Bild: EPA/Ernesto Arias
Eine neue Studie hat sich mit der Identität von Transmenschen auseinandergesetzt.

Viele Transgender leiden unter der Auseinandersetzung mit ihrem Geschlecht. Ärzte und Wissenschaftler sahen dies bislang als psychische Krankheit an. Das könnte sich nun ändern: Eine neue medizinische Studie empfiehlt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nun erstmals, sogenannte Geschlechtsidentitätsstörungen nicht länger auf seiner Liste der psychischen Krankheiten zu führen. Gelingt der Schritt, wäre es eine grundlegende Änderung im Blick auf die Transgender-Community.

Die Studie wurde vom Nationalen Institut für Psychologie in Mexiko mit 250 Transmenschen zwischen 18 und 65 Jahren durchgeführt. Die Ergebnisse wurden im renommierten Fachjournal "The Lancet Psychiatry" veröffentlicht. Mittlerweile sind weitere Feldstudien mit Transmenschen in Brasilien, Frankreich, Indien, Libanon und Südafrika angelaufen. (Die Ergebnisse bei The Lancet)

Was genau hat die Studie herausgefunden?

Dass die Geschlechtsidentitätsstörung überhaupt als Krankheit erfasst wurde, lag daran, dass Mediziner bislang davon ausgingen, Transgender hätten ein Problem mit ihrem eigenen Körper – daher auch der Name der Krankheit. Die Interviews mit den Teilnehmern ergaben nun, dass Transgender hingegen vor allem Probleme mit ihrem Umfeld haben. Viele hätten Angst vor Stigmatisierung und Herabwürdigung, sagt Dr. Rebeca Robles, die Leiterin der Studie.

Die meisten Befragten waren Frauen, die in einen Männerkörper geboren wurden. Fast alle spürten ihre Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht während ihrer Pubertät. Das sagen sie über ihre Erfahrungen:

  • Fast alle Befragten (90 Prozent) bekamen während der Pubertät Probleme mit der Familie oder ihrem sozialen Umfeld.
  • Drei Viertel hätten Ablehnung erlebt, am häufigsten in der Familie, aber auch von Freunden.
  • 83 Prozent der Befragten fühlten sich während der Pubertät besonderem psychologischen Stress ausgesetzt.
  • Zwei Drittel seien wegen ihrer "Andersartigkeit" schon einmal körperlich angegriffen worden. Darunter zählen auch sexuelle Vergehen.

Kritisch merken die Forscher an, dass sie keine Kinder oder Jugendlichen befragen konnten. Die Erzählungen stammen alle aus den Erinnerungen der Betroffenen.

Was bedeutet das für Transgender?

Die Einstufung als geistige Störung lässt Stigmata zu, verhindert die richtige psychologische Betreuung und schafft Barrieren in Politik und Gesellschaft. Forschungsleiterin Robles: "Die Studie zeigt auf, wie sehr Programme gebraucht werden, um Stigmatisierung und Schikanierung dieser Gruppe zu verhindern."

Sollten die Folgestudien zu ähnlichen Ergebnissen wie die mexikanische Studie kommen, wollen die Forscher der WHO für 2018 eine Empfehlung aussprechen, den Status der Geschlechtsidentitätsstörung als psychische Krankheit aufzuheben. Frankreich hob den Status 2009 als weltweit erstes Land auf ("Time"), Dänemark zog im Juni diesen Jahres nach (SPIEGEL ONLINE).

Folgt nun die WHO, könnte das auch andere Länder zum Umdenken bewegen. Krankenkassen und Kliniken müssten Transmenschen dann neue Möglichkeiten der Betreuung einräumen. Und auch in der Politik eröffnet die Einstufung neue Möglichkeiten im Adoptions- und Eherecht.

Die Anerkennung dürfte gute Chancen haben. Schon 2013 sagte Prasada Rao, eine UN-Beauftragte für Aids, dass Transgender nicht der Fehler seien. Die wahre Krankheit liege woanders:

“Transphobie ist das Gesundheitsproblem!” ​

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