Nein, "es" ist keine Option!

"Hast du grade sie gesagt? Meintest du nicht er?", hat jemand auf einer Party mal einem Bekannten entgegengelallt, der ihm gerade erzählt hatte, was ich an diesem Abend in einer Provinzdisko mache. 

Ich weiß das, weil ich in Hörweite stand, die Bemerkung nicht gerade leise war, und sie mein damaliges, jüngeres Ich ziemlich pikierte – fast so sehr wie der an mich gerichtete Nachsatz: "Ach nee, warte, du hast ja 'n paar richtig süße Titten!"

Abgesehen davon, dass das Vorhandensein "süßer Titten" Jahrzehnte nach der Erfindung von Push-Up-BHs nichts über meinen Körper aussagt: Eine Wölbung unter dem T-Shirt heißt also "sie"?

Wohingegen die Absätze, Chandelier-Ohrringe und Röhrenjeans, die ich an dem Abend trug, als "er" zu deuten sind? Und wie unanständig ist es bitte, mit einer anderen Person über mein Geschlecht zu diskutieren, während ich in Hörweite bin?

Zur Person

Lex Marmor heißt eigentlich anders und verwendet im Alltag zwei unterschiedliche Vornamen, einen Männer- und einen Frauennamen. Hier schreibt Lex, was das bedeutet: im Alltag, in der Liebe und bei der Arbeit. 

Leider ist der Mensch mit Hut, über dessen Geschlechtsidentität ich nichts weiß und nichts wissen will, kein Einzelfall.

Was die meisten sich ihren cisgeschlechtlichen, also nicht-transgeschlechtlichen Bekannten gegenüber verkneifen würden, weil es ihnen peinlich wäre, scheinen sie gegenüber queeren Leuten plötzlich okay zu finden: über das Geschlecht eines anderen Menschen und damit über einen ziemlich wichtigen Teil seiner Identität zu mutmaßen, zu urteilen, zu spotten

Warum eigentlich? Wie leicht wäre es gewesen, mich einfach zu fragen: "Wie heißt du? Und wie sind deine Pronomen?"

Mit diesen zwei Fragen deckt ihr alles ab, was ihr über mich oder einen anderen Transmenschen wissen müsst.

Denn erstens geht euch die Antwort auf die Frage, wie mein Körper aussieht, in der Regel nichts an – darauf zielen die verschiedensten Varianten von "Was ist dein Geschlecht?", die mir schon begegnet sind, ja meist ab. 

Und zweitens könnt ihr mit "Mein Name ist Lex Marmor und mein Pronomen ist 'er'" bestimmt mehr anfangen als mit einer komplizierten Identitätsbeschreibung, die ihr weder versteht noch wirklich hören wollt. Oder könnt ihr euch unter "binär genderfluid, aber mit steten Pronomen" was vorstellen? Ich mir auch nicht, aber diese Person sieht ungefähr so aus wie ich.

Für Menschen, die weder "er" noch "sie" für ihre Identität verwenden möchten, gibt es übrigens eine Reihe anderer Varianten.
Lex Marmor

Solltet ihr also die Antwort auf die Frage "Wie sind deine Pronomen?" nicht verstanden haben, gebt es ruhig zu und fragt nach. Das ist netter, als jemanden mit dem falschen Pronomen oder womöglich mit "es" zu bezeichnen. Nein, ich bin nicht der Clown aus dem Kino! Egal, wie ich angezogen bin oder aussehe.

Wer sich jetzt fragt, wozu das gut sein soll: Dass Pronomen für eine Person, deren Geschlecht ich nicht kenne oder nicht mit "er" oder "sie" umfassen kann, durchaus nützlich sein können, hat der Mensch mit Hut auf der Party sicher auch bemerkt. 

Im Englischen wird zu diesem Zweck "they" und "ze" immer gebräuchlicher. Auf Deutsch gibt es zum Beispiel "xier", im Umlauf sind aber auch Varianten wie "sier", "dey" oder "nien".

Ihr habt Angst, dass ihr das alles weder aussprechen noch behalten könnt – und überhaupt verhunzt es ja die deutsche Sprache? Keine Sorge, Sprache kann alles schaffen, wozu wir sie brauchen. 
 
Noch dazu sind alternative Pronomen wie "xier" gar nicht so schwierig zu verwenden. An diesem Abend hätte die Person mit Hut meinem Bekannten etwa zulallen können: 

  • Xier erregt meine Aufmerksamkeit. (Wer?)
  • Xies mutmaßliches Geschlecht beschäftigt mich enorm. (Wessen?)
  • Statt über xien (wen?) zu reden, könnte ich mich xiem (wem?) vorstellen und nach Namen und Pronomen fragen.

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Auch an den Gebrauch des Genitivs haben wir gedacht: "Ich gedenke 'xies' statt 'seiner' oder 'ihrer'. Solltet ihr euch mal versprechen und das falsche Pronomen verwendet haben: "Entschuldigung, ich meinte...", reicht völlig aus. Passiert! Wir alle haben uns schon mal versprochen. 

Wer schüchtern ist und Transmenschen Respekt zeigen möchte, tut es genau auf diese Weise. Es ist wirklich so einfach!


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