Werther konnte nicht mit Lotte zusammen sein und litt so sehr, dass er sich erschoss. Das ist große Liebe, dachte ich immer als Teenagerin. Er wollte nur die eine und liebte spezifisch, nicht beliebig. Das hat meine Vorstellung von Liebe für die nächsten Jahre bestimmt. Ich wollte nur große Beziehungen – oder gar nichts. One-Night-Stands und Affären gab es für mich nicht.

Einige Jahre später kam Tinder. 

Und als ich mit Mitte 20 nach zwei semi-werthermäßigen großen Lieben das erste Mal Single war, fühlte ich mich wie ein Kind aus einer Ökofamilie, das zum ersten Mal bei McDonald's isst und direkt zum Fastfood-Junkie wird.

Mehr über ​Mira Orlova

Sie ist 26 und kommt aus St. Petersburg. Und sie hat Fragen: Wie beeinflusst das Internet unsere Dates? Sind wir durch Apps wirklich freier geworden – oder nur freizügiger? Haben wir alle bald Roboter-Sex? In ihrer Sexkolumne will sie die Einflüsse des Internets auf unser Liebesleben diskutieren. Weil es in ihren Geschichten um echte Erlebnisse mit anderen Menschen geht, heißt Mira eigentlich anders. Safety first!

Die Anzahl an interessanten Menschen vor und nach der digitalen Revolution ist wohl die gleiche, aber Apps wie Tinder haben sie mir das erste Mal vor Augen geführt: Ein paar Swipes jagen mich durch einen Querschnitt der männlichen Mitte-Berliner zwischen 18 und 30.

Daniel, 29, Schriftsteller. Jan, 21, CEO eines Start-ups. Simon, 19, Tänzer. Männer mit Tigern. Männer mit Sixpacks vor Sportwagen. Selbst wenn nur die Hälfte davon real ist und ich die Männer mit den peinlichen Sportwagen abziehe, bleiben noch verdammt viele.

Nichts war für mich so unterhaltsam, wie Profile anzusehen. Es war wie ein spannendes Buch, das voller echter Charaktere steckte. Ich tinderte im Bus, in der Wanne und im Supermarkt. So kamen schnell 200 Matches zusammen. Irgendwann schrieb ich mit 30 der Männer gleichzeitig.

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Ich kam durcheinander, verwechselte Namen und Berufe, aber das machte nichts. Sie machten es schließlich genauso. Wie ein Glücksspieler, der high von dem Gefühl wird, das ihm die drei Kirschen auf dem Spielautomaten geben, wurde ich süchtig nach Matches.

Nachts träumte ich von den Profilen und auf dem Weg zur Arbeit verteilte ich imaginäre grüne Herzchen unter den Passanten.   Das reichte mir den ersten Monat völlig aus und ich dachte nicht daran, ein Date zu verabreden. Doch die Matches wollten sich irgendwann mit mir treffen.

Ich hatte mich selten so lebendig und leichtsinnig gefühlt
Mira

Ich traf mich zuerst mit Jan, einem jungen Skater aus einem Lichtenberger Hochhaus, mit dem ich zwei Monate über wirklich alles geschrieben hatte: seinen Job als Informatiker, Rapper, Brandenburger Seen und irgendwann unausweichlich über seinen Penis.

Ich hatte noch nie einen One-Night-Stand und musste mich entscheiden: Entweder ihn treffen, obwohl er eindeutig auch Sex suchte, oder den Kontakt abbrechen.

Ich war neugierig. Wir verabredeten uns im Park.

Ich hatte mich selten so lebendig und leichtsinnig gefühlt, wie in diesem Moment, als ich mit der Tram durch die unbekannten, dunklen Straßen in Ostberlin fuhr, um einen völlig fremden Mann zu treffen. Er holte mich von der Haltestelle ab, zitterte leicht bei der Umarmung, wir setzten uns auf Treppenstufen am Wasser und rauchten einen Joint.

Er hatte braune Wuschelhaare, lange Wimpern und stotterte kaum merklich, was ihn in meinen Augen noch symphatischer machte. Ich mochte ihn sofort.

Kurze Zeit später zeigte er mir seine Skateboardsammlung in einer nach Weichspüler duftenden Wohnung, wir schauten vom 15. Stockwerk des Hochhauses über die stumme Stadt und küssten uns. Er war schüchtern und lieb.

Was ist Sex, was ist Liebe? Die Fotografin Karen Rosetzsky beantwortet die Frage in Fotos:
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Ich wollte plötzlich nichts mehr, als mit ihm zu schlafen. 

Wir hatten Sex in bunter Bettwäsche, bis die Sonne aufging. Alles fühlte sich so herrlich fremd an. Als ich nach Männer-Duschgel duftend zwischen den Hochhäusern zurück zur Straßenbahn spazierte und mir die Sonne auf den Rücken schien, drehten sich meine Gedanken von der Nacht. Das war kein Walk of Shame – ich war glücklich.

Ich denke oft an diese Nacht mit dem fremden Jungen zurück. Ein paar Mal habe ich ihn sogar noch getroffen und war ein wenig verliebt – Sex ganz ohne Gefühle ist für mich einfach doch nicht möglich. Aber eine Beziehung mit ihm wollte ich nicht. Ihm ging es genauso.

Also trafen wir uns, solange es sich richtig anfühlte, in dem Wissen: Ohne Tinder wären wir uns nie auf diese Art begegnet.   

Das war kein Werther, klar. Aber ich realisierte, dass es etwas zwischen großer Liebe und Enthaltsamkeit gab, das mir gefehlt hat: das Abenteuer.

Erst diese Vögel-App hat mich vom Lotte-Komplex geheilt und mir dafür die Freiheit der Vielfalt geschenkt. Sex ist nicht das Wichtigste dabei. Sondern: für kurze Zeit in ein unbekanntes Leben einzutauchen. Ich bekam Heißhunger auf neue Menschen und die Welten, die sie mit sich bringen.

Durch Tinder hatte ich Begegnungen mit Männern, die ich nie getroffen hätte, weil sie sich in völlig unterschiedlichen Jobs, Bars und Freundeskreisen bewegen. Ab und zu sehe ich Paare, die sich vom Klamottenstil so sehr unterscheiden, dass sie sich höchst unwahrscheinlich im normalen Leben kennengelernt haben. Ich denke jetzt immer: Klar, die App!

Was passiert, wenn man ein Tinder-Date hat und keinen Sex haben kann, obwohl man unbedingt will, schreibe ich im nächsten Teil meiner Kolumne!  


Sport

So mutig kämpft dieser Spieler gegen den Rassismus im Fußball
Was ist passiert?

Sulley Muntari ist Spieler beim italienischen Fußball-Erstligisten Delfino Pescara. Ende April spielte die Mannschaft gegen Cagliari Calcio, doch für Aufsehen sorgte an diesem Tag nicht der Sport. Die gegnerischen Fans beleidigten Muntari wegen seiner Hautfarbe. Der ehemalige ghanaische Nationalspieler ist schwarz. ("Süddeutsche"/ "FAZ")

Muntari wandte sich an den Schiedsrichter, beschwerte sich immer wieder und wollte nicht weiterspielen. Doch statt die Fans zu stoppen, zeigte der Schiedsrichter Muntari die gelbe Karte. Er verließ daraufhin den Platz. Ein Eklat.