Und worauf lassen sich die Bewohnenden eines Mini-Traumhauses ein?

Hypegeist

Wie haben sich die Neunziger zurück in unsere Kleiderschränke gemogelt? Und warum tragen gerade alle ihr Handy am Halsband? In dieser Reihe gehen wir der Frage nach, wie es manche Trends geschafft haben, sich durchzusetzen – und was sie über unsere Gesellschaft aussagen.

Heute: "Tiny Houses"

Was ist es?

Ein ganzes Haus auf kleinster Fläche, in dem alles ist, was man zum Leben braucht. Je weniger Quadratmeter, desto beeindruckender ist die meist hochfunktionale und durchdachte Innenausstattung. Die meisten Tiny Houses haben eine Wohnfläche von 15 Quadratmetern (Tiny-Houses). Viele von ihnen sind selbst gebaut und manchmal sogar auf Rädern unterwegs. Ein Zuhause zum Mitnehmen.

Wo sieht man Tiny Houses? 

Hauptsächlich im Internet und Fernsehen. Dort ist es allerdings sehr präsent: Auf Instagram, Netflix, Youtube oder in unterschiedlichen Foren, in denen Tiny-House-Bauer und Fans über Baupläne diskutieren und Fotos austauschen. Ja, auch bei Tiny Houses kann man sich stundenlang über energie-autarke Bauweisen oder die noch winzigere Variante auf neun Quadratmetern unterhalten, geeignet für zwei Personen. Mit Cello. 

Im Alltag sieht man die Tiny Houses eher selten – sie sind ja auch leichter zu übersehen als ein Einfamilienhaus oder Wohnblock.

Wer träumt davon?

Alle, die auch auf Camper und Bullis stehen. Menschen mit hohem Flexibilitätsbedürfnis und Freiheitsdrang – oder eben dem kompletten Gegenteil davon. Also Menschen, die sich auch in Aufzügen oder kleinen Badezimmern wohlfühlen. Und die abends zum Soundtrack von "Into the Wild" ihre Axt schleifen. Und alle, die schon den Kinderfernsehanarcho Peter Lustig mit seinem Wohnwagen beneidet haben, als "Löwenzahn" sonntagvormittags lief.

Und natürlich die, für die der Traum vom eigenen Haus ein bisschen zu groß oder zu weit weg ist. Die wert auf einen nachhaltigen und minimalistischen Lebensstil legen und nur so viel besitzen möchten, wie sie wirklich brauchen.

Warum gerade jetzt?

 Julia Susann Helbig ist Expertin für minimalistische Lebensstile und Tiny Houses. Sie promiviert an der Universität Hamburg. "Kleine Häuser oder Kleinsthäuser gab es schon immer", erklärt sie. "Tiny Houses, wie wir sie heute verstehen, sind aber ein Trend, der mittlerweile von den USA in Europa angekommen ist." Dort begann die Tiny House-Bewegung bereits Anfang des Jahrhunderts und wurde insbesondere durch die Finanzkrise 2007 für viele Menschen zur notwendigen Wohnalternative. Dass genau diese Reduziertheit heute so anziehend wirkt, hat unterschiedliche Gründe. Im Moment würden sich mehr junge Menschen kritisch mit materiellen Bedürfnissen und übersteigertem Konsum auseinandersetzen, sagt Julia. "Tiny Living ist nicht nur ein Wohntrend, sondern für viele auch eine Lebensphilosophie."

Man könnte den Millennials wieder einmal vorhalten, dass sie nicht wüssten, was sie wollten und sich mit den winzigen Häusern in eine Idee von Freiheit und Flexibilität stürzen – bloß nicht festlegen, alles unverbindlich und flexibel lassen. Für viele junge Menschen kommt ein eigenes Einfamilienhaus oder eine Eigentumswohnung aber finanziell gar nicht mehr in Frage. "Die Selbstbestimmung und das subjektive Freiheitsgefühl, so leben zu können, wie man es sich wünscht, sind jungen Menschen wichtig. Ein Tiny House kann man individuell an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Das spielt eine genauso große Rolle wie die Gedanken an Mietfreiheit oder Altersvorsorge", erklärt Julia. 

Was muss man beachten, wenn man in ein Tiny House ziehen will?

Vor allem zwei Wörter: deutsche Bauvorschriften. In den USA sei rechtlich schon viel mehr erreicht worden als in Deutschland, sagt Julia: "Hier bilden sich gerade Interessengruppen, die gemeinsam das Baurecht zugunsten dieser neuen Wohnform zu erweitern versuchen", erklärt Julia. Für ein normales Tiny House gelten die jeweiligen Bauvorschriften des zuständigen Bauamts, für die mobilen Tiny Houses auf Rädern gebe es noch keine klaren Regularien, da sie weder Haus noch Fahrzeug sind und damit in eine graue Zone fallen. "Da wird im Einzelfall entschieden", sagt Julia. 

Der Planungsaufwand ist zwar hoch, wer aber Lust hat, sich mit Bauplänen, Baurecht und der deutschen Straßenverkehrs-Ordnung herumzuschlagen, kommt beim eigenen Tiny House voll auf seine Kosten.

Man sollte sich allerdings wirklich sicher sein, ob 15 Quadratmeter Wohnfläche auf Dauer nicht eher klaustrophobische Zustände auslösen. Und sich fragen, ob man auch zu zweit oder als Familie in einem Tiny House leben würde. Falls man nicht schon nach einem Sommer genug hat.

Bleibt der Trend oder verschwindet er?

"Solche Prognosen sind schwierig", sagt Julia. "Sicherlich wird der Trend an sich etwas zurückgehen. Für wen und ob sich diese Wohnform als nachhaltig erweist, muss sich in den nächsten Jahren herausstellen."

Da Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit genau wie die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Altersvorsorge und steigenden Mieten kein Trendthema sondern zentral Fragen sind, werden neue Wohnkonzepte wie die Tiny Houses vielleicht genau so lange Trend bleiben, bis andere Lösungen für diese Probleme gefunden werden.



Fühlen

Hörpornos: "Für Frauen sind Kopfkino und die eigene Vorstellungskraft wichtiger"
femtasy-Gründerin Nina Julie Lepique über Feminismus und Pornografie

Die meisten Klicks im Netz auf Pornos stammen von Männern. Dass sie häufiger reinschauen als Frauen, hat unterschiedliche Gründe. Männer reagieren viel stärker auf visuelle Reize, sie lassen sich durch entsprechendes Bildmaterial leichter sexuell stimulieren (Studie). Und: Die meisten Pornos werden für ein männliches Publikum produziert, auch wenn es Ausnahmen gibt (bento), und seit einiger Zeit auf großen Plattformen mehr Inhalte für Frauen gesucht werden. Trotzdem sind noch immer viele der Filme klischeebeladen, teils frauenverachtend. Ihre Attraktivtät für Zuschauerinnen hält sich also in Grenzen. 

Daran wollte Nina Julie Lepique, 25, etwas ändern und gründete gemeinsam mit ihrem Partner Michael Holzner eine Streaming-Plattform für erotische Hörspiele, femtasy. Die Zielgruppe: weiblich. Statt visueller Stimulation: auditive. 

Das Ganze funktioniert so: Autorinnen und Autoren senden Geschichten ein, diese werden anschließend von der Plattform geprüft und ausgewählt. Die meisten Texte stammen von Frauen. Sprecherinnen und Sprecher vertonen die Texte dann im Anschluss. Um die Geschichten in voller Länge zu hören, muss man einen Zugang erwerben, etwa 13 Euro kostet ein Abo pro Monat. 

Das Konzept ist erfolgreich: Nach einem Jahr zählt femtasy inzwischen über eine Million Plays pro Monat. Und auch die Zielgruppe wird erreicht. Den Großteil der Abonnements schließen Frauen ab, nur etwa zehn Prozent der Käufer sind männlich.