Bild: Kat Yukawa / Unsplash
Der Kellner bekommt welches, die Handwerkerin nicht. Woran liegt das?

Mit dem Geldbeutel in der Hand läuft eine Frau zum Tresen eines Hamburger Restaurants. 7,90 Euro sind für eine hausgemachte Limonade und einen Kaffee fällig. Die Frau kramt einen roten Schein raus. "Mach 8,50 draus", sagt sie zur Bedienung. Andere Szene: Ein Handwerker ist gerade damit fertig geworden, die Dusche zu reparieren, verabschiedet sich an der Tür. Nicht mal für einen kurzen Moment kommt einem der Gedanke, ihm etwas Trinkgeld zuzustecken.

Während es selbstverständlich ist, der Kellnerin oder dem Kellner ein paar Münzen extra auf die Rechnung zu legen, drücken wir Möbellieferanten, Handwerkerinnen oder dem Kassierer selten Trinkgeld in die Hand – dabei verdienen sie meist auch nicht mehr als den Mindestlohn. 

Woran liegt es, dass wir Kellnern Trinkgeld zustecken – und anderen nicht oder selten? 

Die Wurzeln dafür liegen im 19. Jahrhundert. Damals boomte die Industrie – und durch die steigenden Freizeitbedürfnisse entstanden neue Berufe. Wer auf Reisen ging, dem wurde der Koffer getragen, in Restaurants brachten Kellner das Essen zum Tisch und Zimmermädchen sorgten dafür, dass Gäste saubere Hotelzimmer vorfanden. 

All diese Tätigkeiten wurden zuvor vom Dienstpersonal meist in Privathaushalten ausgeführt. Nun arbeiteten sie als Freiberufler in der Dienstleistung. Ohne festes Gehalt ihrer Arbeitgeber, stattdessen für ein paar Groschen, die ihnen zugesteckt wurden. (Deutschlandfunk)

In der Gewerbeordnung ist inzwischen festgelegt, dass Kellnerinnen nicht mehr nur durch Trinkgeld entlohnt werden dürfen: Sie müssen vom Arbeitgeber ein Gehalt erhalten. Seit 2015 ist ein Mindestlohn vorgeschrieben, seit Beginn dieses Jahres muss ihr Gehalt bei mindestens 9,19 Euro liegen (Bundesministerium für Arbeit und Soziales). Wer früher als Bedienung also fünf Euro die Stunde bekam, erhält inzwischen fast das doppelte an Gehalt. Bei einer 40-Stunden-Woche sind das knapp 1.600 Euro brutto im Monat (Mindestlohnrechner des BMAS).

Das Trinkgeld hilft dabei, dieses Gehalt auzubessern. Und das ist meist notwendig. 

Kjara Heese, 20, verdient als Kellnerin etwas mehr als den geltenden Mindestlohn. Trotzdem: Vom Lohn allein könnte sie gerade mal die Miete für ein WG-Zimmer decken. "Ich würde auch überlegen, ob ich den Job wechsele, wenn ich kein Trinkgeld bekommen würde", sagt sie. 

Zusätzlich zum Lohn von etwa 9,50 Euro pro Stunde erhält sie in jeder Schicht etwa zehn bis 25 Euro Trinkgeld. 

Kjara arbeitet seit sie 17 ist nebenberuflich in der Gastronomie. 

(Bild: Eileen Breuer)

Kellner gehören mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 23.239 Euro zu den Berufen mit dem geringsten Einkommen in Deutschland (Gehaltsatlas 2018). Nur Friseure, Mitarbeiter in Restaurant- oder Hotelküchen sowie Angestellte im Zimmerservice verdienen im Schnitt weniger. 

Das Trinkgeld hält viele Kellnerinnen über Wasser, bei denen mit einem so geringen Einkommen sonst nach Abzug der Miete und Lebenshaltungskosten kein Geld mehr übrig bleiben würde.

Doch auch andere Berufsgruppen bewegen sich direkt am Mindestlohn – und haben nicht die Möglichkeit, ihre finanzielle Lage durch Trinkgeld zu verbessern. Warum ist das so?

Christian Stegbauer ist Soziologe an der Universität Frankfurt und hat mit Studierenden zum Thema Trinkgeld geforscht.

Er sagt: Vorrangig gebe man Trinkgeld, um Leistung zu honorieren. "Trinkgeld ist eine Art Kommunikationsmedium", so Christian. Wenn die Leistung schlecht ist, könne man als Gast die Unzufriedenheit durch wenig Trinkgeld deutlich machen und vermeide damit gleichzeitig einen Konflikt, indem man die Ursache für die Missstimmung nicht direkt anspricht.

„Durch das Trinkgeld kann man etwas vermitteln, was man sich nicht traut, direkt zu sagen.“
Christian Stegbauer, Soziologe

Doch wenn es um Leistung geht, trifft dieses Argument auch auf den Menschen an der Supermarktkasse und den Verkäufer im Brillengeschäft zu. Trotzdem gibt es für ihre Dienstleistung keinen Obulus.

Kellnerin Kjara ist der Meinung, der Unterschied entstehe durch die Art des Service, den man durch eine Bedienung im Restaurant oder Café erfährt. Man gebe das Trinkgeld dort nicht nur für die Leistung, das Essen auf den Tisch gestellt zu bekommen, sondern auch für die Art des Umgangs. "Selbst wenn man mal einen schlechten Tag hat, sollte man das den Kunden nicht zeigen", sagt Kjara. "Man muss den Gästen trotzdem immer freundlich begegnen. Vielleicht ist das der Hauptgrund, weshalb Kellner Trinkgeld bekommen: diese Freundlichkeit auf Abruf."

(Bild: Eileen Breuer)

Ein Kassierer im Modegeschäft könne hingegen auch dann einen guten Job machen, wenn er die T-Shirts einfach über den Scanner ziehe, findet Kjara: "Zu H&M geht niemand mit der Erwartung, dass man an der Kasse ein Lächeln geschenkt bekommt und dadurch hinterher glücklich ist."

Ist netter Umgang die simple Erklärung? Nein, fand das Forschungsprojekt um Christian Stegbauer heraus.

Leistung und Sympathie entscheiden nicht allein über die Gabe von Trinkgeld. Wären das die einzigen Gründe, müsste man ein schlechtes Gewissen haben, wenn man einem Modeverkäufer nach einer zufriedenstellenden Beratung keinen Euro zusteckt. 

"Dass wir Trinkgeld geben, hat in der Berufsgruppe der Kellner eine gewisse Tradition. Es ist etwas, was kulturell ausgehandelt wurde", sagt Christian. Man hält sich an die Konvention, weil man ansonsten beispielsweise von den Freunden, mit denen man Essen ist, als geizig angesehen werden könnte.

„Es geht also nicht nur um die Beziehung zu der Person, die die Dienstleistung erbringt, sondern auch zu der Person, mit der man sich an diesem Ort befindet.“
Christian Stegbauer, Wissenschaftler

Indem man beispielsweise immer 10 Prozent des Betrags als Trinkgeld auf den Tisch legt, vermeidet man einen Konflikt in einer Gruppe. 

In anderen Fällen befindet man sich dagegen in einer Zwickmühle, ob man Trinkgeld geben sollte oder nicht. Beispiel: Pizzalieferdienst.

Manche Menschen geben der Botin oder dem Boten wie selbstverständlich ein paar Euro, andere tun dies nicht. 

Das liege daran, dass sich hier noch kein gesellschaftlicher Konsens etabliert habe, sagt Christian: "Sozialität funktioniert so: Wir haben bestimmte Konventionen und kommen in eine neue Situation, die anders ist als wir es gewohnt sind. Es ist dann wahrscheinlich, dass wir die neue Situation mit der gewohnten vergleichen." 

Den Pizzalieferanten vergleichen beispielsweise manche unterbewusst mit einem Paketboten, dem man nur in seltenen Fällen Geld zusteckt – andere sehen die Pizzaausträger als eine Art Kellner und halten Trinkgeld bereit, sagt Christian.

Bis sich eine feste gesellschaftliche Konvention entwickelt hat, braucht es Zeit. Bis dahin liegt die Entscheidung, für welche Dienstleistungen wir uns mit Trinkgeld extra bedanken, bei uns persönlich.


Future

Unbeliebte Ausbildungsberufe: Warum mögen diese jungen Menschen sie trotzdem?

Ein Bürofenster im neunten Stock, das dreckig bleibt? Eine leere Theke beim Bäcker? Oder Hotels ohne besetzte Rezeption? Ganz unwahrscheinlich sind diese Bilder nicht.

2018 haben deutschlandweit knapp 80.000 Bewerberinnen und Bewerber keine Ausbildungsstelle gefunden. Gleichzeitig blieben knapp 58.000 Posten unbesetzt. Azubis und Betriebe finden einfach nicht zusammen. Das zeigt die Studie "Ländermonitor berufliche Bildung 2019" des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen und der Professur für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung der Universität Göttingen aus der vergangenen Woche. Für das Forschungsprojekt wurde die Ausbildungssituation in verschiedenen Branchen untersucht. (SPIEGEL)

Welche sind die unbeliebtesten Ausbildungsberufe?

Nicht jeder Branche mangelt es gleichermaßen an Auszubildenden. Während etwa im Bereich Informatik die Nachfrage im Vergleich zu den angebotenen Stellen sehr hoch ist, fehlen Beschäftige in Reinigungsberufen, im Ernährungshandwerk oder in Hotel- und Gaststättenberufen.

Wir haben mit drei Auszubildenden gesprochen, die in den betroffenen Bereichen arbeiten – und sie gefragt, warum ihre Jobs so unbeliebt sind, wie sie wieder attraktiv gemacht werden könnten und weshalb sich die jungen Menschen trotzdem für die Ausbildungen entschieden haben.

Das sagt Koch Nik, 22, der seit sechs Jahren in der Gastronomie-Branche arbeitet und in einem Sternerestaurant kocht: