Vor einigen Tagen konnte ich nicht einschlafen – weil ich die ganze Zeit an einen Brokkoli denken musste.

Klingt psycho. Ist es womöglich auch.

Aber es war nicht irgendein Brokkoli. Es war dieser hier:

An sich ist das ja ganz schön: Ein Künstler schnitzt Muster in Obst und Gemüse – sieht doch hübsch aus!

Aber mir bereitet das Bild Unbehagen. Denn ich habe offenbar die sogenannte Trypophobie. Das heißt: Bilder von unnatürlichen Löchern in Gewebe lösen bei mir Ekel und Übelkeit aus.

Bis vor etwa einem Jahr wusste ich weder, dass es dieses Phänomen gibt, noch dass ich diese Angst habe. Erst als ein Kumpel mir plötzlich sein Handy vors Gesicht hielt, auf dem Bilder von löchrigen Händen und komisch strukturiertem Gewebe zu sehen waren, wurde mir ganz anders.

Ich konnte den Anblick gar nicht ertragen, musste sofort weggucken und hatte am ganzen Körper Gänsehaut.

Meine Reaktion ging weit über das Gefühl hinaus, was ich ansonsten als Ekel kenne: Wenn jemand eine Spritze bekommt, mag ich mir das auch nur ungern ansehen, Wunden sind ebenfalls nicht schön – doch in solchen Fällen hält sich mein Ekelgefühl noch im Rahmen.

Aber bei diesen Bildern war es anders. Und das geht offenbar nicht nur mir so.

2013 beschäftigten sich erstmals Wissenschaftler mit dem Thema (University of Essex). Bisher ist das Phänomen nicht offiziell in der klinischen Psychologie klassifiziert. Manche Forscher sind auch davon überzeugt, dass die Angst nur durch das Internet entstanden ist. Demnach sollen die Ekelreaktionen dadurch hervorgerufen werden, dass die Betroffenen mit anderen intensiv darüber sprechen – und harmlose Bilder so erst die unangenehmen Assoziationen bekommen.

Die irrationalen Reaktionen auf bestimmte Bilder erhielten tatsächlich zunächst im Internet Aufmerksamkeit. In Foren tauschten sich Menschen über die Symptome aus und fühlten sich in ihrem Ekel vor den Lochbildern verbunden. Der Begriff "Trypophobie" soll 2005 zum ersten Mal von einer anonymen irischen Frau in einem Forum verwendet worden sein.

So stieg die Anzahl der Google-Suchanfragen nach dem Begriff in den vergangenen Jahren an:
Was ist Trypophobie?

Einfach aus dem Griechischen übersetzt ist es die Angst vor Löchern. Wenn Betroffene beispielsweise Bilder von löchrigem Gewebe sehen, berichten sie von Symptomen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Juckreiz oder sogar Angstzustände und Schwindel.

Bei manchen geht es auch nicht nur um Löcher: Der Ekel kann auch durch Beulen oder Muster hervorgerufen werden.

Ein Proband der ersten Studie zu Trypophobie (University of Essex) beschrieb das so:

"Ich kann den Anblick kleiner, unregelmäßiger oder asymmetrisch platzierter Löcher nicht ertragen, es kommt mir hoch, ich muss ein bisschen weinen und es schüttelt mich zutiefst.“

Allerdings geht es nicht um irgendwelche Löcher. Schweizer Käse ist beispielsweise kein Problem, auch Nasenlöcher sind natürlich total in Ordnung. Weil die eben dorthin gehören.

Es geht eher um Löcher – oder sonstige gemusterte Veränderungen – in Objekten, die normalerweise anders aussehen. Diese Beschreibung klingt ein wenig unkonkret, was aber auch daran liegt, dass Trypophobiker auf sehr unterschiedliche Bilder reagieren. Manche haben sogar ein Problem mit Bienenwaben, andere eher mit krankheitsähnlichen Veränderungen an menschlichen Körpern.

13 Prozent der Testpersonen waren von der Phobie betroffen.

Ich weiß, dass das komisch klingt. Und ich verstehe auch, dass die meisten dieses Gefühl nicht nachvollziehen können. In der genannten Studie kam heraus, dass etwa 13 Prozent der Probanden von der Angst betroffen waren. Bei Frauen war der Anteil (18 Prozent) etwas höher als bei Männern (11 Prozent).

Was machen die Bilder mit dir? Mach den Test und klick dich durch die Fotostrecke:
Wir fangen mit leichten Beispielen an und steigern uns.
Jetzt wird's ein bisschen fieser – aber wir bleiben in der Natur:
Noch dabei? Dann kommt jetzt ein künstlerisch verfremdeter Körper:
Jetzt wird's eklig. Bei der Surinamkröte schlüpfen die Babys aus Löchern im Rücken:
Bei richtig fiesen Trypophobie-Bildern wird Gewebe auf unschuldige Menschenhaut gephotoshopt:
Der oberste Härtegrad: Die Arbeit eines Maskenbildners, damit es richtig authentisch aussieht. Trau dich:
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Warum haben Menschen diese Angst?

Tja, dafür gibt es bisher keine einhellige Antwort. Aber die Wissenschaft hat mehrere Theorien. Zum Beispiel:

1. Es ist ein Schutz vor gefährlichen Tieren

Die Wissenschaftler Geoff G. Cole und Arnold J. Wilkins, welche 2013 die erste Trypophobie-Studie durchgeführt haben, waren davon überzeugt, die Angst beziehe sich im Grunde auf gefährliche Tiere. Bilder von giftigen Tieren mit ähnlichen Hautmusterungen lösten bei ihren Probanden Angst aus.

"Es mag einen alten Teil unseres Gehirns geben, der uns sagt, dass wir ein giftiges Tier betrachten", sagte Cole. "Der Ekel ist ein evolutionärer Vorteil, auch wenn uns das nicht bewusst ist, denn er sorgt dafür, dass Leute mit Trypophobie so weit wie möglich von dem löchrigen Ding wegrennen."

Der Blaugeringelte Kraken ist ein hochgiftiges Tier.(Bild: Wikimedia Commons )

2. Es ist eine Ur-Angst

...oder eher ein Ur-Ekel. Zu diesem Schluss kam ein anderer Wissenschaftler aus Essex (University of Essex). An Trong Dinh Le verglich Bilder von Trypophobie-Webseiten mit eigentlich sehr ähnlichen Fotos, die bei seinen Probanden allerdings nicht die Phobie auslösten. Dabei kam heraus: Die Ekel auslösenden Bilder erinnern das Gehirn an Krankheiten – die es tunlichst vermeiden will. Der Ekel ist also eine Abwehrreaktion, um sich von einer möglichen Ansteckungsgefahr fern zu halten.

3. Es ist alles nur Suggestion

Die Psychiaterin Carol Mathews, Professorin an der University of California, hat von Trypophobie noch nie gehört, obwohl sie auf Angststörungen spezialisiert ist. Dem amerikanischen Radiosender NPR sagte sie: Vermutlich finden die Studien-Teilnehmer die Fotos einfach nur sehr ekelig.

Sie vermutet Priming hinter der vermuteten Phobie. Das heißt: Wenn Dir jemand das Foto einer Lotusblume zeigt und dich fragt, ob du dich beim Anblick kratzen musst, dann ist recht wahrscheinlich, dass du tatsächlich einen Juckreiz verspürst. Der Hintergrund: Wir würden unsere Haut eigentlich ständig spüren – wenn unser Gehirn diese kleinsten Empfindungen nicht filtern würde. Erst wenn wir gebeten werden, uns darauf zu konzentrieren, nehmen wir es wahr.

Ist also doch nur das Internet schuld? Arnold Wilkins, einer der Essex-Wissenschaftler, ist anderer Meinung. In einem Interview mit Motherboard sagte er zwar:

"Das Internet macht es den Menschen überall auf der Welt möglich, ihre Erfahrungen und somit auch bestimmte Symptome mit anderen zu teilen. Dadurch erkennen Menschen mit seltenen Leiden, dass sie nicht alleine sind."

Und die Trypophobie sei höchstwahrscheinlich durch die mit Photoshop bearbeiteten Bilder deutlich verschlimmert worden. Trotzdem sei die Angst seiner Meinung nach nicht nur ein Internetphänomen:

"Viele Patienten haben uns Geschichten über ihre Erfahrungen mit der Angst vor Löchern erzählt, die sich ereignet haben, als es das Internet noch nicht gab."

Ob nun von der Wissenschaft anerkannt, oder nicht, ob "Trypophobie" oder einfach nur Ekel – die Betroffenen müssen halt irgendwie damit umgehen. Doch während manche Phobien Menschen dazu zwingen, sich komplett aus dem Leben zurückzuziehen oder in ständiger Angst zu leben, habe ich mit den Löchern kein größeres Problem. Im Alltag begegnen mir fast nie die entsprechenden Bilder – wenn ich nicht gerade darüber schreibe.

Übrigens:

Während ich diesen Artikel geschrieben habe, musste ich ständig Pausen machen und mich mit anderen Dingen beschäftigen. Obwohl ich nur über die Bilder nachgedacht habe (die Klickstrecke musste ein Kollege basteln), wurde mir immer wieder leicht übel, mein Herz schlug schneller und ich bekam irgendwann sogar Kopfschmerzen.

Richtig absurd, oder?

Meiner Kollegin Dilan geht es übrigens noch schlechter. Sie wollte sogar vorgewarnt werden, wenn der Artikel online geht.


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London: Angreifer tötet Menschen vor dem britischen Parlament
Die Polizei hat den Angreifer erschossen
Was ist passiert?
  • Bei einem Terroranschlag in der Innenstadt von London hat ein Attentäter drei Menschen getötet. Der Angreifer wurde von der Polizei erschossen.
  • Der Angreifer fuhr vor dem Parlament mit einem Auto mehrere Menschen um, krachte in einen Zaun und griff dann Polizisten mit einem Messer an. Dabei wurde er erschossen.
  • Die Polizei geht von einem islamistischen Hintergrund aus. Sie glaubt, dass der Täter "vom internationalen Terrorismus inspiriert wurde".
  • Im Zusammenhang mit dem Anschlag hat die Polizei sieben Menschen festgenommen - eine heiße Spur führt nach Birmingham.