Bild: Matthias Balk / dpa

Ist ein symbolisierter Penis, wie ihn wohl jeder mal auf ein verschmutzes Autofenster schmierte, unschuldiger Quatsch? Oder ist der Penis ausnahmlos und vorrangig ein brutales Werkzeug zur Durchsetzung patriarchalischer Machtansprüche über den Körper der Frau – und seine symbolische Darstellung damit ein degradierender Stempel? Dieses Diskussionsthema eines Fortgeschrittenenkurses in Gender Studies zieht sich gerade durch Social Media – wegen eines Smoothies.

Das Problem: Der Hersteller des Produkts hatte es auf genau diese Reaktion abgesehen. Wir sollten sie ihm nicht gönnen.

Der Pubertierendenwitz eines aus Sonnencreme geformten Penis auf dem Rücken einer sich sonnenden Frau war für knapp zwei Wochen im Netz zu sehen. Als Werbung für einen Smoothie, der, warum auch immer, die Optik einer Sonnencremeflasche hatte. Ob die Kalorienbombe nun nach Lotion oder Sperma schmeckt, wollte man bei dem Anblick ungern herausfinden. 

Neben ein paar Schmunzlern und Fragen, ob die Werbeabteilung zu wenig Sauerstoff ins Großhirn bekommt, folgte noch eine andere Reaktion: ein Shitstorm. Das ist bedauerlich, denn genau darauf hat die Firma spekuliert. Weil ihre Kampagnen seit Jahren so funktionieren.

Sie sollen bewirken, dass wir über sie reden, schimpfen und schreiben. Und das hat geklappt.

In den sozialen Kanälen bildeten sich die üblichen Fronten aus Diskriminierungswitternden und Peniswitzverteidigern. Die Firma spielte sich ob des Gegenwinds als Wahrerin der Meinungsfreiheit auf (FAZ). Influencerinnen und Influencer teilten Boykottaufrufe. Manche Menschen forderten, Druck auf die Handelspartner des Unternehmens auszuüben, damit große Ketten das Produkt wegen des schlechten Images meiden und aus dem Sortiment nehmen. 

Am Ende sorgten die vielen Beschwerden dafür, dass zuerst der Österreichische Werberat den Sonnencreme-Penis verbot und zwei Tage später der Deutsche Werberat der Beanstandung folgte. 

Der Österreichische Werberat spricht im Falle der beanstandeten Werbemaßnahme [...] die Aufforderung zum sofortigen Stopp der Kampagne [...] aus.

Besonders kritisierte die Mehrheit des Österreichischen Werberats, dass die Protagonistin, also die Frau mit dem Penis auf der Schulter, diskriminierend und abwertend dargestellt würde. Zudem stehe "die sexualisierte Zeichnung eines ejakulierenden Glieds auf dem Rücken einer Frau in Kombination mit dem verwendeten Wording 'Cumback' in keinem thematischen Zusammenhang mit dem beworbenen Produkt." Die Werbung könne daher als Verstoß gegen die guten Sitten und verantwortungslos gegenüber der Jugend verstanden werden. 

Nun kann man darüber streiten (was auch getan wurde), ob ein dummer und abstrakter Penis gleich die Jugend verdirbt, diskriminierend ist oder die Macht des Patriarchats symbolisiert. Ich würde sagen: Nein, Penisse sind einfach nur lächerlich und bekloppt.

Viele Opfer sexueller Gewalt sehen das aus gutem Grund anders. 

Der wirkliche Skandal waren daher auch die Kommentare unter den Posts, mit denen der Saftladen auf entsprechende Kritik reagierte. Denn da wurde inmitten des Gepöbels eine Kritikerin nonchalant gefragt, ob sie sexuell missbraucht wurde. 

Es ist nicht das erste Mal und wird nicht das letzte Mal sein, dass diese Firma mit Verstößen gegen den guten Geschmack ihr überteuertes Obstmus verkaufen will. 

Weil es funktioniert. Weil die leicht empörbare linke Bubble brav über jedes Stöckchen springt, wenn die Firma frech irgendwas in die Kommentare rotzt und dafür Beifall von zweifelhaften Gestalten bekommt. Alles verbunden mit kostenloser Reichweite, kommentierenden Artikeln und aufgeheizten Diskussionen, in denen jedes Mal der Markenname genannt wird.

Die Frage ist, wer diese Säfte tatsächlich kauft, deren Hersteller seinen Kritikern gern ein "Fuck You" entgegenschmettert (Utopia). Denn am Ende ist der Verkauf dieser Getränke der einzige Grund, warum solcher Unsinn auf Werbeplakaten und Insta-Posts verbreitet wird. 

Ist es der Drink für die neue Rechte? Für Pick-Up-Artists und Zukunftsverweigerer? Leute, denen alles egal ist? 

Oder doch die linksintellektuellen Großstädter, die sich im Netz über die Kampagne beschweren – beim Angebotspreis im Supermarkt aber auch nicht "nein" sagen wollen? 

Das erneute Verbot einer bewusst provozierenden Werbung wird der Smoothie-Macher sicher für sich ausschlachten können. So lange, bis es den Leuten zu blöd wird, die dafür bezahlen, darüber schreiben und darüber streiten sollen. 

Aufhören wird diese langweilige Provokationsstrategie erst, wenn sie nicht mehr funktioniert. 

Wenn man sich nicht nur empört und dabei trotzdem den Namen und das Logo der Firma kostenlos verbreitet – sondern wenn man die überzuckerten Säfte trotz Angebotspreis im Kühlregal stehen lässt. Oder wie Charlotte Roche auf Instagram schreibt: "Man kann auch einfach ein paar Trauben und einen Haps Apfel und zwei Blaubeeren solange im Mund kauen und hin und herquetschen bis man einen ganz frischen personalisierten Smoothie hat."

Weniger kaufen, mehr kauen.


Future

Ausbeutung statt Ausbildung: Warum Psychotherapeuten besser bezahlt werden wollen

Wenn Sören Schröder seine Ausbildung zum Psychotherapeuten abschließt, wird er hoch verschuldet sein. Das Psychologiestudium an einer privaten Universität hat den Berliner bereits 60.000 Euro gekostet, doch in den kommenden fünf Jahren wird es für den 35-Jährigen noch einmal richtig teuer.

In den Kliniken, in denen er und seine Absolventenkollegen und Kolleginnen nach dem Studium ihre praktische Ausbildung absolvieren müssen, bekommen sie häufig nur eine Aufwandsentschädigung. Einen gesetzlichen Anspruch auf eine Vergütung haben sie nicht. Die Zahlungen variieren deshalb je nach Klinik zwischen 0 bis 1500 Euro im Monat. "Bei manchen Stellen wird nur das Monatsticket finanziert", sagt Schröder, der sich gerade um eine solche Position bewirbt und verärgert ist.

Das Problem: Die Psychotherapeuten in Ausbildung, kurz PiA, bekommen ihre Approbation aktuell erst nach Abschluss der Ausbildung erteilt.

So sieht es das seit 1998 geltende Psychotherapeutengesetz vor. "Deshalb haben wir anders als unsere Medizinerkollegen den Status von Praktikanten. Bei gleichen Voraussetzungen beziehen sie direkt nach dem Studium und ihren Examen Assistenzarzt-Gehälter. Dabei tragen auch wir im Dienst die volle Verantwortung für die Patienten", meint Schröder, der sich für die Rechte seiner Kollegen in der Initiative PiA-Forum Berlin engagiert. 

Psychologische Psychotherapeuten dürfen sich aktuell nur diejenigen nennen, die nach einem fünfjährigen Psychologiestudium eine mindestens dreijährige Weiterbildung in der Versorgung absolviert und diese mit einer sogenannten Approbationsprüfung abgeschlossen haben. Mindestens eineinhalb Jahre davon hospitieren sie in psychiatrischen oder psychosomatischen Krankenhäusern oder Reha-Kliniken, 1800 Stunden kommen so zusammen sowie 600 Stunden Theorie am jeweiligen Ausbildungsinstitut. "Eine Sieben-Tage-Woche", fasst Schröder zusammen.

Neben der Belastung durch die geringe Bezahlung gibt es eine weitere Hürde: Die Weiterbildung kostet in der Regel mehr als 20.000 Euro und muss privat finanziert werden. Viele Absolventen können sich das nur durch mehrere Nebenjobs und Kredite leisten und müssen länger als die Regelstudienzeit einkalkulieren, weil sie sonst nicht alles unter einen Hut bekämen, so Schröder. Da der Berliner Psychoanalytiker werden will, wird die Ausbildung bei ihm noch länger dauern und deutlich kostspieliger werden.

Schröder geht davon aus, dass er nach etwa zehn Jahren Ausbildung mit circa 120.000 Euro Schulden in seinen Beruf startet.

Dafür hat er bereits ein weiteres Darlehen bei der Bank aufgenommen, nebenbei verdient er mit Engagements als Singer-Songwriter ein wenig Geld. Zwar hätte er sich durch ein Studium an einer staatlichen Universität Geld sparen können, doch Schröder ärgert besonders die finanzielle Schieflage während der praktischen Weiterbildung. "Einige Kommilitonen machen aufgrund dieser immensen Kosten nach dem Studium nicht weiter, weil sie sich nicht derart verschulden wollen. Eigentlich kann man sich das nur leisten, wenn man aus besseren Verhältnissen kommt", kritisiert er. Doch seine Faszination für den Beruf sei so groß, dass der einstige Bodenleger und Dachdecker die Verschuldung in Kauf nehmen will, um Menschen bei dem Verständnis und der Lösung ihrer Probleme zu helfen.

Die Bundestagsabgeordnete Maria Klein-Schmeink von den Grünen hat 2017 eine Online-Umfrage unter mehr als 3500 Psychotherapeuten in Ausbildung durchgeführt, bei der sie Angaben zu ihren Arbeitsbedingungen machen konnten. Das Ergebnis ist bezeichnend: 14 Prozent der Teilnehmenden bekamen keinerlei Vergütung und mehr als die Hälfte erhielt 500 Euro oder weniger im Monat. Durchschnittlich lag die Vergütung bei 639 Euro. Mehr als zwei Drittel waren auf Unterstützung durch Familie oder Partner angewiesen