Bild: dpa/Britta Pedersen
In unserer Serie "Über-Ich" beantwortet eine Psychologin eure Fragen.
Lisa fragt:

In Berlin sind zwölf Menschen gestorben, noch mehr wurden verletzt. Wahrscheinlich durch einen Terroranschlag. Das ist alles furchtbar – besonders natürlich für die Angehörigen. Trotzdem berührt es mich kaum. Ich lese und schaue die Nachrichten – und fühle nichts. Ich habe deswegen ein schlechtes Gewissen. Und ich verstehe nicht, warum ich so kalt reagiere.

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Ich kann verstehen, dass es dich beunruhigt, dass du angesichts der furchtbaren Vorfälle nichts empfindest. Zunächst möchte ich aber sagen: Du brauchst deswegen kein schlechtes Gewissen haben!

Bei deiner Frage, warum du dich als "gefühlskalt" erlebst, müssen verschiedene Aspekte bedacht werden:

  • Zunächst einmal nimmt jeder Mensch Gefühle unterschiedlich wahr, jeder drückt sie anders aus. Manche reagieren sehr schnell und intensiv emotional, das zeigen sie auch deutlich. Andere erleben sich "kühler" und rationaler.
  • Zudem ist es natürlich situationsabhängig, wie stark man emotional reagiert. Oft berühren uns Situationen besonders, die uns selbst oder nahe Bezugspersonen betreffen. Oder Situationen, die uns an emotional bedeutsame Erfahrungen aus unserer Vergangenheit erinnern.
  • Auch wenn unser Gegenüber sehr emotional reagiert, aktiviert das über die Spiegelneuronen in unserem Gehirn ein "emotionales Mitfühlen". Wenn ich also beispielsweise im Fernsehen eine sachliche polizeiliche Nachricht über die Vorfälle sehe, werde ich in der Regel weniger emotional aktiviert, als wenn ich ein Interview mit einem weinenden Angehörigen sehe.

Wie haben Augenzeugen den Anschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin erlebt? Zum Klicken:

"Ich war vielleicht zwanzig Meter entfernt."
"Weil ich Ärztin bin, dachte ich, dass ich helfen kann und bin hingelaufen."
"Ich habe mich nur darauf konzentriert, wie ich helfen kann und bei einer Frau sofort mit der Wiederbelebung begonnen."
"Ich dachte zuerst, es wäre ein Unfall. Aber bis auf den Lkw habe ich kein anderes Auto gesehen."
"Wir haben heute Abend mit Kollegen Weihnachten gefeiert."
"Danach wollten wir eigentlich über den Weihnachtsmarkt schlendern. Gott sei Dank waren wir gut 20 Minuten zu spät dran."
"Auf der Straße kamen uns Menschen entgegen – aber Panik ist nicht ausgebrochen."
"Alle waren sehr, sehr ruhig."
"Ich wohne in der Nähe und habe sofort Bescheid bekommen. Eine halbe Stunde nach dem Unfall war ich hier."
"Es bot sich ein Bild der Zerstörtheit und Verletztheit."
"Ein Weihnachtsmarkt ist ein Ort der Besinnlichkeit. Ich hoffe, wir können uns trotzdem einen Geist der Offenheit erhalten."
1/12
  • Ein weiterer wichtiger Aspekt: Durch die intensive mediale Berichterstattung und die Häufung der Vorfälle tritt ein gewisser "Gewöhnungseffekt" ein. Eine gewisse innere Distanz und Desensibilisierung kann somit auch als Schutz verstanden werden: ein Schutz vor emotionaler Überforderung. Um unseren Alltag gut zu bewältigen, wäre es ungünstig, wenn wir bei jeder Schlagzeile oder Nachricht intensive Angst oder Trauer empfinden würden. Stell dir einen Arzt vor, der bei jedem verstorbenen Patienten in Tränen ausbricht: Er könnte in seinem Beruf nicht funktionieren.
  • Eine starke emotionale Abstumpfung kann aber auch Zeichen eines Erschöpfungssyndroms ("Burnout") bzw. Depression sein. Dann kommen weitere Symptome hinzu: ein Schwächegefühl zum Beispiel, Interesselosigkeit, Konzentrationsstörungen und Schlafstörungen.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Frage dich also selbst, welche Faktoren in deinen Fall wichtig sind:

Empfindest du dich in verschiedenen Situationen als "abgestumpft“? Und ist das eher untypisch für dich? Kommen vielleicht noch andere der genannten Beschwerden hinzu? Dann kann es sinnvoll sein, einen Arzt, bzw. Psychologen aufzusuchen.

Im Alltag kannst du versuchen, dir bewusst die Zeit zu nehmen: Setze dich innerlich mit den Geschehnissen auseinander, versuche, dich in die Situation der Betroffenen hineinzuversetzen und lasse die damit verbundenen Gefühle zu.

Gefühle kann man jedoch nicht erzwingen. Nur weil du nicht emotional reagierst, ist das nicht gleichzusetzen mit fehlender Solidarität. Und auch kein Grund für ein schlechtes Gewissen!

Im Überblick: Diese Fragen hat unsere Psychologin schon beantwortet

"Oft fühle ich mich erfolglos und allein. Was kann ich tun?"
"Meine Schwiegereltern mögen mich nicht – soll ich sie dennoch besuchen?"
"Meine Oma kommt auch nach zehn Jahren noch immer nicht mit meiner Homosexualität zurecht. Auf Familienfeiern geraten wir immer wieder aneinander – was kann ich tun?"
"Ich liebe meine Tante, aber sie geht an Weihnachten immer total herzlos mit meiner Cousine, um. Was kann ich tun?"
"Jedes Jahr an Weihnachten findet ein Klassentreffen statt. Was kann ich gegen Gefühl tun, dass alle anderen viel mehr erreicht haben als ich?"
"Ich bin überzeugter Vegetarier, will aber den Familienfrieden beim Weihnachtsessen nicht stören. Lasse ich mich auf die Diskussion mit meinen Eltern ein?"
"Meine Mutter sieht nicht ein, dass ich erwachsen bin. –Was soll ich tun?"
"Warum fürchten wir uns so vor einem Terroranschlag, aber nicht vor einem Fahrradunfall?"
"Ich habe Panik, keinen Job zu kriegen – Ist meine Angst berechtigt?"
"Ich verliebe mich zu schnell – was kann ich dagegen tun?"
Mein Studium überfordert mich und lässt mich jeden Tag leiden. Wo sind nur meine Träume und Ziele hin?"
1/12

Today

Lutz Bachmann prahlt mit angeblichen Insider-Infos der Polizei zum Attentat in Berlin
Jetzt nimmt er plötzlich alles zurück.

Der Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt ist noch keine drei Stunden her, da postet Pegida-Gründer Lutz Bachmann folgenden Satz auf Twitter: