Bild: Flickr/Ali Leila
"Schwitzen ist sexy"

60 kleine Gläser mit weißen Tüchern darin stehen umgedreht auf dem Tisch, ordentlich aufgereiht und nummeriert. Hannes hebt eines der Gläser zur Nase, riecht daran. Schnell zieht er den Kopf zurück. "Boah, das geht gar nicht", sagt er. Zu herb ist der Geruch nach Schweiß. Denn in jedem der kleinen Gläser schlummert der Duft eines Menschen, eingefangen in einem Taschentuch.

Was das Berliner Smell Lab auf dem State Festival im Kühlhaus versucht, ist wie Tinder für die Nase. "Smell Me, Smell You" heißt das Experiment – und es beginnt für alle Teilnehmer mit einer Viertelstunde schweißtreibender Aerobic. Denn hier geht es nicht um den Geruch, den wir uns mit Marken-Parfüms und Anti-Stress-Deos geben. Der ganz natürliche Eigengeruch, nach dem Training aus den Achseln abgerieben und in Gläsern konserviert, soll am Ende entscheiden, wo man sein "Ja, ich will“-Kreuz macht.

​Das Smell Lab...

... ist ein Kollektiv von acht Künstlern, Designern und Wissenschaftlern, die sich einmal im Monat treffen, um ihrer großen Leidenschaft zu frönen: dem Riechen. Das Dating-Experiment führen sie zum ersten Mal durch.

88 Teilnehmer haben ihre Duftproben abgegeben.

"Wir alle präsentieren eine sauberere Version von uns selbst in der Welt da draußen", erklärt die 28-jährige Künstlerin Chaveli Sifre die Idee hinter dem Versuch. Das Optimieren unseres Geruchs sei bis zu einem gewissen Grad notwendig und angenehm – seit der Industrialisierung lebten Menschen einfach zu nah beieinander. "Aber wir leben in einer Welt des Fakes. Es wäre schön, wieder zu mehr Natürlichkeit zurückzukehren."

Wann ist der Duft eines anderen anregend? Wann stößt er ab?(Bild: Flickr/Brad Fults)

Noch können die "Geruchs-Enthusiasten" des Smell Lab keine festen Parameter für ein Like oder Dislike nennen. "Wir sammeln die Daten", erklärt Sheraz Khan, der als gelernter Chemiker für einen Parfüm-Hersteller schon Düfte aus Holz extrahierte. "Wir wollen herausfinden, wo die Grenzen liegen – wann ist der Duft eines anderen anregend? Wann stößt er ab?"

Bei 88 Teilnehmern, die bis zu 20 Favoriten ankreuzen durften, wurden an diesem Wochenende 92 Matches generiert.

Mit jedem Spritzer Deo, machen wir es deswegen unwahrscheinlich, vom Richtigen errochen zu werden.(Bild: Flickr/Gregg O'Connell )

Dabei gab es für die wenigsten nur "den einen": Im Schnitt wählten Teilnehmer 20 Prozent der präsentierten Gerüche als potenzielle Partner aus. Meist sei die Auswahl sehr individuell, sagt Khan. "Ich denke, es ist wichtig, welche Düfte du zuvor als angenehm in deinem Leben erfahren hast.“ Ein Ausreißer aber könnte doch Universalität vermuten lassen: Eine Probe bekam gleich elf Matches – mit weitem Abstand mehr als jede andere.

Studien legen nahe, dass für die Partnerwahl entscheidende Duftstoffe Abbauprodukte unseres Immunsystems sind. Sie geben uns auf das erste Schnuppern Aufschluss darüber, wie gesund und wie genetisch ähnlich der andere uns ist. Je unterschiedlicher die Immunsysteme, desto wahrscheinlicher ist das gegenseitige Begehren. Mit jedem Spritzer Deo, den wir am Morgen auftragen, machen wir es deswegen unwahrscheinlich, vom Richtigen errochen zu werden. (Psychology Today)

Wir haben uns bei den Teilnehmern des Geruch-Datings umgehört: Wen oder was kannst du gut riechen?
Adam, 32

Adam kennt nur ein No Go in Sachen Geruch: "Ich kann künstliche Gerüche nicht ausstehen." Lieber ist ihm Eigengeruch, sei er auch stark: "Schwitzen ist sexy." Selbst trägt der 32-jährige Bildungsreferent schon seit einem halben Jahr kein Deodorant mehr auf. Dennoch seien für ihn andere Kriterien bei der Partnerwahl viel entscheidender."Duft steht nicht auf meiner Checkliste, das passiert unterbewusst."

Cristina, 29

Für Cristina ist der beste Geruch der Welt der Duft blühender Orangenbäume. Er erinnert sie an ihre Heimatstadt Barcelona, in der die 29-Jährige nach einiger Zeit im Ausland wieder zurückgekehrt ist. "Ich versuche diesen Geruch für mich selbst in Parfüms zu finden", sagt sie. "Und ja, wahrscheinlich suche ich nach einem ähnlichen Geruch bei Männern." Für Cristina zählt der Geruchssinn bei der Partnerwahl zu den entscheidenden Sinnen: "Ich könnte niemandem so nahe sein, dessen Geruch mir nicht gefällt."

German, 21

Urin in der Straße, Petroleum-Gestank – German, der in England studiert, bleiben vor allem negative Gerüche in Erinnerung. Bei der Partnerwahl sind für ihn Aussehen und ein gutes Gespräch sehr viel entscheidender als der Geruch. "Der kommt an letzter Stelle." Dabei ist der 21-Jährige "besessen" von seiner eigenen Reinheit: Er duscht täglich und trägt oft Deo und Parfüm auf. "Mit Eigengeruch ist für mich unvermeidlich auch Scham verbunden."Gerade das sei für ihn der Grund gewesen, am Experiment teilzunehmen: "Es ist ein netter Ansatz, deinen Geruch schätzen zu lernen."


Julia, 23

Für Psychologie-Studentin Julia ist Geruch ein direkter Draht zu ihren Erinnerungen. "Duft triggert sehr viel bei mir." Wer riecht wie jemand, der ihr bereits sympathisch ist, hat sofort einen Stein im Brett. "Neulich in der Vorlesung wollte ich gleich Freundschaft mit einem schließen, der genau so roch wie ein guter Freund." Das funktioniert natürlich auch umgekehrt: Weckt der Geruch Erinnerungen an schlechte Zeiten und unangenehme Begegnungen, fällt der Mensch für Julia sofort aus dem Beuteraster. Vielleicht ist sie deswegen auch so vorsichtig bei der Wahl ihres eigenen, künstlichen Geruchs: Deo trage sie, aber noch habe sie sich zu keinem Parfum entschließen können. "Ich finde keines, mit dem ich mich identifizieren kann."


Hannes, 33

Hannes hat eben Sorbet gegessen – und möchte es "am liebsten wieder ausspeien". Nachdem der Design-Manager an knapp 60 Gläsern Eigenduft geschnuppert hat, stellt er fest: Er ist wählerisch. Nur bei einer einzigen Probe hat er ein Kreuz für ein mögliches Match gesetzt. Schweiß sowie zu starkes Parfum sind sofortige Ausschlusskriterien. "Ich mag den Geruch nach Kräutern, zum Beispiel nach Salbei, Minze oder Zitronenmelisse“, sagt er. "Die gab es bei uns daheim immer als Tee.“ Was gar nicht geht: CK1-Unisex-Parfum, wie es in seiner Teenager-Zeit angesagt war. "Den Geschmack, den du beim Knutschflecken machen im Mund hattest – den will ich nicht mehr."


Mirela, 30

"Wir trauen uns heute nicht mehr, nach uns selbst zu riechen", sagt Mirela bedauernd. Eigengeruch werde immer mit Gestank assoziiert. "Wir riechen alle gleich, als würden wir eine Uniform tragen. Ich wünschte, wir würden sie ablegen. Denn Geruch kann so viel über einen Menschen verraten." Selbst denkt die Wissenschaftlerin, die auf dem Feld der Biotechnik arbeitet, aber ebenfalls über ein Experiment nach, das Geruch manipuliert: Sie würde gerne als angenehm empfundene Eigengerüche anderer als Deodorants in einem Gefäß bannen. Zum Auftragen zuhause. Das, so hofft sie, könnte den eigenen Geruch vielleicht sogar dauerhaft verändern – auf natürliche Weise.


Barbara, 34

Die Münchnerin spricht Menschen, die gut riechen, gerne Komplimente aus. Frisch, pudrig, aber nicht zu stark müssen die Düfte dafür sein. Bei starkem Schweißgeruch geht sie sofort auf "Sicherheitsabstand". Nur bei ihrem Ehemann hat sie kein Problem damit, selbst wenn er schweißgebadet ist. "Ich glaube schon, dass ich mir ihn auch deswegen ausgesucht habe", sagt sie. Beim Smell-Dating hoffe sie deswegen gar nicht auf einen Treffer, sagt sie. "Das könnte die Familienplanung durcheinander werfen."

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