Bild: Timothy Paul Smith/Unsplash

Millennials sind die erste Generation, die in großen Zahlen von den Scheidungen der Eltern betroffen ist: Erst in den 80er Jahren stieg die Scheidungsrate auf fast 30 Prozent, in den 2000ern dann auf fast 50 Prozent (Statista). Was macht das mit unserer Generation? Und wie beeinflusst einen die Trennungen der Eltern auch noch Jahre später? 

Dr. Claus Koch ist Autor, Psychologe und Leiter des Pädagogischen Instituts Berlin. 

Wir haben ihn gefragt, ob es Spätfolgen haben kann, wenn die Eltern sich trennen, was mit Kindern in dem Moment passiert – und wann es sinnvoll ist, eine Therapie zu machen. 

Dr. Claus Koch beschäftigt sich in seinen Büchern unter anderem mit Kindern und Jugendlichen, deren Rolle in der Gesellschaft und dem Erwachsen-Werden. 

(Bild: Stefan Gelberg)

Herr Koch, was sind mögliche Spätfolgen einer nicht verarbeiteten Trennung der Eltern?

Das sind zum Beispiel Beziehungsstörungen, die sich in Verlustängsten, Bindungsängsten, dem wiederholten Abbrechen von Beziehungen oder übertrieben sexualisiertem Verhalten – wie ständigen One Night Stands – äußern. 

Manche Trennungskinder haben auch Angst davor, später selbst keine guten Eltern zu sein. Ein weiteres Symptom sind Panikattacken, die insbesondere dann auftreten, wenn etwas nicht so klappt, wie man möchte. Sie resultieren aus einem Gefühl der Ohnmacht, das man als Kind oder Jugendlicher bei der Trennung seiner Eltern erlebt hat. Wenn Kinder die Erfahrung machen, dass die Eltern absichtlich etwas entscheiden, was ihnen weh tut, sie aber nichts dagegen tun können, entsteht genau dieses Gefühl: Ganz allein zu sein und nichts gegen das ausrichten zu können, was einen schmerzt. 

Wie sieht es mit Angst aus, zum Beispiel vor Ablehnung?

So eine Angst kann aufgrund der Trennung seiner Eltern auftreten, genau wie ein beschädigtes Selbstwertgefühl. Allerdings sind jede Familie und jedes Trennungskind anders, so dass sich keine pauschalen Aussagen treffen lassen.

Was macht denn eine Trennung der Eltern mit uns Kindern?

Besonders kleine Kinder reagieren vor allem mit starken Verlustängsten auf die Trennung der Eltern, denn wenn der eine geht, könnte ja auch der andere gehen. Außerdem empfinden sie ein Gefühl, völlig übergangen zu werden. Das trifft übrigens auch auf Jugendliche oder junge Erwachsene in einer solchen Situation zu.

Eine große Rolle spielen ja auch Schuldgefühle.

Um die Trennung für sich zu erklären, suchen Kinder häufig die Schuld bei sich. Jüngere Kinder versprechen daraufhin, artig zu sein oder ihr Zimmer aufzuräumen, um diesen inneren Konflikt zu lösen. Das ist ein ganz natürliches Verhalten, das wir alle kennen, wenn etwas Schlimmes passiert ist und wir uns fragen, was wir hätten tun können, um es zu verhindern. Wir suchen die Gründe bei uns, weil wir es uns nicht erklären können.

(Bild: Michał Parzuchowski/Unsplash)

Das klingt nach einem schweren Konflikt. Was macht es mit Kindern, wenn sie dem dauerhaft ausgesetzt sind?

Die meisten Kinder fressen dieses Problem in sich hinein. Wenn sie noch klein sind, versuchen sie, sich auf die Seite des Elternteils zu stellen, bei dem sie sich sicherer fühlen, was völlig normal ist. Ist die Mutter beispielsweise wütend auf den Vater und gibt ihm die Schuld an der Trennung, gibt das Kind ihr recht. Ist es dann beim Vater, der erzählt, dass die Mutter in seinen Augen genauso viel Schuld an der Trennung hat, wird das Kind auch dem Vater zustimmen. 

„Das Kind liebt nach wie vor beide Elternteile. Und es weiß auch, dass es Teil des einen und des anderen ist. Machen sich die Eltern gegenseitig schlecht, kann das verletzend sein.“
Dr. Claus Koch

Junge Erwachsene fühlen sich auch Jahre später deshalb häufig hinters Licht geführt, weil sie merken, dass die Realität anders aussieht, wie von einem Elternteil geschildert wurde. 

Aber tut man Kindern einen Gefallen, wenn man ihnen zuliebe zusammenbleibt? Oder gibt es die gleichen Symptome bei Kindern, die mit dem Konflikt der Eltern aufwachsen und diesem dauerhaft ausgesetzt sind? 

Man macht es sich viel zu einfach, wenn man Trennungskinder immer nur Kinder, die in traditionellen Familien leben, gegenüberstellt und so tut, als gäbe es dort keine Probleme. Kinder, die unter einem Dauerstreit der Eltern aufwachsen, sind den Loyalitätskonflikten, Verlustängsten, Schuld- und Ohnmachtsgefühlen dauerhaft ausgeliefert. Nicht immer ist das Zusammenbleiben der beste Weg.

Wie viele Kinder sind von den Folgen der Trennung der Eltern nachhaltig betroffen?

Psychologinnen wie Mavis Hetherington oder Judith Wallerstein gehen in ihren Langzeituntersuchungen davon aus, dass bis zu 80 Prozent der Kinder eine Scheidung ohne Folgen, die darauf zurückzuführen wären, verkraften. Das liegt meist daran, dass die Eltern gut damit und miteinander umgehen. Bei den restlichen Trennungskindern aber kommt es zu Symptomen, die wohl auf die Trennung ihrer Eltern zurückzuführen sind.

Vergleicht man diese Kinder mit Kindern aus traditionellen Familien, sieht man aber, dass auch Kinder, deren Eltern nicht getrennt leben, ähnliche Symptome aufweisen können. Deshalb liegt der Prozentsatz der Kinder, der wegen der Trennung ihrer Eltern Langzeitfolgen erlebt, nur bei etwa zehn bis fünfzehn Prozent. 

Wann ist es sinnvoll, eine Therapie zu machen? 

Wenn Symptome wie zum Beispiel Verlustängste in starker Ausprägung länger als eineinhalb oder zwei Jahre nach der Trennung der Eltern anhalten oder im Erwachsenenalter plötzlich wieder zum Vorschein kommen, ist es sinnvoll eine Therapie zu machen. Je früher desto besser. Auch als Erwachsener muss man manchmal noch die Trennung der Eltern verarbeiten.

„Gerade zwischen achtzehn und Ende zwanzig passieren so viele wichtige Dinge im Leben. Viele fühlen sich dann zwar frei, aber haltlos.“
Dr. Claus Koch

Gerade dann ist es wichtig, wenn man seine Probleme zum Beispiel mit der Beziehung der Eltern in Verbindung bringen und mit therapeutischer Hilfe lösen kann.

Wie sieht so eine Therapie aus?

Eine solche Therapie umfasst normalerweise mindestens 15 Sitzungen. Wie sie genau abläuft, hängt immer vom therapeutischen Ansatz ab. Aber der entscheidende Punkt ist, dass das Verhältnis zum Therapeuten oder der Therapeutin gut ist und man bereit ist, vor diesem Menschen die Ängste zum Ausdruck zu bringen, die man den eigenen Eltern nie mitteilen und deshalb auch nicht lösen konnte.

So etwas findet man übrigens ganz einfach in einem unverbindlichen Vorgespräch heraus. 

Immer wieder trennen sich Eltern von Kindern, die selbst schon erwachsen sind. Was bedeutet das für die Kinder?

Diese Zahlen haben in letzter Zeit stark zugenommen. Die Eltern trennen sich dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Es ist aber ein großer Irrglaube, dass das den Kindern nichts mehr ausmachen würde – im Gegenteil

„Die Kinder haben das Gefühl, jahrelang einem "Fake" aufgesessen zu sein.“
Dr. Claus Koch

Die Trennung der Eltern kann einen sehr treffen, selbst wenn man schon erwachsen ist. Auch dann bietet es sich an, eine Therapie zu machen, um diese Situation zu verarbeiten, wenn man merkt, dass man lange darunter leidet. 


Streaming

Serien-Etikette: Ab ins Drachenfeuer für alle "Game of Thrones"-Spoiler!
Welch ein mieser Charakter muss in einem Menschen stecken?

Ich leide seit Jahren unter "Game of Thrones". Ich leide, wenn die Sendung nicht läuft, weil ich es kaum erwarten kann, dass sie weitergeht. Ich leide, wenn sie läuft, weil all meine Lieblingscharaktere konstant vom Tod bedroht sind. Aber vor allem leide ich unter anderen Menschen, die ebenfalls "Game of Thrones" schauen.

In unserer globalisierten Welt sind die alten Regeln aufgehoben, nach denen man eine US-Serie oder einen Film auch ein paar Monate nach dem Start gefahrlos ansehen konnte. Jetzt lauert die Bedrohung überall: im Internet. Und mit ihm GIFs, Reaction-Vids und Analysen, die schon Minuten nach einer Sendung online sind.

Ich habe wirklich alles versucht. Browser-Erweiterungen wie "Spoiler Protection 2.0" versprechen, mich durch Zensur zu beschützen. Statt den News über die neueste Folge GoT werden große, rote Quadrate angezeigt, mit der neonfarbenen Warnung "SPOILER WARNING". Andere Apps wie Newpipe setzen darauf, einfach alles auszublenden – außer ein paar abonnierten Channels. Aber selbst die totale Filterblase konnte mich nicht retten.

Ich habe alle ausprobiert. Keines der Filterprogramme hat alle Spoiler erwischt.

Auf irgendeinem Bild, in irgendeiner Nachricht erfährt man, was passiert. Man muss heute schnell sein, im Idealfall sogar Englisch sprechen können und alles sofort gucken, um eine Chance gegen die ehrlose Fraktion der Plappermäuler zu haben.

Hier ist eine unvollständige Liste aller Geschichten, deren Ende mir in der Vergangenheit schon vor dem Schauen verraten wurde: Breaking Bad, Star Wars Episode 8, Game of Thrones Staffel 7, Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (Buch) und aktuell: Captain Marvel.

In unserer Redaktion ist es besonders schlimm. Denn einerseits will man als Medium den gespannt wartenden Menschen nichts verraten, andererseits muss man mit Artikeln zu Filmen und Serien schnell sein, wenn sie jemand wahrnehmen soll. Die wichtige Fan-Theorie zur nächsten Folge oder "Was der Abspann von Marvel-Film bedeutet" wird nur am Wochenende nach dem Erscheinen gelesen. 

Und so rufen bereits informierte Kolleginnen und Kollegen munter Formulierungen für Textpassagen durch den Raum, während man selbst um 8 Uhr morgens einfach noch keine Chance hatte, die aktuelle Folge gesehen zu haben.