Bild: Peter Kneffel/dpa, ARD Montage: bento

Ein blondes Mädchen im 80er-Look erzählt von einer Freundin, die nicht aus dem Ungarn-Urlaub zurückgekehrt ist. In einer Instagram-Story des offiziellen Kanals der Tagesschau.

Komisch – eigentlich sind die Stories meiner abonnierten Kanäle nämlich sehr berechenbar. Täglich skippe ich mich durch Bildreihen, die gefühlt immer nach demselben Schema aufgebaut sind: Tiere, Essen, Wohnungen, Essen, News, Hörsäle, Essen, Joggingstrecken – Ende. Alltägliches. Mein Daumen und die rechte Hälfte des Smartphone-Bildschirms sind mittlerweile eine eingeschworene Allianz um dem Sturm von Momentaufnahmen Herr zu werden.

Bei der Tagesschau-Story verirrte sich mein Finger allerdings auf die linke Seite des Displays.

"Throwback 89" heißt das Projekt, in dem eine fiktive 17-jährige Protagonistin, Nora, vom 19. Oktober bis 9. November täglich aus ihrem Alltag in Rostock im Jahre 1989 vlogt. Wie wäre es wohl gewesen, wenn es zur Wendezeit schon soziale Medien gegeben hätte? Genau das möchte die Tagesschau mit dem Format "Throwback 89" darstellen. 

Laut Marcus Bornheim, Chefredakteur von ARD-Aktuell, sollen die Insta-Stories Menschen unter 35 ansprechen, die den Mauerfall nicht bewusst miterlebt haben. Diese würden rund 70 Prozent der Instagram-Follower ausmachen. (ARD)

Mit meinen 24 Jahren passe ich genau in diese Zielgruppe. Aber kann eine Instagram-Story bei mir das Verständnis schaffen, was die Schule in 13 Jahren nicht hinbekam?

Tatsächlich muss ich zugeben: Obwohl die Dialoge stellenweise etwas steif und abgelesen wirken, macht mich "Throwback 89" nachdenklich. Die Hälfte meiner Familie kommt aus jenem Unrechtsregime, in dem abweichende Meinungen unterdrückt wurden und jeder Nachbar ein potentieller Spitzel der Staatssicherheit war. Mir war schon immer bewusst, dass es mich ohne Mauerfall nicht gegeben hätte. Ich habe mich auch oft darum bemüht, das Lebensgefühl in der DDR zu verstehen. Meistens schaltete ich bei DDR-Geschichten dann aber doch ab, da ich das Thema mit langweiligen Unterrichtsstunden und vollgekritzelten Geschichtsbüchern assoziierte. Mit der Instagram-Story fand ich einen neuen Zugang.

Meine Mutter war, genau wie Hauptfigur Nora, 17 Jahre alt, als die Mauer 1989 fiel. Obwohl sie mir schon oft davon erzählt hat, konnte ich nie wirklich nachvollziehen, wie es sich wohl angefühlt haben muss, als die DDR ihre Grenzen öffnete. Was Jahre lang unerreichbar schien, war plötzlich zum Greifen nah. Wie hat es sich wohl angefühlt, als sie sich nach einer 26-stündigen Busfahrt Richtung Großbritannien endlich auf die Spuren ihrer Idole Morrissey, Madonna und Dave Gahan machen konnte? Wie war es, im Sommer 1990 durch Frankreich zu trampen, wenn man vorher nur die Gartenlaube an der Ostsee und den Thüringer Wald kannte? 

Durch Nora habe ich das Gefühl, mich besser in die Gefühlswelt und das Weltbild, welches meine Mutter damals hatte, hineinversetzen zu können. Es geht nicht nur um Honecker, Gorbatschow und Planwirtschaft, es geht um Liebe, Musik und Zukunftsangst

Filme wie "Sonnenallee", oder "Goodbye Lenin" konnten mir zwar auch schon Einblicke in das jugendliche Leben in der DDR geben – der Alltag in der täglichen Story erweitert meine Vorstellungskraft jedoch auf eine ganz andere Weise. Durch die Integration in ein Medium, das ich täglich nutze, wird das Verfolgen von Noras Schicksal fast schon zur Normalität. Geschichten meiner Mutter und Großeltern, die sich vorher abstrakt und entfernt anfühlten, werden durch die Unmittelbarkeit von "Throwback 89" lebendig.

Wenn ich mich auf die Suche begebe, kann ich die Negativ-Auswirkungen des autoritären Systems auch noch heute in meinem näheren Umfeld beobachten:

Dass meine ostdeutschen Großeltern trotz Rentenalter noch arbeiten müssen und im Rostocker Plattenbau wohnen, während meine westdeutschen Großeltern in einem Einfamilienhaus mit Garten in der Sonne sitzen, war für mich beispielsweise immer normal. Der Grund dafür: Meinem Opa wurde in den Siebzigern an der Rostocker Werft verboten, seinen Meister als Schlosser zu machen, weil er nicht in die SED eintreten wollte. Als die Wende und später die Wiedervereinigung kam, war er auf dem Papier deshalb schlechter qualifiziert als vergleichbare westdeutsche Kräfte. Und da private Altersvorsorge in der DDR ein Fremdwort war, hat er heute weniger Geld zum Leben.

Einer ganz anderen Belastung war mein Urgroßvater ausgesetzt. Er arbeitete zu DDR-Zeiten als Fernfahrer und konnte so sehen, wie das Leben in Skandinavien und Westdeutschland ablief. Durch den Beruf wurde er vermutlich Jahre lang von der Staatssicherheit überprüft und ist wohl auch deshalb heute noch ein sehr schweigsamer Mensch.

"Throwback 89" ist für mich ein erster Schritt, mich etwas zu nähern, was zwar präsent, aber eigentlich nicht greifbar ist. 

Die Story ist ein gelungener Versuch, Geschichte erlebbar zu vermitteln und spricht Menschen wie mich an, die zwar Interesse an der Geschichte ihres Landes und ihrer Familie haben, bisher allerdings Probleme damit hatten, einen wirklichen Zugang zu finden.

Wenn Nora das nächste Mal zwischen den Hörsälen und Joggingstrecken meiner Insta-Stories auftaucht, werde ich mich wieder daran erinnern, dass die offene und demokratische Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, keinesfalls selbstverständlich ist. Denn Alltägliches kommt einem nur so lange normal vor, wie es nicht mit anderem Alltag verglichen wird.



Gerechtigkeit

"Ich habe Hetze so noch nicht erfahren": Das Nürnberger Christkind Benigna über rassistische Anfeindungen

Benigna Munsi hat erst mal keine Zeit. Die 17-Jährige geht aufs Gymnasium und muss noch eine wichtige Hausarbeit fertig bekommen, außerdem ministriert sie in der katholischen Gemeinde St. Bonifaz, spielt Fußball und Oboe. 

Es dauert daher ein paar Tage, bis Benigna für ein Interview bereit ist. Es gibt viel zu bereden, denn seit knapp einer Woche ist sie deutschlandweit bekannt.

Benigna wird als neues Christkind den Nürnberger Christkindlesmarkt eröffnen – und muss nun mit Menschen umgehen, denen das nicht passt.

Vergangenen Mittwoch wurde sie unter sechs Kandidatinnen gewählt (Christkindlesmarkt Nürnberg). Einen Tag später postete der AfD-Kreisverband München-Land Benignas Foto auf Facebook – und fabuliert ein Aussterben der Deutschen herbei: "Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen." 

Auf den Post meldeten sich andere Nutzerinnen und Nutzer, eine überwältigende Mehrheit zeigte sich empört. Politiker schalteten sich ein: Die Nürnbergerin nach ihrem Aussehen abzuurteilen, zeige die "hämische Fratze des Rassismus" der AfD mehr als deutlich (SPIEGEL). Der AfD-Verband löschte den Eintrag wieder.

Doch die Debatte blieb. Benigna hat einen aus Indien stammenden Vater, allein das reichte für die Hetze. Schon 2002 gab es ein Christkind mit spanischen Wurzeln. Damals gab es aber weder AfD noch soziale Netzwerke in ihrer heutigen Größe – die Hasskommentare gab es nur wenige (Nordbayern).