Eigentlich hatte ich das Kapitel Tinder und andere Dating-Apps nach zahlreichen Treffen abgeschlossen. Es ist nicht so, dass ich nur schlechte Erfahrungen damit gemacht habe – eigentlich sogar sehr viele gute. Aber das viele Schreiben und die Dates mit permanent neuen Typen gingen mir irgendwann ziemlich auf die Nerven.

Während ich getindert habe, ist mir allerdings eine Sache aufgefallen: Es gab immer wieder Leute, die angeblich nur nach Freunden suchten. 

Kann das funktionieren über eine Dating-App? 

Meine These: Nein, das funktioniert nicht. Männer-Frauen-Freundschaften funktionieren so schon selten, warum sollten sie dann über eine Dating-App gelingen? Zeit für einen Selbstversuch:

Mit einem komischen Gefühl und einem gewissen Unwillen installiere ich Tinder wieder auf meinem Smartphone. Ich öffne die App, mein Profil gibt es noch und ein paar Karteileichen. 

Es wird Zeit mein Profil zu überarbeiten. Ich schreibe rein: Nur auf der Suche nach Freunden! Ich lösche alle Bilder bis auf eins – ein Profilbild, auf dem ich meiner Meinung nach ganz sympathisch aussehe.

Als nächstes ändere ich meine Einstellungen: Ab sofort suche ich nach Männern und Frauen im Alter von 22 bis 30 Jahren und im Umkreis von sechs Kilometern.

Das erste Profil poppt auf und ich stehe vor der Wahl, nach links oder rechts zu swipen. Etwas sagt mir, dass ich eigentlich jedes Profil nach rechts swipen, also als positiv bewerten sollte.

Es geht ja nur um Freundschaft – also nicht ums Äußerliche, eher um Sympathie und Gemeinsamkeiten. 

Ich will versuchen, meine Vorurteile abzulegen und meinem ersten Eindruck nicht gleich zu vertrauen. Trotzdem muss ich mich wirklich anstrengen, auch die Leute nach rechts zu swipen, die ich unattraktiv finde. 

Mein erstes Match habe ich nach dem dritten Swipe nach rechts, eine halbe Minute später eine Nachricht von Dennis: "Sexfreundschaft auch ok :) ?"

Ich swipe weiter. 

Ab jetzt matche ich fast jeden Typen, bisher noch keine Frau. Ich fühle mich immer noch super komisch dabei, fast jedes Profil nach rechts zu wischen und fange irgendwann an, einfach ganz schnell zu swipen, ohne mir die Bilder wirklich anzusehen.

Und zack: Tinder benachrichtigt mich, dass ich keine Likes mehr habe für diesen Tag. Ich wusste gar nicht, dass das passieren kann. Ich verschiebe weiteres Swipen auf morgen und fange an, mit Felix zu schreiben.

Felix hat sich gerade von seiner Freundin getrennt – das erzählt er mir in der dritten Nachricht. Ich spreche mein Mitleid aus und erzähle ehrlicherweise, dass mir auch gerade erst jemand weh getan hat. Die vierte Nachricht ist ein Angebot zum Kuscheln. Mh.

Der ganz normale Wahnsinn auf Tinder – hier sind die schönsten Anmachsprüche von Männern:
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Letztendlich unterhalte ich mich trotzdem noch ganz gut mit Felix und finde ihn sympathisch – wir haben aber nicht wieder geschrieben. Erster Versuch: Fail. (Und: Es sind mir kaum Frauen begegnet.)

Am dritten Tag ändere ich noch mal mein Profil. 

Ich stelle ein Bild ein, auf dem man mich kaum erkennt.

Ich habe das Gefühl, dass die Anzahl der Matches noch einmal gestiegen ist. Das überrascht mich. In vier Tagen habe ich etwa 100 Matches gesammelt und mein Smartphone steht kaum still. 

Vielleicht hätte ich doch ein bisschen mehr schauen sollen, mit wem ich zumindest auf den ersten Blick etwas gemeinsam haben könnte.

Während ich versuche, Tinder zu bändigen, schreibt mich Lukas an. Wir schreiben auf Englisch – wie sich später rausstellen soll, spricht Lukas eigentlich perfektes Deutsch. Tinder-Klassiker. Lukas fragt, was ich mit stinknormalen oldschool Freunden unternehme.

Ich antworte super kreativ: Was trinken gehen?

Wir schreiben zwei, drei Tage hin und her, bis wir uns tatsächlich spontan an einem Freitagabend in einem Pub treffen. Was soll ich sagen?

It’s a match! Freundschaftlich. 

Wir verstehen uns gut und quatschen lange über Gott und die Welt, ohne dass ich zwischenzeitlich denke, er könnte mehr wollen als das. Am Ende des Abends verabschieden wir uns mit einer Umarmung und bleiben in Kontakt.

Ich schreibe weiter mit einigen Leuten, habe aber aufgehört, Matches zu sammeln. Die meisten Unterhaltungen sind belangloser Smalltalk und führen zu nichts. Mit einer Handvoll anderen Leuten verstehe ich mich dafür wirklich gut – darunter endlich auch mit einer Frau.

Laura und ich schreiben fast täglich und erzählen uns gegenseitig aus unseren Leben.

Laura ist glücklich vergeben und sucht laut ihrem Tinder-Profil auch nur nach Freunden. Wir haben vor, uns demnächst auf einen Kaffee oder ein Bier zu treffen. Ich freue mich ehrlich darauf, weil wir bisher total auf einer Wellenlänge sind und uns super verstehen. 

Vielleicht haben wir ja wirklich das Potenzial, Freunde zu werden?
Wo wir gerade dabei sind: Im Quiz erfährst du, was für ein Kumpeltyp du bist:

Meine anderen Gespräche, die sich teilweise einfach nur im Kreis drehen, fahre ich langsam runter und ich nehme mir vor, mich auf Laura und Lukas zu konzentrieren, um dem Ganzen eine echte Chance zu geben.

Nach zwei Wochen freundschaftlichem Tindern stelle ich fest: Es ist verdammt schwer, Freunde über Tinder zu finden - aber vielleicht möglich.

Wer online Freunde finden und sich das Leben nicht unnötig schwer machen will, sollte aber wahrscheinlich trotzdem besser auf andere Apps ausweichen, bei der die Intentionen beidseits von vornherein klar sind. Damit erspart man sich viele Erklärungen und Rechtfertigungen, warum man über eine Dating-App reine Freundschaften sucht.

Tinder ist und bleibt am Ende eben einfach Tinder. Ob ich meine neuen Bekanntschaften am Ende wirklich Freunde nennen kann? Wir werden sehen. Freundschaften brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Tinder fliegt jetzt jedenfalls erstmal wieder von meinem Smartphone. 

Die Personen, die in diesem Text namentlich genannt werden, heißen in Wirklichkeit anders.


Trip

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Doch das Beste ist: Obwohl Riga so viel zu bieten hat, wirkt die 700.000-Einwohner-Stadt nicht überlaufen, sondern ist gemütlich und überschaubar.