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"Mama lästert, Lukas lacht, Papa schreit, ich heule", fasste ich Weihnachten mit elf Jahren in meinem Tagebuch zusammen. Ich wünschte mir, meine Eltern würden sich trennen. Doch sie blieben zusammen, fast 30 Jahre lang, obwohl die Beziehung schon lange kaputt war.

Über diesen Text

Die Autorin des Textes führte das Gespräch mit "Lisa" und protokollierte anhand ihrer Erzählungen in Ich-Perspektive. "Lisa" ist ein Pseudonym. Sie möchte anonym bleiben. Ihr richtiger Namen ist der Redaktion aber bekannt.

Die Trennung der Eltern kann schlimm sein für Kinder – ich aber litt darunter, dass sich meine Eltern nicht scheiden ließen.

So lange ich mich zurück erinnern kann, habe ich eine Spannung zwischen meinen Eltern gespürt. Es gab keinen lautstarken Streit, kein Tränen und keine Gewalt. Dafür kleine Sticheleien am Familientisch, vor allem gegen meinen Vater. Wenn sich meine Eltern einen Kuss gaben, fühlte sich das seltsam an.

Die Dynamik bei uns zu Hause war klar:

Wir Kinder und meine Mutter auf der einen Seite – mein Vater auf der anderen.

Das kam auch daher, dass meine Mutter viel mehr Zeit mit uns verbrachte. Bis ich zwölf Jahre alt war, ging mein Vater arbeiten und meine Mutter blieb zuhause. Mein Vater war streng, meine Mutter nahm uns in Schutz.

Ich entwickelte den Drang, die Familie zusammenzuhalten. Ich wollte alle glücklich machen – um die Spannungen zwischen meinen Eltern auszugleichen.

Es war Muttertag und ich fünf oder sechs Jahre alt. Ich erinnere mich, wie ich Mitleid mit meinem Vater hatte. Schließlich ging es einen ganzen Tag lang nur um Mama. Deshalb beschloss ich: Am nächsten Tag muss Vatertag gefeiert werden. Ich wollte ihm, genau wie wir es bei Mama gemacht hatten, Frühstück ans Bett bringen.

„Diesen Balanceakt, es allen Recht machen zu wollen, tanzte ich, bis ich elf war.“

Dann ging mein Vater in Rente – und die Stimmung kippte.

Ich geriet zwischen die Fronten. Meine Mutter verbündete sich mit meinem älteren Bruder. Mein Vater war immer sehr streng zu ihm, darum hatten die beiden ein schwieriges Verhältnis.

Gemeinsam sprachen sie schlecht über meinen Vater – nicht in seiner Gegenwart, sondern hinter seinem Rücken. Oft war ich dabei und hörte, wie sie sich über ihn aufregten: Er sei peinlich, könne sich vor anderen Leuten nicht anständig verhalten und rege sich zu Hause über Kleinigkeiten auf. Wenn wir die Türen offen ließen und heizten, zum Beispiel.

Einmal wollte mein Vater unseren Dackel zum Einkaufen mitnehmen und ihn währenddessen im Auto lassen. Meine Mama war dagegen. Ich wollte den Streit lösen, ging zu ihm und wollte den Hund von seinem Arm nehmen. Aber er hielt den Dackel fest. Ich sagte: "Papa, du bist ein Idiot." Er war sehr gekränkt und plötzlich war das ein Streit zwischen mir und ihm. Alles andere war vergessen.

Irgendwann sprach ich nicht mehr mit meinem Vater.

Warum? Das kann ich gar nicht sagen. Als ich nicht einmal mehr 'Guten Morgen' sagte, strich mein Vater mir das Taschengeld. Von da an stand ich endgültig auf der Seite meiner Mutter. Dann bekam ich jetzt eben von ihr Taschengeld.

Als ich zwölf war wünschte ich mir, dass etwas passiert.  Aber in der Welt meiner Mama existierten Scheidungen einfach nicht. Ihre Eltern, meine Großeltern, führen eine sehr glückliche Ehe. Meine Mutter erlebte in ihrer Kindheit und Jugend ein wundervolles Familienleben und wollte immer genau das Gleiche.

Mit 13 wurde ich beim Klauen erwischt.

Es war schrecklich für mich und furchtbar peinlich. Ich gab meinem Vater die Schuld, er hatte mir schließlich das Taschengeld gestrichen. Und die ganze Familie dachte: Die arme, unschuldige Lisa muss klauen, weil sie kein Taschengeld bekommt. Erst Jahre später habe ich sie aufgeklärt: Ich war einfach ein delinquenter Teenager.

Mit 14 hörte ich auch auf, mit meiner Mama zu sprechen.

Sie hatte sich immer sehr um eine enge Beziehung zu mir bemüht – aber ich konnte das nicht erwidern. Ich konnte sie nicht einmal mehr anschauen und verstand lange nicht, warum.

„Wir wohnten in einem Haus – und doch lebte jeder für sich allein.“
Lisa

Ich glaube, das merkte auch unser Umfeld. Die Eltern meiner Klassenkameradinnen und Klassenkameraden freundeten sich miteinander an. Meine Eltern mochten es nicht, gemeinsam mit anderen zu essen. Meiner Mutter war es unangenehm, wie mein Vater sich vor anderen verhielt. Seine Witze waren ihr peinlich. Wir fuhren seit der fünften Klasse nicht mehr gemeinsam in den Urlaub. Es war vermutlich zu anstrengend für die Beiden, ein glückliches Ehepaar zu spielen.

Ich war immer müde und hörte auf, in die Schule zu gehen. Mir fehlten lange die Worte für das, was ich fühlte. Heute, nach einer Therapie, weiß ich: Ich hatte Depressionen. 

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Als ich 17 Jahre alt war, ging mein Vater fremd.

Er hatte eine Affäre mit einer anderen Frau und mein Bruder fand das heraus. Meine Mutter entschied sich endlich, zu gehen. Und ich war so wütend. Ausgerechnet jetzt? Wo ich fast volljährig bin und ausziehen könnte?

Ich blieb bei ihr. Wir sprachen kaum ein paar Sätze miteinander, aber ich wollte sie nicht alleine lassen. In den Sommerferien zogen wir in eine neue Wohnung. Die Trennung war wirklich schrecklich für meine Mutter. Sie fühlte sich fremd in der neuen Wohnung. Mit meinem Vater hatte ich kaum Kontakt.

Ich verstand endlich, warum sie so lange gewartet hatte.

Für meine Mutter gibt es im Leben nur eine Chance auf eine glückliche Ehe. Mit meinem Vater hatte sie diese Chance verpasst. Ich glaube nicht, dass sie sich jemals neu verlieben wird.

Anfang 20 zog ich aus. Mit der Distanz besserte sich das Verhältnis zu meiner Mutter. Ich nahm sogar zu meinem Vater wieder Kontakt auf. Er hatte sich sehr darum bemüht, dafür bin ich heute dankbar. Mein Vater kam in die Stadt, in der ich studierte und wir gingen gemeinsam Essen.

„Er dachte, ich sei sauer, wegen seiner Affäre. Ich sagte ihm, dass ich ihn verstand.“

Es war sogar gut für mich, dass das passiert ist. Mein Vater hatte sich schnell von der Scheidung erholt und sein eigenes Leben aufgebaut: in einem kleinen Haus am Waldrand. Er war mit der Frau zusammen, die damals seine Affäre war und ging jeden Tag raus ins Revier, um zu Jagen. Im vergangenen Herbst starb er und ich bin froh zu wissen, dass er in seinen letzten Jahren glücklich war.

Ich hatte riesige Schuldgefühle, weil ich ihn als Kind habe fallen lassen.

Als er im Koma lag, habe ich ihm gesagt, wie leid mir alles tut. Mit meiner Mutter telefoniere ich oft.

Ich weiß, dass meine Eltern nur das Beste für uns wollten. Aber ich bin traurig, dass sie sich gegenseitig so unglücklich gemacht haben und wütend, dass sie die Familie unbedingt zusammenhalten wollten.

Weihnachten ist noch immer anstrengend und wirft mich manchmal in alte Zeiten zurück. Trotzdem feiern wir heute zusammen: meine Mutter, mein Bruder und ich.

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Fühlen

Wann ist es sinnvoll nach der Trennung der Eltern eine Therapie zu machen? Ein Experte gibt Antworten.

Millennials sind die erste Generation, die in großen Zahlen von den Scheidungen der Eltern betroffen ist: Erst in den 80er Jahren stieg die Scheidungsrate auf fast 30 Prozent, in den 2000ern dann auf fast 50 Prozent (Statista). Was macht das mit unserer Generation? Und wie beeinflusst einen die Trennungen der Eltern auch noch Jahre später? 

Dr. Claus Koch ist Autor, Psychologe und Leiter des Pädagogischen Instituts Berlin. 

Wir haben ihn gefragt, ob es Spätfolgen haben kann, wenn die Eltern sich trennen, was mit Kindern in dem Moment passiert – und wann es sinnvoll ist, eine Therapie zu machen.