Wie sich das Leben nach dem Putsch anfühlt

Die türkische Führung geht nach dem Putschversuch immer rigoroser gegen angeblich Verdächtige vor. Rund 60.000 Soldaten, Polizisten, Beamte, Richter, Wissenschaftler und Lehrer wurden in der vergangenen Woche suspendiert oder festgenommen. 11.000 Reisepässe wurden für ungültig erklärt. Tausende Schulen, Unis und soziale Einrichtungen sollen geschlossen werden.

Viele sorgen sich nun um die Zukunft des Landes - und ihre eigene. Fünf Türken im Alter zwischen 26 und 38 Jahren haben uns von ihren Zukunftsplänen berichtet. Drei von ihnen leben in Istanbul und wollen aus Angst vor der Regierung ihre Namen nicht veröffentlicht sehen.

Demonstration gegen den Putsch auf dem Taksim Platz in Istanbul
Ein Assistenzprofessor aus Istanbul: "Wenn ich hierbleibe, lande ich im Gefängnis"

"Der Putsch hätte das Land vielleicht zum Besseren verändern können, doch das kann man wohl erst beurteilen, wenn wirklich klar ist, wer die Drahtzieher waren. Jetzt ist die Türkei endgültig verloren. Erdogan baut den Staat weiter zu einer Diktatur aus, und ich möchte dabei nicht zusehen müssen.

In den nächsten Tagen habe ich ein Vorstellungsgespräch mit einer Universität in Großbritannien. Ich habe keine große Hoffnung, dass es klappt. Aber ich werde die Türkei verlassen, sonst lande ich sicher früher oder später im Gefängnis. Ich stehe bestimmt auf einer Liste der Regierung. Denn schon lange vor dem Putschversuch wurde die Bevölkerung genau beobachtet, Social-Media-Profile wurden überwacht. Sobald das Ausreiseverbot aufgehoben wird, werde ich versuchen zu verschwinden. Ich fühle mich, als wäre das ganze Land ein riesiges Gefängnis.

Früher habe ich Erdogan und seine Partei sogar unterstützt. Doch das ist sehr lange her. Erdogan führt das Land unabwendbar in eine Diktatur. Für mich gibt es nur noch einen Weg - raus. Darüber hatte ich auch früher schon nachgedacht, aber nun ist es mir absolut ernst."

Journalist Burak Sayin, 29: "Ich gehe nie wieder zurück in die Türkei"
Burak Sayin

"Die Nachricht über den Putschversuch war ein Schock für mich. 'Soldaten haben die Brücken in Istanbul gesperrt', schrieben mir mehrere Freunde auf WhatsApp. Wir haben erst Witze darüber gemacht - bis uns klar wurde, dass das Militär wirklich versucht zu putschen. Es war wie ein Schlag ins Gesicht für mich, eine weitere Katastrophe für die Türkei.

Ich brauchte einen Moment, um die Situation zu verstehen. Eigentlich hat es mich dann doch nicht so überrascht. Spätestens seit den Protesten im Gezi Park 2013 geht die Demokratie in der Türkei den Bach runter. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Situation verschlimmert.

Ich bin im vergangenen Jahr an die Universität nach Lund in Schweden gegangen, um dort einen weiteren Abschluss zu machen. Seitdem war ich nicht mehr in der Türkei, und ich werde auch nicht wieder zurückkehren. Allerdings ist mein Studium bald zu Ende, und mein Visum läuft ab. Ich suche einen Job, egal wo auf der Welt - nur nicht in der Türkei. Vorerst habe ich eine Lösung gefunden: Ich werde demnächst in China Englisch unterrichten.

Für meine Eltern ist das sehr hart, aber ich bin mir sicher, dass Freunde und Bekannte von mir in der Türkei festgenommen wurden. Mir wird das nicht passieren."

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Eine leitende Angestellte, 26, aus Istanbul: "Ich stelle keine Fragen, sonst verliere ich meinen Job"
Panzer der türkischen Polizei vor der Militärakademie in Istanbul

"Die Nacht des Putschversuchs war die schlimmste meines Lebens. Noch nie hatte ich so viel Angst. Ich wusste, dass so etwas irgendwann passieren würde und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Wir sind auf die Straße gegangen und haben die umliegenden Lebensmittelläden abgeklappert, aber die Regale waren schon leer.

Ein erfolgreicher Putsch wäre das Schlimmste gewesen, was diesem Land hätte passieren können. Doch die Situation jetzt ist auch nicht gut. Wir sind alle verängstigt. Erdogan nutzt die Lage aus und schränkt das Leben hier noch mehr ein. Manchmal habe ich das Gefühl, das alles ist ein Spiel - ein Spiel, das Erdogan spielt, um sich als großen Retter zu inszenieren. Und ich muss mitmachen.

Ich arbeite für einen teilstaatlichen Konzern. Erdogan-Gegner sind hier nicht erwünscht. Ich musste bereits mehrere Mitarbeiter entlassen, weil sie sich kritisch über die Regierung geäußert haben. Allerdings befolge ich nur Anweisungen. Ich stelle keine Fragen, sonst bin ich die Nächste, die ihren Job verliert.

Ich versuche durchzuhalten bis September. Dann will ich meinen Freund in den USA besuchen. Er ist Amerikaner. Eines Tages werde ich ganz zu ihm ziehen. Wir wollen heiraten, irgendwann. Aber jetzt kann ich das nicht. Mein Leben ist hier. Meine Familie, meine Freunde, mein Job."

Fotografin Eylül Aslan, 26, aus Berlin: "Alle guten Erinnerungen an Istanbul wurden ausgelöscht"
Fotografin Eylül Aslan lebt seit fünf Jahren in Berlin

"Ich werde nur noch als Besucherin in die Türkei zurückkehren. Seit fünf Jahren lebe ich in Berlin. Vor drei Jahren habe ich meinen österreichischen Freund geheiratet. Unsere Heimat ist jetzt hier.

In Deutschland kann ich frei sein. Ich bin Fotografin, und viele meiner Arbeiten stehen in Kontrast zu den konservativen Richtlinien und Werten in der Türkei. Dort könnte ich niemals so arbeiten. Das war schon vor dem Putsch so und gilt unter den neuen Umständen erst recht.

Trotzdem habe ich gute Verbindungen in die Türkei. Viele engen Freunde und auch meine Eltern leben noch in Istanbul, und ich war erst vor Kurzem dort. Eigentlich wollte ich im Sommer noch einmal in meine Heimatstadt. Doch ich habe die Reise abgesagt. Die Spannungen im Land sind zu groß, und die Straßen sind voll von aggressiven Männern, die meinen, sie müssten Erdogans Regierung mit ihren Fäusten verteidigen. Diesen Hass möchte ich nicht spüren.

Die schrecklichen Taten der letzten Tage haben alle guten Erinnerungen an Istanbul aus meinem Gedächtnis gelöscht. Ich denke nicht mehr an den Bosporus oder einen Spaziergang über die Brücke. Ich denke an tote Soldaten und Gewalt. Das tut so weh. Ich fürchte, dass ein Bürgerkrieg ausbrechen könnte."

Ein Doktorand der Physik aus Istanbul: "Ich fühle mich wie gelähmt"
Das CERN - ein Traumarbeitsplatz. der nach dem Putsch unerreichbar scheint

"Ich traue mich nicht mehr joggen zu gehen, abends bleibe ich in der Wohnung, und auch sonst habe ich meinen Alltag in den vergangenen Tagen komplett geändert. Freunde von mir wurden auf der Straße verprügelt. Die selbst ernannten Wächter der Türkei hatten sich auf sie gestürzt. Ich hoffe, dass sich die Situation bald wieder beruhigt.

In der Nacht des Putschversuchs bin ich durch das ganze Chaos und die Gewalt bis zum Apartment meiner Schwester gelaufen. Es fühlte sich sehr unreal an. Mittlerweile verbreiten sich Videos im Internet, die zeigen, dass Polizeikräfte Zivilisten vor die Panzer geschubst haben. Es gibt Menschen, die Selfies mit getöteten Soldaten gemacht haben. Ich fühle mich wie gelähmt.

Meine Doktorarbeit habe ich vorerst auf Eis gelegt. Erst musste ich sie unterbrechen, um meinen Wehrdienst zu leisten. Dann kam ich zurück nach Ankara - in eine Stadt in ständiger Angst vor dem Terror. Also bin ich nach Istanbul gezogen. Hier wollte ich noch einmal anfangen, die Thesen meiner Doktorarbeit überdenken. Jetzt ist auch hier nichts mehr, wie es war, und ich weiß nicht weiter.

Meine Zukunft ist absolut ungewiss. Fünf Jahre habe ich immer wieder in der Forschungseinrichtung Cern in der Schweiz gearbeitet. Selbst wenn ich meine Doktorarbeit wieder aufnehme, ist diese Möglichkeit für mich gestorben. Ich dürfte als Doktorand in der jetzigen Situation nicht ausreisen. Und ich glaube ohnehin, dass man einen Türken in Europa nicht mit offenen Armen empfangen würde."

Diese Geschichte ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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Gerechtigkeit

So sieht Erdoğan seine neue Welt
Die wichtigsten Aussagen aus seinem ARD-Interview

Flüchtlingsdeal, Kampf gegen die Kurden, dann ein Putschversuch und nun die Beschneidung von Menschenrechten im Eiltempodie Türkei liefert dieser Tage immer wieder neue Schlagzeilen. Fast in jeder Schlagzeile mit erwähnt: Recep Tayyip Erdoğan. An dem türkischen Präsidenten, so scheint es, kommt keiner mehr vorbei. Für manche Medien gilt er bereits als "Diktator".

Jetzt hat die ARD den Staatsmann in einem 35-minütigen Interview zur Lage in seinem Land befragt – und dazu, was er unter Demokratie versteht. Die wichtigsten Aussagen:

Über den Putschversuch: