Mit Hilfe einer Psychologin habe ich versucht, Trauer besser zu verstehen.

Die Nachricht, dass meine Großmutter im Krankenhaus lag, überbrachte mir meine Mutter. "Mach dir keine Sorgen, sie wird schon wieder", versicherte ich ihr. Klar, warum sollte sie auch nicht? Abgesehen von ihrer Diabeteserkrankung ging es ihr doch gut. Wir telefonierten regelmäßig. Ich in Hamburg, sie in Bosnien, durch das Telefon ganz nah beieinander. 

Schon drei Stunden später sprachen ihre Ärzte plötzlich von einer kritischen Phase, die sie überstehen müsse. Sie überstand sie nicht. 

Plötzlich ging alles ganz schnell. Eigentlich wollte ich gerade zur Arbeit, doch keine zwei Stunden später war ich auf dem Weg in das rund 1600 Kilometer entfernte Mostar in Bosnien und Herzegowina. 

Während die Autobahn an mir vorbeizog, wechselten sich Erinnerungen und Tränen ab. Wie meine Großmutter mich morgens mit dem Klimpern des Geschirrs weckte – oder mich wieder zudeckte, wenn in der Nacht die Decke von mir rutschte. Wie ich sie mit ihren Seifenopern aufzog und irgendwann trotzdem mitguckte. 

Am Haus angekommen, fühlte sich alles unwirklich an. An der Haustür klebte ein Totenschein mit ihrem Foto und den Namen der Hinterbliebenen. Dann traf es mich: Oma ist tot. Wirklich. Es war kein schrecklicher Traum.

Statt ihrer Umarmung erwartete mich hinter der Tür diesmal nur Leere.

Im Haus erinnerte alles an sie. Das Kissen, auf dem sie schlief, die Kupferkanne, in der sie sich ihren Kaffee kochte, der rosafarbene Kamm im Badezimmer. Ich brach in jedem Zimmer weinend zusammen. 

Die Heftigkeit der Trauer überrumpelte mich. Das erste Mal erlebte ich so intensiv, wie sich der Tod einer geliebten Person anfühlt.

Wenn ich jetzt daran zurückdenke, finde ich es wahnsinnig, was in meinem Kopf und Körper während dieser Zeit vorgegangen ist. Mein Körper befand sich im Ausnahmezustand, ich schlief zwei Tage lang nicht, aß wenig. Es war fast, als hätte mich eine schwere Grippe befallen.

Um diese Gefühle besser zu verstehen, befrage ich Judith Gonschor, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe "Klinische Psychologie und Psychotherapie" der Philipps-Universität Marburg. Sie forscht zu Trauer und leitet ein Projekt zu Trauerstörungen.

Was passiert in unserem Körper, wenn eine geliebte Person stirbt?

"Wenn Menschen trauern, dann ist das eine Art Stressreaktion. Dabei werden Stresshormone ausgeschüttet, die dazu führen, dass unser Immunsystem geschwächt ist. Außerdem gehen Herzrate und Blutdruck hoch – das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, also Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, steigt in der Zeit nach einem Verlust erheblich." Auch Appetitlosigkeit und Schlaflosigkeit können ganz normale Reaktionen auf einen Verlust sein, erklärt Gonschor.

Am Tag der Beerdigung organisierten wir einen "Tehvid". Frauen aus der Familie, aus der Nachbarschaft und Freundinnen versammelten sich im Haus. Wir sprachen Gebete für sie. Viele Gebete. Obwohl ich kein besonders religiöser Mensch bin, tat es gut, gemeinsam mit den anderen Frauen zu beten und meiner Großmutter auf diese Art und Weise die letzte Ehre zu erweisen. 

Das, was wir da gemacht haben, nennt Judith Gonschor ein Trauerritual.  

„Solche Rituale geben uns ein Gefühl von Sicherheit, weil wir uns in einer Situation befinden, in der wir plötzlich merken, wie wenig Kontrolle wir über das haben, was im Leben passiert.“
Judith Gonschor

Trauerrituale seien sowohl für die trauernde Person als auch für das gesamte Umfeld hilfreich, weil sie vorgegebene Strukturen bieten, in denen man keine Angst vor der Trauer und vor den Emotionen haben muss. 

Nach der Beerdigung nahm ich mir etwas Zeit für mich. Ich lief in die Altstadt, besuchte die Orte, die sie gerne besucht hat – und dachte an all die schönen Gespräche, die wir dort führten. Meine Definition von Heimat war jetzt eine andere als vorher. Heimat war plötzlich all das, was mich an sie erinnert. 

Und nicht nur mein Gefühl von Heimat hatte sich verändert. Zurück in Deutschland stellte ich fest, dass ich mich in bestimmten Situationen anders verhielt als früher. 

Ich achtete noch mehr auf die Menschen um mich herum, auf die Worte, die ich ihnen gegenüber aussprach. Bloß niemanden verletzen. Ich wurde ruhiger, reflektierter – hielt mich in Situationen, in denen ich vorher etwas gesagt hätte, oft zurück. Das ist bis heute so geblieben.

Anlässlich meines Geburtstages spendete ich einen Teil meines Gehaltes an die Deutsche Diabeteshilfe und motivierte viele meiner Freunde, mit mir zu spenden. Für mein Verhalten gibt es einen Fachbegriff: posttraumatisches Wachstum nach schweren Lebenskrisen. So könne es unter anderem dazu kommen, dass man sich in Beziehungen neu denkt, neue oder andere Werte entwickelt und Prioritäten anders setzt, erklärt Judith. 

Dabei dachte ich in den Wochen nach ihrem Tod gar nicht ständig an meine Großmutter. Oft versuchte ich, die Tatsache, dass sie nicht mehr da ist, zu verdrängen. Manchmal kam ich mir dabei schlecht vor. Aber auch das sei eine ganz normale Erscheinung im Trauerprozess, sagt Judith. "Es ist hilfreich, Zeiten zu haben, in denen man nicht über den Verlust nachdenkt. Natürlich wird es auch immer wieder Zeiten geben, in denen man zurückgeworfen wird, und in denen man sich wieder intensiv mit dem Verlust beschäftigen wird." 

(Bild: privat)

Dann wieder gibt es Tage, an denen die Traurigkeit so groß ist, dass ich mich frage, ob die Trauer für immer ein Teil von mir bleiben wird.

Kann man beim Trauern versagen?

Man müsse nicht bestimmte Dinge tun, um gut zu trauern, sagt Judith. Den einen könne vielleicht Unterstützung einer geliebten Person helfen, den anderen ein Urlaub und Abstand. "Circa sechs bis zwölf Monate nach dem Verlust merken die Trauernden, dass sich die Trauer verändert. Sie ist zwar da, aber nicht mehr so intensiv wie vorher."

Bei 5 bis 10 Prozent der Trauernden könne sich der Trauerprozess jedoch verlängern. Dann spreche man von einer "anhaltenden Trauerstörung", erklärt Judith. Selbst Jahre nach dem Verlusterlebnis können Betroffene ihr Leben nicht problemlos weiterführen und haben Schwierigkeiten, ihren Alltag zu bewältigen. In diesem Fall sei es wichtig, sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen. So weit ist es zum Glück bei mir noch nicht.

Manchmal helfen schon kleine Dinge. Erinnerungsstücke.

Bei mir ist es das alte Wählscheibentelefon meiner Großmutter, das mittlerweile meine Kommode ziert. Es ist nicht nur eine Erinnerung, sondern auch ein Symbol, das der Beziehung zu meiner Großmutter einen Platz in meinem Leben gibt – auch wenn sie nicht mehr da ist. 


Future

Wieso schauen wir Menschen zwei Stunden lang im Video beim Lernen zu?
Tipps für mehr Konzentration beim Lernen

Das Video von Rebecca Alvarado, 26, beginnt so spektakulär wie eine Bundestagssitzung. Die YouTuberin aus Heidelberg sitzt am Schreibtisch, öffnet den Reißverschluss ihrer Federmappe und nimmt sich einen Stift. Dann schaut sie auf den Bildschirm ihres Laptops, tippt, schreibt, tippt. Nach 50 Minuten ändert sich die Kameraeinstellung, nach eineinhalb Stunden trinkt Rebecca Wasser. Noch 30 Minuten, dann ist es geschafft. Das Video ist zu Ende. 

Diese zwei Stunden andauernde Langeweile ist für Tausende Studierende die neue angesagte Quelle für Konzentration. 

Die Idee: Anderen beim Lernen zuzuschauen, hilft dabei, auch selbst zwei Stunden am Stück zu pauken. 

13.600 Klicks hat das Video von Rebecca nach neun Monaten, mehr als 16.000 Menschen folgen ihrem Kanal, auf dem sie sonst Tipps rund ums Studium, Abitur und WG-Leben gibt. 

Bei YouTube ist sie mit den sogenannten "Study with me"-Videos aber nur eine kleine Nummer. Gestartet wurde der Trend für Online-Motivations-Videos in Korea, dann folgten die USA. Dort werden die Videos unter dem Namen "Gongbang" (Lernsendung) veröffentlicht. Die Klickzahlen sind siebenstellig.