Ich möchte nicht länger eure Quoten-Türkin sein.

D

er Tag, an dem ich mir vornahm, diesen Text zu schreiben, begann harmlos. Ich war mit einer guten Freundin verabredet. Sie wollte mich ihrem neuen Freund Markus vorstellen.

Doch anstatt uns locker kennenzulernen, wurde die Situation unangenehm – schließlich habe ich drei Üs in meinem Namen. Und die wirken auf Fremde immer wieder sonderbar. 

Wir trafen uns in einem Café. Markus stellte sich vor, dann fragte er direkt: 

"Sag mal, warum sind so viele deiner Landsmänner, die hier in Deutschland leben, eigentlich Erdogan-Anhänger?"
Begüm: "Ich kann die Fragen nicht mehr hören"

Ich schluckte. Plötzlich stand ich da, als Stellvertreterin für alle in Deutschland lebenden Türken. Bevor ich reagieren konnte, schob er hinterher: "Es ist echt unmöglich, dass so viele Deutsch-Türken Erdogan verehren".

Nicht schon wieder! Schon wieder jemand, der denkt, ich könnte Fragen zu irgendwelchen Erdogan-Anhängern beantworten. Schon wieder jemand, der mich scheinbar auf meine deutsch-türkischen Wurzeln reduziert

Es reicht. Ich kann diese Fragen nicht mehr hören: "Feierst du die AKP-Auftritte in Deutschland auch so?", "Weißt du, wieso es so viele Erdogan-Anhänger hier gibt?", "Was sagen deine Eltern dazu?"

Im Café blieb ich freundlich, um meine Freundin nicht in Verlegenheit zu bringen – aber innerlich zog ich an diesem Tag einen Schlussstrich. Und fing an, diesen Text zu schreiben.

Was ist die AKP?

  • Eine Partei in der Türkei, ihr ganzer Name lautet: Adalet ve Kalkınma Partisi.
  • Übersetzt bedeutet das: "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung".
  • Vorsitzender ist Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei.
  • Nach eigenen Angaben ist die AKP konservativ-demokratisch.
  • Kritiker werfen der AKP vor, die Türkei islamisieren zu wollen. 
  • Immer wieder gibt es teils heftige Proteste gegen die Partei, Erdoğan geht dabei hart gegen Demonstranten vor und lässt Gewalt einsetzen, um die Proteste aufzulösen.
  • Seit 2010 wird der Präsident außerdem zunehmend autoritärer – voraussichtlich Ende 2019 führt er ein Präsidialsystem ein, in dem jede Macht vom Präsidenten ausgeht.

Ich bin in Wiesbaden geboren und wohlbehütet aufgewachsen. Meine Mutter kam mit neun Jahren als Tochter von Gastarbeitern nach Deutschland, mein Vater wanderte mit 19 aus der Türkei aus, um als Jazzmusiker durch Europa zu touren. 

Als er Deutschland bereiste, entschied er sich, zu bleiben, weil ihm dieses Land gefiel. 

In Wiesbaden lernte er dann meine Mutter kennen, die damals als Friseurin jobbte. Sie kamen zusammen, heirateten, schon bald kam ich zur Welt. Nach dem Abi ging ich zum Studieren nach Mainz.

Was bedeutet das Leben, was will ich daraus machen? Mehr über Identität:
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Die Türkei kenne ich nur von unseren jährlichen Urlauben in der Touristenstadt Antalya und von einigen Familienbesuchen in Istanbul. Natürlich fühle ich mich deswegen verbunden mit dem Land und verfolge auch die politischen Entwicklungen vor Ort. 

Ich liebe Kartoffelklöße mit Rotkohl. Ich kann aber auch den orientalischen Volkstanz Halay tanzen. 

Mit der AKP habe ich deshalb noch lange nichts zu tun. 

Ich lehne die AKP aus vielen Gründen ab. Meine Eltern haben mich ohne religiösen oder politischen Zwang erzogen. In meinem Freundeskreis sind Menschen mit unterschiedlichen Ansichten, aus verschiedenen Religionen und mit verschiedener Sexualität.

Erst kürzlich hat das AKP-Regime eine LGBTI-Demo in Istanbul verboten, Erdogan lässt Andersdenkende einsperren – zum Beispiel den Journalisten Deniz Yücel.

Begüm: "Ich bin entsetzt über den Hype"
Ich bin gegen diese Politik, bin gegen Erdogan und seine AKP. 

Und trotzdem muss ich mich dauernd rechtfertigen, weil viele denken: Deutsch-Türken gleich AKP-Anhänger. So denken nicht nur Fremde und Bekannte, sondern manchmal auch gute Freunde.

Ja, es gibt sie natürlich, die tobenden Deutsch-Türken mit Erdogan-Schals und Türkeifahnen, die vor drei Jahren in der Kölner Lanxess-Arena dafür gesorgt haben, dass der Auftritt des damaligen Ministerpräsidenten wie ein Justin-Bieber-Konzert wirkte. Ich war entsetzt über diesen Hype. 

Deutsch-Türken und Erdogan

  • Mitte April ließ Erdogan die Menschen in seinem Land – und Menschen im Ausland, die auch die türkische Staatsbürgerschaft haben, abstimmen: Soll die Türkei ein autoritäres Präsidialsystem bekommen?
  • In Deutschland haben 63,1 Prozent der Türken, die an der Abstimmung teilgenommen haben, mit Ja gestimmt (bento).
  • In der Türkei waren es 51,4 Prozent.
  • Die Wahlbeteiligung unter den Deutschtürken lag bei knapp 46 Prozent (in der Türkei bei mehr als 85 Prozent).

Mir ist auch bewusst, dass der radikale Teil der deutsch-türkischen Erdogan-Fanbase nicht vor Gewalt zurückschreckt. Es ist nicht lange her, dass ein deutscher Reporter für seine spontane #freedeniz-Protestaktion beim Hamburg-Besuch des türkischen Außenministers Schläge kassierte (Zeit Online).

Dennoch: Verallgemeinerungen über Deutsch-Türken müssen aufhören! 

Weder ich, noch andere Deutsch-Türken in meinem Freundeskreis verehren Erdogan. 

Wir gehen mit Free-Deniz- und Je-Suis-Böhmermann-Shirts auf die Straße und zeigen, dass Türken und Kurden sich sehr wohl miteinander verstehen. Wir richten uns gegen eine Politik, die uns immer mehr Sorgen bereitet.

Wer Erdogan cool findet, okay. Es geht mir nicht darum, seine Anhänger fertig zu machen. 

Ich möchte nur in keine Situation mehr kommen, in der ich mich aus Vorurteilen herauswinden und mich erklären muss. Man kann niemandem ansehen, ob er für oder gegen eine bestimmte Politik ist – schon gar nicht an seinen Wurzeln. 

Ich bin Deutsche. Und Türkin. Und Vegetarierin. 

Und manchmal auch ein Fashion-Victim. Über all das können wir gerne reden – wenn ich vorher nicht als die Quoten-Türkin herhalten muss, die sich mit euren Vorurteilen auseinandersetzt.


Musik

Riesendemo in Hamburg: "Lieber tanz' ich als G20"
Umz umz umz

Am Dienstagabend wurde getrunken, am Mittwochabend wird getanzt: In Hamburg haben sich laut den Veranstaltern rund 20.000 Menschen zum Demorave "Lieber tanz' ich als G20" an den Landungsbrücken getroffen. Natürlich unter den wachsamen Augen der Polizei.

Zum Start ist alles völlig entspannt. Das Publikum: überwiegend junges hipsterig bis punkig. Alle haben sich lieb.