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Eine Psychologin erklärt uns unsere Träume.

In unseren Träumen verpassen wir Flüge, begegnen alten Bekannten oder werden verfolgt. Wir fühlen uns gestresst, erleben unglaubliche Abenteuer oder haben Angst, uns zu blamieren. Das, wovon wir träumen, kann uns dabei helfen zu verstehen, was uns eigentlich beschäftigt. Lohnt es sich dann nicht, sich mehr mit den eigenen Träumen auseinanderzusetzen?

Daran, dass Träume nichts als Schäume sind, glaubt Brigitte Holzinger nicht. Die Psychologin und Psychotherapeutin leitet das Institut für Bewusstseins- und Traumforschung in Wien. Dass sich gerade junge Menschen heute wieder mehr mit ihren Träumen beschäftigen als die Generationen vor ihnen, hält sie für eine positive Entwicklung.

Brigitte Holzinger hat Psychologie in Wien und Stanford studiert. 

(Bild: Cochic Photography)

bento: Was sind Träume und warum träumen wir überhaupt?

Brigitte Holzinger: Wenn das so einfach zu beantworten wäre! Ich würde sagen: Träume sind eine sinnliche Verarbeitung des tagsüber Erlebten, die viele Emotionen miteinbindet. Man könnte Träume auch als "Nachtfantasien" verstehen. Fantasie ist natürlich sehr schwer fassbar. Aber sie sagt viel über die Person aus, die sie hat. Insofern sagen auch Träume viel über den Menschen aus, der sie träumt. 

„Wir können lernen, durch sie unsere Ängste zu bewältigen, und sie helfen uns, uns auf den nächsten Tag vorzubereiten.“
Brigitte Holzinger

bento: Wenn Träume so wichtig sind und wir Schlüsse aus ihnen ziehen können, die hilfreich für uns sind, warum vergessen wir sie dann so oft? 

Holzinger: Wenn wir im Wachzustand sind, filtern wir ständig unsere Wahrnehmung bewusst und unterbewusst danach, was wichtig ist. Würden wir uns an alles erinnern, wovon wir nachts träumen, wäre unser Gehirn mit Eindrücken vermutlich völlig überflutet. Aber man kann trainieren, sich besser zu erinnern.

bento: Und wie macht man das?

Holzinger: Indem man seinen Träumen Aufmerksamkeit schenkt und über einen längeren Zeitraum aktiv versucht, sich direkt nach dem Aufwachen an sie zu erinnern. Besonders gut ist es, die Träume gleich aufzuschreiben.

(Bild: Claudia Manas/Unsplash)

Welche Schlafphasen gibt es eigentlich?

Unseren Schlaf kann man in verschiedene Phasen unterteilen. Beim Einschlafen fallen wir von der Leicht- in die Tiefschlafphase. In dieser Phase kann unser Körper am besten entspannen und das Gehirn arbeitet wenig. Deshalb sind Träume, die wir im Tiefschlaf haben, eher kurz und abstrakt. In der REM-Schlafphase sind die Träume am intensivsten. Ihren Namen verdankt sie dem Phänomen, dass sich die Augen unter den Lidern während des REM-Schlafs schnell bewegen (Rapid Eye Movement). Wenn die REM-Phasen zum Morgen hin länger werden, träumen wir auch länger. (SPIEGEL)

bento: Träumen wir in jeder Schlafphase?

Holzinger: Derzeit nimmt die Traumforschung an, dass wir in vielen Schlafphasen träumen. Die Träume, die wir im REM-Schlaf haben, sind aber wahrscheinlich die, die wir ganz klassisch als Traum verstehen. Sie liefern uns einen direkten Zugang zu unseren Gefühlen und den Dingen, die uns auf einer seelischen Ebene beschäftigen, und werden meistens als besonders bildhaft wahrgenommen.

bento: Ich habe den Eindruck, dass die Beschäftigung mit Träumen im Moment wieder eine größere Rolle spielt. Man erzählt sich von verrückten Träumen und vor kurzem habe ich sogar ein Buch über Traumdeutung geschenkt bekommen. Beschäftigen sich vor allem junge Menschen wieder mehr mit dem Thema?

Holzinger: Ja, Gott sei Dank! Ich glaube, dass mit dem Größerwerden der Schlafforschung auch die Traumforschung gewachsen ist und damit auch das Interesse an unseren Träumen. Menschen trauen sich heute eher, über ihre Träume zu sprechen. Wir alle kennen den Spruch "Träume sind Schäume". Er suggeriert, dass sie unnötig wären und wertet damit unsere Fantasien ab. 

„Gerade die junge Generation hat gemerkt, dass das Sprechen über Träume bereichernd sein kann, dass es verbindet und dass es etwas Kreatives hat, sich darüber auszutauschen.“
Brigitte Holzinger

bento: Woran liegt das?

Holzinger: Vielleicht haben die Generationen vorher ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche und seelischen Vorgänge nicht ganz so ernst genommen. Junge Menschen heute haben andere Werte entwickelt. Inneren Vorgängen wird mehr Bedeutung beigemessen.

Woher kommt die Traumdeutung?

Sigmund Freud und Carl Gustav Jung haben Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich zu unserem heutigen Verständnis der modernen Traumdeutung beigetragen. Freud sah Träume als die Befriedigung unerfüllter Triebwünsche, die zur Selbsterkenntnis beitragen. Beide Männer beschrieben Träume als Ausdruck des Unterbewusstseins. Jung glaubte, neben einer objektiven und persönlichen Deutung der eigenen Träume, zudem an ein kollektives Unterbewusstsein der Menschheitsgeschichte, mit dessen Hilfe man den Bildern aus Träumen ebenfalls eine Bedeutung zuschreiben könne. (dtv, Süddeutsche)

bento: Wenn man von einem Pferd träumt, soll das ein gutes Zeichen sein. Was halten Sie von solchen Symbolen, die für alle Menschen gelten sollen? Haben wir nicht eher ähnliche Emotionen, die sich dann in ähnlichen Traumszenen, wie zum Beispiel dem Fliegen oder Fallen, widerspiegeln?

Holzinger: Ich würde Letzteres annehmen. Aber jede Beschäftigung mit dem Traum ist gut! Wenn man über eine Bedeutung nachdenkt, ist eine intellektuelle Ebene, die sich an Symbolen orientiert, hilfreich. Aber begreift man den Traum als sinnliche Verarbeitung unter Einbeziehung der Gefühle von früheren Erfahrungen, kommt man näher an das heran, was ein Traum eigentlich tut. 

bento: Und das wäre?

Holzinger: Er ist in sich schon die Verarbeitung unserer Empfindungen, Gefühle oder Wünsche. Und ich meine das ganz positiv, wenn ich sage, dass er das vermutlich auch auf einer körperlichen Ebene ist.

bento: Was bedeutet das an einem konkreten Beispiel?

Holzinger: Viele Menschen träumen davon, zu spät zum Zug oder zu einem Flug zu kommen. Das sind meistens Menschen, die überpünktlich sind, sie tragen diese Ängste schon in sich. Ist der verpasste Zug jetzt ein Symbol oder ein sinnlicher Ausdruck der Angst?

bento: Sie sehen das mit der Symbolik also eher problematisch.

Holzinger: Ja, denn nehmen wir als Beispiel die Schlange. Was soll sie bedeuten? Es gibt nicht die Schlange, die diese eine Sache bedeutet. Es kommt immer auf den Kontext an. Ist sie klein, ist sie groß, welche Empfindung hat man ihr gegenüber? Das ist alles sehr individuell. 

(Bild: Taili Samson/Unsplash)

bento: Sollte man wiederkehrenden Träume besondere Aufmerksamkeit schenken?

Holzinger: Ich glaube, manche Empfindungen sind nicht immer präsent, aber tauchen ab und zu auf. Ein besonders "beliebtes" wiederkehrendes Traum-Motiv ist zum Beispiel das Mathematik-Abitur. Man muss dem keine besondere Aufmerksamkeit schenken, könnte sich aber fragen, in welchen Situationen diese Träume auftauchen. Vielleicht immer, wenn man vor einer Prüfung oder einer Herausforderung steht?

bento: Eine Freundin träumt regelmäßig von ausfallenden Zähnen, ich davon, in einer Notsituation immer wieder eine falsche Nummer ins Handy zu tippen. Warum träumen wir das? 

Holzinger: Man sollte nicht zu viel deuten, sondern sich eher weiter mit dem Traum und den Gefühlen in der Situation beschäftigen. Bei dem Beispiel mit den Zähnen ist es bestimmt Angst – aber wovor? Ist es die Angst, nicht schön zu sein oder Angst vor fehlendem Biss? 

bento: Träumt man mit Mitte 20 anders als mit fünf oder Mitte 60?

Holzinger: Wahrscheinlich schon. Im Laufe des Lebens werden die REM-Phasen immer weniger. Bei einem fünfjährigen Kind machen sie etwa die Hälfte des Schlafs aus, bei Erwachsenen sind es rund 20 Prozent und das baut im Alter noch ein wenig ab. Kinder lernen besonders viel – zum Verarbeiten der Herausforderungen brauchen sie auch viele Träume.

Bei jungen Erwachsenen ist das ähnlich, sie haben noch relativ viel REM-Schlaf. 

„Wenn man studiert, lernt, alleine zu leben und mit dem Leben zurechtzukommen, einen neuen Partner oder Kinder hat, verarbeitet man das in seinen Träumen.“
Brigitte Holzinger

Wenn man den Träumen Aufmerksamkeit schenkt, kann man auch bis ins hohe Alter viel träumen. Und davon profitieren.


Art

Vielfalt in der Literatur: "Man sollte nicht nur lesen, was auf der Bestsellerliste steht"
Lukas Kubina will uns Bücher aus anderen Ländern nahebringen.

Von Schiller über Süskind bis Schlink: Der Großteil des Literaturkanons ist nach wie vor weiß und männlich. Mit dem Literaturnobelpreis wurden bisher 111 Männer und 15 Frauen ausgezeichnet (Nobelpreis), die meisten kamen aus Europa (Statista). Noch immer rezensieren in erster Linie Männer Bücher von Männern, wie eine Studie der Universität Marburg ergab (Literaturkritik). Die SPIEGEL-Bestsellerliste, die zeigt, was zur Zeit gekauft wird, ist für Hardcover-Romane zwar in puncto Geschlecht aktuell ziemlich ausgeglichen. Weiß sind allerdings alle dort aufgeführten Autorinnen und Autoren (DER SPIEGEL). 

Lesen kann den Horizont erweitern. Wenn wir allerdings nur Bücher lesen, die uns vertraute Perspektiven erzählen, bleibt auch dieser Horizont beschränkt.  

Lukas Kubina ist Besitzer des Independent-Verlags "Sorry Press". Im vergangenen Jahr hat er die Internetseite "Lit Cities" ins Leben gerufen. Auf der Website können Reisende (oder andere Interessierte) Bücher finden, die an bestimmten Orten spielt. Das Projekt ist ein Versuch, Menschen Literatur aus anderen Ländern nahezubringen und etwas gegen den literarischen Ethnozentrismus zu unternehmen.

Im Gespräch erzählt Lukas, wie das gelingen soll – und welche Verantwortung Verlage seiner Meinung nach tragen.