Bild: imago images/Starface
Das Internet hat verändert, wie wir mit Verlusten umgehen.

Am Freitag erscheint "Circles", das neue Album von Mac Miller. Der Rapper ist seit eineinhalb Jahren tot: Der damals 26-Jährige starb 2018 in Los Angeles an einer Drogenüberdosis. Doch seine Fans sind in sozialen Netzwerken aktiver als noch zu Lebzeiten. Sie haben sich online vernetzt – und tauschen sich nicht nur über den Musiker, sondern auch über persönliche Probleme aus. 

Sein Beispiel zeigt, wie sich Trauerprozesse in soziale Medien verlagern – und wie sie sich dort weiterentwickeln.

Schon vor Mac Millers Tod gab es zahlreiche Fanseiten auf Instagram, die Bilder des Rappers online stellten und in ihren Storys kurze Fetzen seiner Musik posteten. Nach seinem Tod kamen noch Hunderte hinzu, beinahe täglich werden neue Accounts erstellt.

"Macmillerdivine" ist eine der größten Fanseiten. Sie hat knapp 60.000 Abonnentinnen und Abonnenten. Unter den Beiträgen schreiben sie nicht nur Anekdoten auf, die sie mit Mac Millers Musik verbinden. Sie sprechen sich auch gegenseitig Mut zu, ermuntern andere beispielsweise dazu, in Therapie zu gehen und etwas gegen ihre Depression zu tun.

Solche Accounts gibt es auch für andere verstorbene Persönlichkeiten. Bei Mac Millers Fans wird der Effekt des gemeinsamen Trauerns jedoch besonders deutlich. Kurz vor dem ersten Jahrestag seines Todes postete "macmillerdivine" (aus dem Englischen übersetzt): "Ich schicke all meine Liebe an alle, die sie jetzt brauchen. Passt aufeinander auf." Die Hälfte der Kommentare unter dem Post sind Herzen, die andere Hälfte kurze Texte wie dieser (übersetzt): "Danke vielmals. Gott weiß, dass wir gerade alle eine extra Umarmung brauchen. Umarmungen zurück, mit Liebe."

Die Trauer-Community unterstützt sich gegenseitig.

Eine Einstellung von Solidarität und gegenseitigem Wohlwollen zieht sich durch sämtliche Insta-Fanaccounts. Auch auf anderen Plattformen lässt sich das beobachten. Auf YouTube hinterlassen Mac Miller-Fans zahllose Kommentare unter seinen Musikvideos. Teilweise entwickeln sich daraus tiefschürfende Diskussionen. Fans schreiben sogar, dass sie im Knast saßen oder seit einigen Tagen clean sind. Andere ermutigen sie, stark zu bleiben und ihren Entzug weiter durchzuziehen. Die Kommentarspalten lesen sich fast wie eine Online-Selbsthilfegruppe:

"Bruder, deine Musik war in meinen schlimmsten Jahren für mich da. Als ich alkohol- und drogenabhängig war, als ich selbstmordgefährdet war. (...) Aber am schlimmsten waren die letzten sechs Monate, als ich im Gefängnis war. Dort durfte ich nur einen beschissenen Player haben, ich habe 400 deiner Songs sechs Monate lang auf Repeat gehört. (...)" - Youtube-Account "bG" (übersetzt)

Dieser Kommentar unter dem Video zum Song "Best Day Ever" etwa wurde über 200 Mal geliked und ein Dutzend mal kommentiert. Vermutlich völlig fremde Menschen antworten dem Kommentierenden mit "Bleib stark" oder "Ich bin stolz auf dich". Dieses Phänomen kann man unter nahezu allen Videos von Mac Miller beobachten.

In den sozialen Medien treffen sich Trauernde in einer Art Schutzraum.

Und das ist erstaunlich – gelten Kommentarspalten, gerade die bei YouTube, doch als digitales Schlachtfeld, auf dem jeder jeden beleidigt.

Dr. Markus Seifert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt. Er forscht zur Bedeutung von Medien in Stresssituationen, beispielsweise in Trauerphasen. Ihn wundert es nicht, dass Trauer eine Ausnahme vom rauen Umgangston darstellt: "Wir haben als Gesellschaft soziale Normen miteinander ausgehandelt, wenn es ums Trauern geht. Jeder weiß, dass der Tod ein schrecklicher Verlust ist. Trolle oder negative Kommentare würden auch im Netz scharf sanktioniert."

Laut Seifert nutzen Trauernde Online-Medien in erster Linie, um den Verlust eines Menschen selbst zu verarbeiten. Es gehe bei den Beiträgen nicht darum, neue Freunde oder Hobbys zu finden, wie es in sozialen Medien sonst oft der Fall sei.

Der Online-Austausch sei vor allem wichtig, um mit Leuten, die auf eine ähnliche Art und Weise vom Schicksal getroffen wurden, ins Gespräch zu kommen. Zum Beispiel beim Gedenken an einen Prominenten wie Mac Miller, aber auch bei der Aufarbeitung der Krankheit eines kürzlich verstorbenen Angehörigen. Soziale Medien würden dabei eher ergänzend eingesetzt, erklärt Seifert.

„Traditionelle Formen des Trauerns verlieren nicht an Bedeutung. Es wird auch weiterhin Friedhöfe und gedruckte Traueranzeigen geben.“
Markus Seifert

Das Internet bietet aber einen weiteren Vorteil: Online ist die Hemmschwelle, etwas von sich preiszugeben, niedriger als im echten Leben.

Katharina Rafeld ist Psychotherapeutin und hat Erfahrung mit Online-Beratung. Sie sagt: "Es ist ein riesiger Vorteil der Online-Welt, dass Menschen mit Ängsten oder wenig sozialen Kontakten sich im Internet ganz einfach ausdrücken können." Dadurch, dass man keine face-to-face-Rückmeldung erhalte, fühlten sich Betroffene sicherer und könnten ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Außerdem ist es über das Netz leichter, Menschen zu finden, die gerade Ähnliches durchmachen: "Vielleicht hat in Australien jemand dasselbe Problem und der Kontakt wäre sonst nie zustande gekommen."

Es sei außerdem mittlerweile normal geworden, Neuigkeiten und Emotionen öffentlich zu teilen. Den Tod der Großeltern bei Facebook zu posten, ist inzwischen nicht pietätlos, sondern üblich. Laut Rafeld kann sich das für einige Menschen genauso nah anfühlen, wie persönlich darüber zu sprechen. Allerdings sagt sie auch, dass die helfende Wirkung der Trauer im Netz Grenzen hat:

„Den persönlichen Trost ersetzt Online-Trauer aber nicht. Wenn einem jemand gegenübersitzt, kann man ihm in die Augen schauen und seine Stimme hören. Man spürt, dass diese Person für einen da ist.“
Psychotherapeutin Katharina Rafeld

Allerdings: Gerade bei Prominenten ist das Internet oft der einzige Ort, an dem man um sie trauern kann. "Die wenigsten Fans können schnell in die USA fliegen und das Grab von Mac Miller besuchen", sagt Rafeld.

Und genau deshalb ist die Online-Trauer so wichtig. 

Denn auch wenn sie Mac Miller nicht persönlich kannten – sein Tod hat viele seiner Fans tief bewegt. Im Internet können sie sich mit anderen Menschen vernetzen und gegenseitig bestärken.

Online zu trauern ist also wie ein Selbsthilfekurs. Leute finden sich zusammen, um gemeinsam über ein bestimmtes Schicksal hinweg zu kommen. Dafür müssen sie vermeintlich wenig investieren – und profitieren hinter dem Schutzwall der Anonymität von den positiven Aspekten gemeinschaftlicher Trauer.

Auch die Beiträge unter Mac Millers Videos werden wohl erstmal nicht weniger. Freitag kommen schließlich zwölf neue Songs dazu, die die Fans kommentieren können. Egal, ob sie einfach nur die Musik feiern oder eine virtuelle Schulter zum Anlehnen brauchen.


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