Folge 2 unserer Serie: Dorfliebe

Es ruckelt. In einem dunkelgrauen VW Touareg fahren wir einen Hügel hinauf. Ein Weinberg in Mühlhausen am Heiligenstein. Meine Begleitung will mir dort ihre Reben zeigen – und den Blick über ihre Heimat, ein 5000-Seelen-Dorf in Süddeutschland. Wer den SUV den Berg hochsausen sieht, weiß, wer darin sitzt: "Weinprinzessin Simona Aurelia die Erste" – so steht es auf beiden Türen des Wagens. Der helle Schriftzug hebt sich vom Autolack ab. Rosa. Genauso wie die gesteppte Winterjacke. "Du denkst jetzt bestimmt: Die trägt nur Rosa", sagt sie. "Ich hab mir die Jacke aber zuerst in Blau geholt."

Vom Weinberg genießt Simona den Blick über ihre Heimat. 

(Bild: Laura Rihm)

Simona macht sich häufig Gedanken, was eine Frau so trägt. Und wie sie sich verhält. Sie lebt ja auch erst seit Kurzem als eine. 

Vor knapp einem Jahr hieß Simona noch Simon. Als Simon räumte sie beim Bundeswettbewerb der Jungwinzer den ersten Preis ab. Die Bundeskanzlerin schüttelte ihr dafür die Hand. Simon war auch bester in Baden-Württemberg. Jetzt, als Simona, setzte man ihrem Erfolg ein Krönchen auf: als erste transgender Weinprinzessin.

"Das war der letzte Schritt, um wirklich anzukommen", sagt sie. Schon im Kindergarten wollte sie Prinzessin sein, wie viele kleine Mädchen. Das geht doch nicht als Junge, hätten die anderen Kinder damals gesagt und gelacht. Dass sie 2018 von einer Jury zur Weinprinzessin gekürt wurde, das hat sie dann selbst überrascht. Dabei erfüllte Simona alle Voraussetzungen: Sie war unter 30, in offiziellen Dokumenten stand unter Geschlecht ein "w". Bedenken hatte sie trotzdem:

Kann so eine wie sie Weinprinzessin werden? 

Immerhin, die Expertenjury berät sich im Geheimen. Niemand weiß genau, warum eine Anwärterin das Zepter verliehen bekommt und eine andere vom Thron gestoßen wird. Beim Wettbewerb punktete Simona mit Fachwissen, sagt sie.

Sie arbeitet als Kellermeisterin in einem Heidelberger Weingut, beaufsichtigt dort den Prozess, wenn Trauben zu Wein werden. Nebenbei stellt sie ihren eigenen Wein her. "Bunte Liebe", heißt der. Er kommt direkt aus ihrer Garage, die sie zum Weinkeller umgebaut hat. "Ich robbe gern durch einen Tank mit drei Metern Hefe und sehe danach aus wie ein Erdmännchen", sagt sie lachend. Daneben gibt es aber auch die Simona, die abends auf der Bühne steht und im Dirndl ein Fest eröffnet. 

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Ein Leben zwischen High-Heels und Hefeflecken.

Als wir uns treffen trägt sie keine Stöckelschuhe und kaum Make-Up. Nicht überkandidelt, sie steckt in braunen, flachen Stiefeln, Jeans und T-Shirt. Genau so entspannt wie die Stimmung am Wohnzimmertisch bei Kaffee und Wasser. Sie wohnt hier mit ihrer Mutter. "Eher ein Arrangement", sagt Simona. Ihre Mutter stehe zwar voll und ganz hinter ihr, doch wäre es ihr lieber, wenn ihre Tochter im Dorf nicht so bekannt wäre.

"Simona gab es schon immer", sagt sie. Als jugendlicher Simon hat sie früher Mamas BH anprobiert. Heimlich und hinter verschlossenen Türen. Sie stand auf Frauen, doch als Simon blieb sie immer solo. "Ich hab‘ wohl zu viel Unsicherheit ausgestrahlt", sagt sie. Eigentlich wollte sie sich mit 19 Jahren outen, direkt nach dem Abitur. Doch dann starb plötzlich ihr Vater an einem Herzinfarkt. 

Simona, damals noch unter dem Namen Simon, mit ihrem Vater und ihren beiden jüngeren Brüdern.

(Bild: privat)

Für ihre Mutter und die zwei jüngeren Brüder wollte sie stark sein – als "Mann".

Sie übernahm den Weinbaubetrieb von ihrem Papa, das Coming-out musste warten. "Ich habe das sechs Jahre lang überspielt". Nach der Ausbildung machte sie ihren Meister. Noch einmal zwei Jahre lang zur Schule gehen, büffeln, um danach selbstständig sein und andere ausbilden zu können. "Das war mein Ansporn", sagt Simona. Trauben anbauen, Wein ausbauen, das eigene Produkt vermarkten, ein Allrounder werden. Sie dachte, dass danach vielleicht die Frau fürs Leben käme. Dann würde sich alles legen. Aber so war es nicht. Ihr Innerstes ließ ihr keine Ruhe. 

Ich habe in zwei Monaten 20 Kilo runtergehungert.
Simona

Ihr Leben habe ihr nichts mehr bedeutet, sagt sie heute. 

"Das ist nur eine Phase", habe die Winzerfamilie gedacht, für die Simona als Kellermeisterin arbeitete. Immer öfter tauchte sie dort in Skinny-Jeans statt in Boys-Hose auf. Doch es war mehr als eine Weinlaune. Sie konnte ihre Identität nicht verheimlichen. "Das war so ein schleichender Prozess", erklärt sie. 

Ihr Chef habe sie früher immer mal wieder Simone gerufen. Im Scherz, versteht sich. Später habe er nicht mehr gelacht.

Zum Beispiel, als sie einmal mit leuchtend roten Fingernägeln bei der Arbeit erschien. "Mach das weg, sonst gibt es für dich heute kein Mittagessen!", habe die Seniorchefin gesagt. In dem Familienbetrieb ist es normal, dass man mittags zusammen isst. Rote Fingernägel hingegen sind dort nicht normal. Dann eben schweren Herzens ohne Lack – nur ab und zu mal und dann nur auf dem kleinen Finger, ein bisschen Wimperntusche vielleicht.

Als Jungwinzer Simon in den Weinbergen. 

(Bild: privat)

Anfang 2017 dann der Entschluss, sich nicht mehr zu verstecken: Simona beantragt zuerst eine Namensänderung. Im Geschäft sei sie trotzdem für alle immer noch "der Simon" gewesen. Alle taten, als wäre nichts. Wollten es nicht wahrhaben, wollten Simona nicht wahrhaben. Bis sie es nicht mehr aushielt und ihnen alles sagte. 

"Ich bin selbstbewusst ins Geschäft und hab 'ne Kündigung hingefeuert, und das noch zu einem Scheiß-Zeitpunkt." 

Für den Betrieb: ein Schlag ins Gesicht. Für Simona: ein Befreiungsschlag.

Sie habe gerne dort gearbeitet, sagt sie, hätte es aber nur unter der Bedingung weiterhin getan, dass sie so akzeptiert werde, wie sie ist. 

Auch Pfleger Henry hatte nach seinem Coming-out im Job zu kämpfen:

Ab diesem Punkt waren für Simona die nächsten Schritte klar: Termine beim Psychologen, mit Gutachtern und Ärzten – und im April 2018 dann die fünfstündige geschlechtsangleichende OP. 

Endlich schien alles richtig zu sein. Doch das sahen nicht alle so. Auf einem Dorffest wurde sie über den Bierwagen hinweg von einem Mann angebrüllt:

Warst halt nicht gut bestückt, deshalb brauchst du jetzt 'ne Muschi."

Das tue weh, sagt Simona. Sie pöbelt zurück, Schlagfertigkeit ist ihr Schutzschild. Das hätte auch ihre Familie gebraucht. Mama und Oma wurden ebenfalls zur Zielscheibe. Was "die Simona" schon wieder auf Facebook gepostet habe, werde ihrer Mutter sofort mitgeteilt. 

Ihre Mutter versteht bis heute nicht, warum das alles öffentlich sein muss, sagt Simona. Sie wolle viel lieber anonym bleiben. Andere wären weggezogen, in die Großstadt, wo sie keiner kennt. Für die leidenschaftliche Winzerin keine Option. Nach Berlin oder Hamburg reise sie nur mal zum Feiern mit Freunden aus der Drag-Szene. Sonst sei sie in den Weinbergen zuhause. Die Weinbranche sei klein, jeder kenne jeden. Es sei unmöglich, sich dann nicht zu outen.

Mit ihrem Schritt in die Öffentlichkeit zieht Simona auch die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Die "Regenbogenweinprinzessin" oder die "Weinprinzessin, die mal ein Mann war", wird sie in den Schlagzeilen genannt. 

Sie mache das zu Marketingzwecken, sei ihr von Kollegen unterstellt worden. Eine Kritik, die ihr hochkommt wie ein Wein aus dem Tetrapak. 

Da habe ich wirklich geweint und musste einige Tage dran knabbern. Eine Hormontherapie macht keiner aus Marketinggründen, den Stress gibt sich niemand.
Simona

Simona fällt auf. Nicht nur, weil sie knapp zwei Meter groß, blond und blauäugig ist, sondern weil sie eine Frau ist. Winzer, das ist immer noch ein Job für Männer, wenn auch immer mehr Frauen in die Branche drängen. Einmal habe sie bei einer Weinverkostung im Dorf als einzige Frau ausgeschenkt. "Der Wein ist zu warm", habe ein Kunde gemeckert. "Da haben sie wieder eine Quotenfrau hinten den Tresen gestellt!". Dass Wein aus Barriquefässern wärmer getrunken wird, habe er schlicht nicht glauben wollen. 

Als Frau muss ich schon kämpfen, um mein Fachwissen rüberzubringen.
Simona

Dorfliebe

Etwa 30 Prozent der Bevölkerung Deutschlands leben auf dem Land (Statista). Dort spielen die Geschichten des Alltags, die großen und kleinen Dramen. Davon berichten Masterstudierende des Studiengangs Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg. Sie haben sich aufgemacht und die Liebe auf dem Dorf gesucht. 

Hier findest du alle Geschichten der Reihe und hier gibt es mehr Infos zum Projekt.

Die einen nörgeln, die anderen staunen. Zum Beispiel, wenn Simona Wein ausliefert: 50-Liter-Weinfässer hievt sie ohne Hilfe aus dem Transporter, da klappt so manchem Gastronomen die Kinnlade runter. Wenn Simona das erzählt, kichert sie verschmitzt.

Simona will mal Familie haben. Ob mit einer Frau oder einem Mann, das ist egal, beides habe seine Reize. Zum Anlehnen die breiten Schultern eines Mannes. Eine Frau, um eigene Kinder zu bekommen. Dafür hat Simona vorgesorgt. "Ich habe vor meiner Hormontherapie etwas einfrieren lassen." Sie sucht nicht aktiv nach der großen Liebe, sagt sie, sie geht es locker an.

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