Vor einiger Zeit erzählte mir ein Freund, dass sein Bruder und dessen Frau ein Kind erwarten. Das Geschlecht des Kindes sei aber noch unbekannt – deswegen wüssten die Eltern nicht, in welcher Farbe sie Dinge für das Baby anschaffen sollen. 

Ich antwortete, zugegeben etwas genervt, dass dieses Mädchen-rosa und Jungen-blau-Ding doch Quatsch sei.

Daraufhin sagte er, leicht grinsend: 

„Bist du jetzt getriggert, oder was?“

Das hat mich dann wirklich aufgeregt, oder wie der Freund sagen würde, "getriggert". Weil er sich damit nicht auf eine Debatte eingelassen, sondern sich über meinen Einwand lustig gemacht hat. 

In sozialen Medien liest man immer häufiger von "Triggern"

Häufig wird der Begriff verwendet, um sich über Menschen lustig zu machen, die Sexismus, Rassismus oder andere Diskriminierungen anprangern und dabei angeblich überempfindlich reagieren. Das englische "triggered" ist zum Meme geworden, Videos mit Titeln wie "Top 10 people getting TRIGGERED!" haben Millionen von Klicks. 

Aber auch "Das triggert mich", im Sinne von: "Das regt mich auf", ist in den Sprachgebrauch übergegangen.  

Doch wo kommt der Begriff "Trigger" überhaupt her? 

"Trigger" ist englisch und bedeutet Auslöser. Bezogen auf menschliche Gefühle benutzt man ihn eigentlich in der Psychologie, und zwar für Dinge, die Erinnerungen an traumatische Erlebnisse auslösen können. Seinen Weg ins Internet fand der Begriff dann zunächst über Trigger-Warnungen, mit denen potenziell traumatisierende Inhalte versehen werden. 

Wie ist es für Betroffene, dass der Begriff in den Internethumor übernommen wurde? Wie wirken Trigger genau? Und wie sinnvoll sind eigentlich Trigger-Warnungen? 

Darüber habe ich mit Thomas Weber gesprochen. Er ist Psychologe und Geschäftsführer des Zentrums für Trauma- und Konfliktmanagment in Köln.

Herr Weber, was sind Trigger im psychologischen Sinne? 

Trigger sind sogenannte Hinweisreize. Sie können bewirken, dass Menschen mit nicht verarbeiteten Traumata mit den Gefühlen überflutet werden, die damals in der traumatischen Situation abgespeichert worden sind. Zum Beispiel, wenn ein Überfallopfer über die Straße geht und eine Person sieht, die dem Täter ähnlich sieht. 

Was passiert da genau?  

Ein nicht verarbeitetes Trauma wird im Gehirn anders abgespeichert als ein nicht traumatisch erlebtes Ereignis. Deshalb hat das Gehirn meist keinen Zugriff auf die Gefühle, die die Person in der Situation erlebt hat. Durch einen solchen Trigger wird diese Sperre plötzlich aufgebrochen. Die betroffene Person kann heftige Flashbacks erleiden, anfangen zu schwitzen und zu zittern. 

„Das kann sich für die traumatisierte Person so anfühlen, als würde das Ereignis gerade wieder passieren.“

Was kann alles als Trigger wirken?

Als Trigger können Bilder, das geschriebene Wort, Gerüche, Geräusche wirken – alles, was die Kernelemente traumatischer Erfahrungen berühren kann.

Kann man sagen, dass bestimmte Trigger generell stärker wirken als andere, beispielweise Erlebtes stärker als Gelesenes? 

Leider nicht. Mit welchen Bild oder mit welchen Satz jemand getriggert wird, kann im Vorfeld nicht bestimmt werden.

Wie gehen Sie in der Behandlung traumatisierter Menschen damit um?

Ein kompletter Schutz vor möglichen Triggern ist praktisch nicht möglich. In der Therapie wird darauf hingearbeitet, das Ereignis so ins Gehirn zu integrieren, dass die Erinnerung an das Ereignis selbst zwar nicht schön ist, aber nicht mehr diese heftigen Gefühlszustände nach sich zieht.

Immer häufiger liest man online davon, dass jemand "getriggert" wurde, das englische "triggered" ist zum Meme geworden. Wie nehmen Sie das wahr? 

Der Begriff wird zurzeit inflationär verwendet und vor allen Dingen nicht mehr in dem Sinne, wie Opfer vor Triggern geschützt werden können. 

„Dadurch verharmlost man die Folgen, unter denen Traumatisierte leiden.“

Die Verächtlichmachung von einzelnen Begrifflichkeiten dient nicht der Verarbeitung von traumatischen Ereignissen, sondern führt eher zu einer Reaktivierung der traumatischen Erfahrung. Bei den Triggern ist die Entwicklung da ähnlich wie beim Begriff "Opfer", der schon länger auch als Schimpfwort oder als Abwertung benutzt wird, gerade in den sozialen Medien.

Was halten Sie von ernst gemeinten Trigger-Warnungen vor Texten, Bildern oder Posts? 

Wenn solche Hinweise ernsthaft verwendet werden, können sie Betroffene durchaus schützen. Weil ich als Betroffener nicht unvermittelt mit einer Information konfrontiert werde, sondern mir selbst aussuchen kann, ob ich mir das antun will oder nicht. Da Traumatisierte schon häufig erleben mussten, wie solche Trigger bei ihnen wirken, sind sie für solche Warnungen durchaus dankbar. Der inflationäre Gebrauch von Trigger-Warnungen ist aber kontraproduktiv, weil der Begriff dann irgendwann nicht mehr ernst genommen wird. Eine Warnung sollte konkret vor wirklich gravierenden Darstellungen schützen.

Wo ist da die Grenze zu ziehen?

Meistens sagt ja schon die Überschrift sehr viel darüber, worum es geht. Das heißt oftmals ist überhaupt keine Trigger-Warnung notwendig. Wenn allerdings Unerwartetes im Text geschieht, auf das man in der Überschrift nicht vorbereitet wird, kann eine solche Warnung durchaus sinnvoll sein. 

bento per WhatsApp oder Telegram

Es gibt auch kritische Stimmen von Psychologen, die sagen, dass Trigger-Warnungen als selbsterfüllende Prophezeiung wirken können, weil Betroffene dann schon mit Angst an einen Text herangehen und dann eher getriggert werden könnten.  

Das sehe ich nicht ganz so. Es ist richtig, dass es dieses Prinzip gibt. Ich denke aber, dass ein schwer traumatisierter Mensch Schutz braucht und es durchaus positive Effekte hat, wenn er in dem Moment weiß, dass hier eventuell ein Trigger droht. Wichtig ist aber auch, dass diese Warnungen dezent formuliert und dargestellt werden. Das ist zwar ein ganz anderer Bereich, aber wir kennen ja auch die Spoilerwarnungen, da funktioniert das ganz hervorragend. Ich würde mir wünschen, dass keine überzogenene Debatte geführt wird über etwas, das Betroffene schützen soll.  

Was wünschen Sie sich für den Umgang mit traumatisierten Menschen? 

In erster Linie sollen traumatisierte Menschen ernst genommen werden, vor allen Dingen in den sozialen Medien. Sie haben ein ernstes Problem und werden teilweise durch den Kakao gezogen. 

„Eine Verächtlichmachung von Erlebtem kann diese Menschen wieder traumatisieren.“



Musik

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Punkrock oder Ballermann?

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Nach einer so langen Ärzte-Pause: Wie textsicher bist du eigentlich noch?

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Beide Bands singen über Sex und Partys – die eine mehr als die andere. Die eine Band meint ihre schlimmsten Texte natürlich ironisch – die andere hoffentlich auch.

Wer hat denn nun was gesungen? Und meinen die das ernst?

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