Bild: Netflix
Warum tun wir uns das eigentlich an?

"Wenn du die Serie kennst, weißt du, dass sie eine Reihe wirklicher Probleme von heutigen Teenagern zeigt. Wir erzählen von Drogenmissbrauch, Mobbing, sexuellen Übergriffen, Gewalt und Selbstmord." So beginnt die neue Staffel der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht"

Sechs Castmitglieder sitzen in einer Turnhalle, schauen ernst in die Kamera und klären über die folgenden Dramen auf. So einen Vorspann findet man inzwischen vor jeder Staffel der Serie. Es ist die Reaktion auf die Kritik, dass die Produktion Suizid und Gewalt verherrlichen würde. Vor Beginn der dritten Staffel wurde daher auch die umstrittene Suizidszene aus der ersten Staffel entfernt (SPIEGEL ONLINE).

Doch auch, wenn es so wirkt: Die Macher der Serie haben nichts gelernt. Denn die dritte Staffel "Tote Mädchen lügen nicht", die Ende August erschienen ist, zeigt wieder nichts als Elend.

In den 13 neuen Folgen der US-Serie (im Original: "13 Reasons Why") geht es nicht mehr um den Suizid der Schülerin Hannah Baker, sondern um den Mord an ihrem Vergewaltiger, Bryce Walker.

Spoiler-Warnstufe rot

Wir haben dich gewarnt. Hier verraten wir alles. Wenn du die Serie oder den Film noch nicht gesehen hast und das noch vor hast, betrittst du diese Seite auf eigene Gefahr.

Und Bryce ist nicht der Einzige, der Schuld auf sich geladen hat. Auch andere Schüler der "Liberty High" haben schreckliche Dinge getan: Monty de la Cruz vergewaltigte in der zweiten Staffel den introvertierten Fotografen Tyler Down mit einem Besenstiel auf der Schultoilette. Eine Szene, die nicht weniger verstörend ist als der Suizid in der ersten Staffel – immer noch zu sehen bei Netflix.

In das Leben dieser Figuren gibt die dritte Staffel nun Einblicke. Das soll helfen, sie besser zu verstehen, ihr Handeln erklären. Dabei tun sich weitere Abgründe auf. Es scheint niemanden zu geben, der nicht traumatisiert ist.

So passiert es sogar, dass man als Zuschauerin Sympathie für den Vergewaltiger Bryce empfindet. Denn der versucht, sich zu ändern, stößt dabei immer wieder auf Ablehnung, bricht in einer Folge weinend in den Armen seiner Mutter zusammen. Doch diese aufkeimende Sympathie verschwindet, als Bryce, von einem Angreifer schwer verwundet, sein wahres Gesicht zeigt und sexistisch über seine Exfreundin Chloe spricht.

Die musste übrigens eine Abtreibung vornehmen lassen, weil sie sein Kind nicht behalten wollte. Auch diese Szene wird schonungslos dargestellt, man hört sogar das Schlürfen des Absaugers.

Und der Schlägertyp Monty, der Tyler auf der Toilette misshandelte, ist eigentlich schwul und unterdrückt seine eigene Sexualität. Er, der anderen Menschen schadet, sie quält und mobbt, wird selber von seinem alkoholkranken Vater schikaniert und geschlagen. Als der rausfindet, dass sein Sohn schwul ist, spuckt er ihm ins Gesicht, verurteilt ihn mehr für seine Homosexualität als für die Vergewaltigung.

Am Ende der Serie stellt sich heraus, dass nicht nur mehrere Frauen Opfer von Vergewaltigungen wurden, sondern auch zwei der männlichen Hauptfiguren. Wahrscheinlich sollte damit gezeigt werden, dass auch Männer von solchen Taten betroffen sind. Aber im Gesamtkontext der Serie wirken die Ereignisse kaum noch glaubhaft. 

Natürlich ist es wichtig, Themen wie Vergewaltigungen, Amokläufe und Selbstmorde zu thematisieren.

Denn es kann Betroffenen helfen, sich zu öffnen. Zudem ist es interessant, die Beweggründe von Menschen zu beleuchten, die anderen Gewalt zufügen. 

Medienpsychologe Yannic Meier, 27, von der Uni Duisburg erklärt, was den Reiz an selbst brutalen Serien oder solchen mit unmoralischen Handlungen ausmacht: "Durch den Vergleich mit den Charakteren können die Zuschauerinnen und Zuschauer etwas sehen und fühlen, das sie im echten Leben meist nicht erleben würden. So findet man heraus, wie es sich für einen persönlich anfühlt und wie man in derselben Situation reagieren würde – und das kann dann durchaus positive psychologische Effekte haben."

Verständlich. Gleichzeitig stimmt bei "Tote Mädchen lügen nicht" das Verhältnis nicht.

Anstatt sich eines Themas oder einer Figur eingehend zu widmen, werden einfach alle schlimmen Ereignisse, die im Leben eines Menschen passieren können, in ein Drehbuch gequetscht. Es ist schlichtweg zu viel. 

Die Serie will Tiefgang und vergisst dabei, die Sauerstoffflasche aufzusetzen. Die Stimmung ist erdrückend. Zu gewollt ist die Dunkelheit.

Der Anspruch der Macher, dass sie die Lebensrealität Heranwachsender abbilden, kann im Ansatz stimmen. Denn tatsächlich machen viele Menschen schon im Teenageralter belastende oder traumatisierende Erfahrungen, die von ihrer Umwelt nicht immer entsprechend wahr- oder ernstgenommen werden. 

Suizid - Hilfe in scheinbar ausweglosen Lebenslagen

Kreisen deine Gedanken darum, dir das Leben zu nehmen? Rede mit anderen Menschen darüber. Per Chat, Telefon, E-Mail oder im persönlichen Gespräch. Hier findest du - auch anonyme - Hilfsangebote in scheinbar ausweglosen Lebenslagen.

"Tote Mädchen lügen nicht" bietet diesen Menschen keine Lösungsansätze, keine Perspektive – sondern weidet sich lediglich an ihrem Elend. 

Einzig positiv ist, dass die Macher in dieser Staffel auf explizite Gewalt- und Vergewaltigungsszenen verzichtet haben. Denn laut Medienpsychologe Yannic Meier sei es nur dadurch möglich, dass Menschen von den Themen der Serie weniger mitgenommen werden. "Wenn man sich sehr stark in einen Charakter einfühlt, dann wird man vermutlich auch die Gewaltszenen gegenüber der Figur intensiver erleben und mitleiden", sagt er. "Je realistischer die Darstellung, desto wahrheitsgetreuer ist die Verarbeitung im Gehirn. Wenn Ereignisse abstrakter dargestellt wird, kann das die Effekte abmildern."

Ein Happy End ist trotzdem wohl kaum in Sicht – denn das passt nicht ins Konzept der Sendung. Falls man die vierte und letzte Staffel guckt, sollte man sich also darauf einstellen, dass es für die Figuren nur noch weiter bergab geht. 


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