älteren Leute an: 'Sie mögen ihren eigenen Kuchen aber auch sehr gern!?' Als ich das mal einer Freundin erzählt habe, die schlank ist, konnte die das kaum glauben. 'Was, so frech sind Leute?', rief sie. 

Von jüngeren Menschen kommt übrigens fast nie ein Kommentar. Im Gegenteil, die kaufen einfach ihre Brötchen und das war's."


Gerechtigkeit

US-Behörde streicht heimlich das Bekenntnis, eine "Einwanderernation" zu sein
Die USA verabschieden sich still und leise

Die USA waren seit jeher ein Einwanderungsland. Ihre ganze Kultur, ihre Politik und ihre Gesellschaft gründet darauf, eine sichere Heimat für Menschen aus aller Welt zu sein. 

Auch die US-Einwanderungsbehörde blieb dieser Haltung immer treu. Auf der Homepage stand immer ein "Versprechen an die Einwanderernation". 

Nun ist von diesem Bekenntnis zur Einwanderung nichts mehr zu lesen. Es wurde gestrichen.