Bild: Portrait: Benjamin Eckert/ Collage: Alex Baur
Wir haben eine Trauer-Expertin gefragt.

Dass ich in der ersten Woche nach meinem Umzug heulend in der U-Bahn sitze, hätte ich nicht gedacht – und doch kullern Tränen meine Wangen hinunter. Eigentlich ist das ein ganz normaler Samstagmorgen, doch alles hier wirkt fremd, kalt und grau. Ich vermisse den Geruch meiner Wohnung, die bekannte Durchsage in der Bahn, die Kassiererin im Supermarkt um die Ecke. Dabei hatte ich mich doch so auf Hamburg gefreut – wieso fällt es mir dann so schwer, das Gute in dieser Stadt zu sehen?

Das hier fühlt sich nicht nach der Sorte Heimweh an, die man auf Klassenfahrt hat. Das ist richtiger Liebeskummer: Als hätte meine Studienstadt Wien mit mir Schluss gemacht und Hamburg müsse nun die klaffende Lücke ersetzen. Wie komme ich bloß über diesen Herzschmerz hinweg?

Trauerbegleiterin Petra Sutor

(Bild: FotoFünkchen/ Ulrike Glesius)

"Wir trauern, wenn wir ein Stück Heimat verlieren", erzählt mir Petra Sutor am Telefon. Sie ist ausgebildete Trauerbegleiterin und hat im Februar 🛒ihr erstes Buch veröffentlicht. Normalerweise betreut Petra Menschen, die enge Angehörige verloren haben. Sie hilft aber auch Menschen, die plötzlich ohne Job dastehen oder gerade eine Trennung verarbeiten. Das alles klingt nach ziemlich ernsten Problemen – übertreibe ich da nicht ein bisschen mit meinem Städte-Herzschmerz?

„Wenn wir eine Stadt hinter uns lassen müssen, ist auch das ein Prozess der Trauer.“
Petra Sutor

"Nein", findet Petra. "Es gibt viele verschiedene Arten zu trauern und jede Form der Trauer hat ihre Berechtigung. Wenn wir einen geliebten Menschen verlieren, trauern wir. Ein Kind trauert, wenn es sein Stofftier vermisst. Paare trauern, wenn die Beziehung auseinandergeht. Wenn wir eine Stadt hinter uns lassen müssen und umziehen, ist auch das ein Prozess der Trauer. Schließlich verlieren wir etwas, das uns Halt gegeben hat."

Das Buch

"Trauer am Arbeitsplatz: Sprachlosigkeit überwinden - Fürsorgepflicht wahrnehmen - Trauerkultur entwickeln" von Petra Sutor kannst du 🛒hier bei Amazon kaufen.

Affiliate-Link: Wenn jemand auf einen Link in diesem Kasten klickt und das Produkt in dem Online-Shop tatsächlich kauft, bekommen wir in manchen Fällen eine Provision. Produktbesprechungen erfolgen jedoch rein redaktionell und unabhängig.

Für mich ist Umziehen allerdings nichts Neues. Wie andere Menschen von Beziehung zu Beziehung hüpfen, tue ich das mit Wohnorten. Für Praktika zog ich immer wieder durch die halbe Bundesrepublik, den Großteil meiner Studienzeit verbrachte ich dann schließlich in Wien. Mich auf einen neuen Ort einzulassen, war nie ein Problem für mich, nein, es gefiel mir – bis jetzt. Ist Wien nun also meine große Liebe, die ich einfach so aufgegeben habe?

Sich richtig vorbereiten

"Die Studienzeit ist natürlich identitätsbildend", erklärt mir Petra. "Wenn wir uns länger an einem Ort aufhalten, an dem wir uns weiterentwickeln, dann verbinden wir auch ganz viel damit. Er wird zu unserer Heimat, denn wir haben Rituale, einen festen Freundeskreis und ganz viele Erinnerungen, die wir an diesem Ort gemacht haben. Wir wissen, wo wir unseren Lieblingskaffee herbekommen und wo es das beste Eis der Stadt gibt. Dieses Gerüst fehlt nach einem Umzug. Manche Menschen geraten dadurch ins Schlingern." Doch, wie soll ich mir ein Gerüst aufbauen, wenn mein Herz noch viel zu sehr an meinem Leben in Wien hängt?

Laut Petra ist vor allem die Vorbereitung auf einen Umzug wichtig – nur so kann man auch unvoreingenommen an einem anderen Ort ankommen. "Abschiedspartys sind ein richtiger Schritt, sich mental auf den Umbruch einzustellen. Wenn man sich ein kleines Stückchen Heimat mit in die neue Stadt nimmt, hilft das vielen auch: Das kann eine Postkarte am Kühlschrank sein, oder auch eine Packung Kaffee aus der Lieblingsrösterei. Es gilt, eine Balance zu finden: Wir dürfen Heimweh haben und trauern. Wir müssen uns aber auch dazu motivieren, nach vorne zu schauen."

Ein neues Heimatgefühl aufbauen

Ehrlich gesagt hatte ich es mir auch wirklich aufregend vorgestellt, Hamburg zu erkunden: An der Elbe entlang spazieren, kleine Läden in der Stadt aufspüren, Ausflüge an die Ostsee machen. Aber ich kann diese Schönheit, von der mir immer vorgeschwärmt wurde, einfach nicht sehen. Ich bin den ständigen Regen nicht gewöhnt, finde nie die passende Kleidung für dieses Wetter. Schon am ersten Tag wird mein Fahrrad geklaut, immer wieder steige ich an den falschen Stationen aus. Wie soll ich mich hier jemals heimisch fühlen?

"Nicht an jedem Ort fühlen wir uns schnell zuhause", erklärt mir Petra am Ende unseres Gesprächs. "Gerade, wenn wir uns zuvor von einem geliebten Ort trennen mussten. Das kostet Zeit, das kann sehr anstrengend sein, aber das ist in Ordnung."

Für mich bedeutet das: Augen zu und durch. Ich muss akzeptieren, dass hier nicht gleich alles Rund läuft. Mein Leben hier wird wohl oder übel anders sein. Hamburg wird nicht den Wiener Schmäh oder meine geliebte Melange ersetzen können. Aber: Diese neue Stadt ist für mich letztendlich auch ein unbeschriebenes Blatt. Dieses große, kalte Hamburg gibt mir die Möglichkeit für einem Neuanfang. Zwischen den ungewohnten Backsteinbauten kann ich mich ein Stück weit neu erfinden.

Tatsächlich habe ich auch schon einen Ort gefunden, der mich zur Ruhe kommen lässt: Ein kleines Café in meinem Viertel, in dem mich die Kellnerin schon kennt. Da sitze ich dann, mit meinem brandneuen Regenschirm. Und es gibt noch einen tröstenden Gedanken: Wien läuft mir nicht davon – zurück kann ich immer.


Uni und Arbeit

Aufhübschen statt wegschmeißen: Hagen rettet Sneaker vor der Mülltonne
Das Schuhmacherhandwerk gehört zu den aussterbenden Berufen – doch der 23-jährige Berliner hat eine Marktlücke entdeckt.

Allein in Deutschland landen jährlich mehr als 380 Millionen Paar Schuhe im Müll. Der 23-jährige Hagen Matuszak will einige dieser Schuhe retten. Im März 2018 gründete der Berliner das Start-up "Sneaker Rescue" – den ersten Reparaturservice in Deutschland, der sich auf Sneaker spezialisiert hat, sagt er.

Hagen ist gelernter Orthopädieschuhmacher und hat eine Marktlücke entdeckt: Sneaker-Liebhaber, die ihre alten Schuhe behalten wollen, aber niemanden finden, der sie repariert. Denn normale Schuhmacher würden sich oft nur mit der Reparatur von Lederschuhen auskennen, sagt Hagen.

Turnschuhe zu reparieren sei allerdings nicht immer leicht. Oft gebe es kein Originalmaterial, um Sohlen auszutauschen oder Löcher zu flicken. Schließlich hätten die großen Schuhproduktionsfirmen kein Interesse daran, dass ihre Schuhe repariert werden. Hagen muss dann Alternativen finden und Material zusammensuchen. Sein Ziel sei, dass ein Schuh mit jeder Reparatur nachhaltiger wird, optisch aber originalgetreu bleibt, sagt er. Deshalb achte er darauf, dass alle Stoffe nachhaltig produziert wurden.

bento hatte vor ein paar Monaten Follower auf Instagram dazu aufgerufen, Fotos ihrer alten Sneaker zu schicken, damit Hagen sie reparieren kann. Marco aus Hamburg meldete sich auf den Aufruf und ließ seine alten Basketballschuhe wieder auf Vordermann bringen.

Im Video oben siehst du, wie Hagen Marcos Sneaker rettet.