Wie macht man weiter, wenn man das Schlimmste erlebt hat? Kann man die Angst je abschütteln, die einen bei einem Bombenanschlag überfiel? 

Seit mehr als sechs Jahren herrscht in Syrien Krieg, etwa eine halbe Million Menschen sind gestorben, elf Millionen sind auf der Flucht (bento). 

Wir haben drei junge Syrer gefragt, die vor dem Krieg nach Deutschland flüchteten, und sie gefragt: Wie lebt ihr mit der Angst?
Zayd Alhussein Alhilal, 27, Sprachschüler

Wer erzählt hier?

Zayd wurde 1990 in Deir ez-Zor in Syrien geboren. Er studierte in Homs Jura, bevor er im Krieg schwer verletzt wurde. Seit November 2014 lebt er in München und verbrachte einen Großteil des Jahres 2015 im Klinikum Großhadern, wo er viele Male operiert worden ist. Zayd ist verheiratet und hat einen neun Monate alten Sohn. Den Integrationskurs hat er bereits hinter sich. Er absolviert gerade einen Sprachkurs und möchte bald eine Ausbildung beginnen.

Im Krieg habe ich gelernt, was es heißt, immerzu Angst zu haben. 2012 konnte ich aus Syrien flüchten. Ich weiß nicht, wie lange ich diese Angst noch ausgehalten hätte, ohne wahnsinnig zu werden. In Syrien und auf meiner Flucht hatte ich oft Angst, aber es gab einen Moment, in dem ich wirkliche Todesangst spürte. Ich komme aus Homs im Westen Syriens. 2012 gab es dort überall Scharfschützen des Regimes.

Am 2. Mai verließ ich das Haus, um Besorgungen zu machen und bog in eine Straße ein, in der ich keine Scharfschützen vermutete. Plötzlich spürte ich einen scharfen Schmerz – ich war getroffen worden. Ich lag am Boden in meinem Blut und dem Blut eines Freundes, der versucht hatte, mich wegzuziehen. Sie hatten ihm in den Oberkörper geschossen. Er war sofort tot. 

Ich wusste: Entweder ich sterbe hier auf der Stelle, oder die Assad-Schergen nehmen mich mit. Die Gedanken rasten in diesem Moment durch meinen Kopf, aber gleichzeitig war ich vollkommen erstarrt. Ein Mann konnte mich aus der Schusslinie retten. Ihm verdanke ich mein Leben. Danach verbrachte ich Wochen im Krankenhaus, lag im Koma

Auf Krücken flüchtete ich durch halb Europa und wurde immer wieder operiert. Bis heute leide ich unter Schmerzen. Alles Mögliche an meinem Körper ist kaputt. Aber auch in meiner Seele sind Spuren geblieben: dieser Moment des absoluten Ausgeliefertseins, die Furcht zu sterben.

Bild: Youssef Badawi / dpa
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Die Angst macht einen stumm. Lautlos frisst sie sich immer weiter in einen hinein
Zayd Alhussein Alhilal, 27, Sprachschüler

In Syrien habe ich aber auch gelernt, dass es eine Angst gibt, die noch schlimmer ist als die Todesangst: die vor der Folter, vor dem langsamen, grausamen Tod. In Assads Gefängnissen zu landen, bedeutet genau das. 2011 war ich für ein paar Tage in einem dieser Kerker eingesperrt, wurde aber glücklicherweise nach ein paar Tagen wieder entlassen.

Der Angst aber bin ich dadurch nicht entflohen. Sie führt nicht dazu, dass man ständig außer sich ist, weint und schreit. Im Gegenteil. Das Gefühl macht einen stumm. Lautlos frisst es sich immer weiter in einen hinein. Bis heute vergeht keine Woche, in der ich nicht von der Zeit im Gefängnis träume.

Der syrische Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg in Syrien begann im März 2011 mit friedlichen Protesten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Dieser schlug die Aufstände brutal nieder, Tausende wurden in Foltergefängnisse gesperrt. 

Die "Freie Syrische Armee" (FSA) rief zum bewaffneten Kampf gegen Assad auf. Im Chaos etablierten sich bald islamistische Milizen, darunter der "Islamische Staat" (IS), der große Teile Syriens eroberte. Von der FSA blieb fast nichts übrig.

Daraufhin flog ein internationales Bündnis der USA Luftschläge gegen den IS; Russland, der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz unterstützen Assads Armee. Menschenrechtler schätzen, dass bislang Hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr zu Syrien auf bento.

In Deutschland habe ich keine Angst vor Tod und Folter. Dafür empfinde ich eine neue Art von Sorge, die in Syrien keinen Platz hatte: die Angst vor der Zukunft. Vor dem Krieg hatte ich einen Plan, studierte Jura. Jetzt beginne ich wieder bei Null. Meine Träume haben sich verändert. Ich möchte mich zum Medizintechniker ausbilden lassen und dann studieren.

Hier habe ich aber auch wieder glückliche Momente. Ich habe geheiratet, bin Vater geworden. Die Erinnerung an meine Angst begleitet mich jeden Tag, aber ich möchte sie nicht mein Leben bestimmen lassen. Ich habe immer noch Hoffnung.

Ammar Al-Hilal, 18, Schüler

Wer erzählt hier?

Ammar, 18, wurde in Deir ez-Zor in Syrien geboren, Mit 12 beteiligte er sich das erste Mal an einer Demonstration gegen das syrische Regime. Er lebt mittlerweile in München und wird bald seinen Hauptschulabschluss machen. Er träumt davon, Kriegsreporter zu werden, um der Welt von dem, was in Syrien passiert, zu erzählen.

Rauch und Staub umgaben mich. Nichts konnte ich erkennen, keine Häuser, keine Menschen. Ich hörte die Explosionen, aber konnte sie nicht sehen. Gerade hatte ich noch geschlafen, plötzlich fand ich mich im Bombenhagel wieder. Kampfflugzeuge des syrischen Regimes attackierten unser Dorf. In diesen Momenten ist der erste Gedanke immer sofort: Wie geht es meiner Familie? 

Man taumelt durch das Chaos, um irgendwie ein Familienmitglied zu finden. Bei so einem Angriff ist es die Angst um die Angehörigen, die einen erfasst; nicht so sehr die Angst um einen selbst.

Bei einem Bombenangriff verbindet die Angst Frauen, Männer, Kinder und Tiere. Alle flüchten gemeinsam. Die Kinder laufen sofort ängstlich zu ihren Müttern. Deren Verzweiflung ist besonders schlimm anzusehen, denn in diesen Augenblicken können sie ihren Kindern nicht helfen. Selbst Katzen und Hunde suchen nebeneinander Schutz in den Häusern. 2013 wurde das Dorf, in dem wir lebten, fast jede Woche zwei- oder dreimal bombardiert. Ich war 14 Jahre alt.

Zuvor hatten wir ein Jahr lang in Damaskus gewohnt. Obwohl es dort keine Luftangriffe gab, war das eine furchtbare Zeit für mich. Ich hatte dort immer Angst. Von meinem Heimatdorf Mohassan aus war einmal ein Kriegsflugzeug abgeschossen worden. Deswegen waren alle nach Damaskus geflüchteten Dorfbewohner in den Augen des Regimes verdächtig. Viele wurden verhaftet. 

Bild: dpa
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In Syrien sagt man, wenn du verhaftet wirst, verschwindest du hinter der Sonne.
Ammar Al-Hilal, 18, Schüler

In Syrien sagt man, wenn du verhaftet wirst, verschwindest du hinter der Sonne. Du bist dann weg, verloren. Jedes Mal, wenn ein Auto vor unserem Haus hielt, es an unserer Tür klopfte, mich jemand länger als gewöhnlich ansah, zuckte ich innerlich zusammen. Das Viertel, in dem wir lebten, war voller Assad-Anhänger. Die Menschen misstrauten sich gegenseitig. 

Es war unmöglich, über die Wut auf das Regime zu sprechen, oder über die Angst, mit der wir Tag für Tag durchs Leben gingen. Diese Gefühle nicht mit jemandem teilen oder rauslassen zu können, machte mich verrückt. In dieser Zeit begann ich, regelmäßig zu beten, um alles wenigstens für kurze Zeit vergessen zu können.

Im August 2014 beschlossen wir zu fliehen. Kurz vor Sonnenuntergang brach ich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern in Richtung Türkei auf. Von dort aus reiste ich mit Verwandten weiter in die EU. In Mazedonien streiften wir tagelang orientierungslos durch den Wald, tranken und aßen fast nichts. In Ungarn wurden wir für ein paar Tage in ein Gefängnis gesperrt. Unsere Angst war groß, es doch nicht nach Deutschland zu schaffen. Als wir dann irgendwann am Münchner Hauptbahnhof aus dem Zug stiegen, waren wir unendlich erleichtert.

Seitdem ich zwölf bin, herrscht in Syrien Krieg. Die Erinnerung an die Angst ist in mir. Aber sie belastet mich nicht, denn jetzt kann ich endlich darüber reden. Jetzt spreche ich fast jeden Tag über meine Geschichte: Ich erzähle sie meinen Mitschülern, meiner Familie, schreibe darüber. Ich lasse alles aus mir raus und kann dadurch frei sein.

Was verbindet ihr mit Deutschland? Geflüchtete zeigen es uns:
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Hamud Elamlah, 22, Kellner
(Bild: Manuel Stark)

Wer erzählt hier?

Hamud, 22, wurde in Al-Muhasan in Syrien geboren und ging noch zur Schule, als der Krieg in seinem Land anfing. Im Teenageralter kam er als einer der ersten syrischen Geflüchteten nach Deutschland. Ohne Freunde und Verwandte war er gezwungen, schnell Deutsch zu lernen. Nach langem Suchen hat er seine Teenagerliebe wieder gefunden, geheiratet, und zusammen bekamen sie einen Sohn in München.

Eine Bombe war im obersten Stockwerk unseres Hauses explodiert. Alle dort waren tot außer mein älterer Bruder. Wir gruben ihn aus dem Schutt aus. Schwarze Flecken durchzogen seinen Körper. Seine Haut brannte. Splitter hatten seinen Torso durchbohrt. Mehrere Männer versuchten, ihn aus dem Gebäude zu tragen, aber es fühlte sich an, als sei er noch schwerer als sonst. Seine Muskeln verkrampften und er schrie vor Schmerz. Im Garten weinten meine Tanten und Onkel um ihre Kinder. Wenn ich heute an diesen Tag denke, dann klingen ihre Schreie immer noch in meinen Ohren.

Unser Grundstück im Dorf Al-Muhasan war bis zu diesem Tag eine Familienidylle. Es war immer etwas los, immer voll. Wie gewöhnlich besuchten uns Verwandte zum Abendessen oder Tee trinken. Kinder wuselten um die Bäume herum, spielten, lachten, weinten. Die Älteren diskutierten im Grün über Syriens Zukunft, während die Jungen im Wohnzimmer fernschauten. Wir ahnten nicht, dass die syrische Armee unser Haus als Ziel anvisiert hatte. Das ganze Dorf hasste Assad, aber wenige Dorfbewohner beteiligten sich an den Protesten in der Stadt Deir ez-Zor.

Ich war noch ein Teenager. Als die Bombe unser Haus traf, war meine Kindheit mit einem Schlag vorbei.

Ich spürte das erste Mal in meinem Leben Angst. Nicht so eine Angst, die man hat, wenn man von großer Höhe springen muss, oder ungenügend für die Schulaufgabe gelernt hatte. Sondern eine, bei der man Angst um das Leben seiner Familie, Freunde und das eigene hat. Es ist schrecklich nicht zu wissen, was als nächstes passieren wird.

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250 Kilometer trugen wir meinen schwerverletzten Bruder quer durch das Land. In den wenigen Momenten, in denen er nicht vor Schmerzen schrie, bibberte er an seinem ganzen Körper
Hamud Elamlah, 22, Kellner

Würde noch eine Bombe uns treffen? Ich sah das erste Mal, dass mein Vater auch Angst hatte. Er war eher eine ruhige Autorität, sprach wenig. Und er hatte schon in der Vergangenheit Kriege gesehen. Aber nie waren seine eigenen Kinder in Gefahr.

Er redete hastig mit den anderen Erwachsenen und traf eine Entscheidung: Wir müssen unsere Heimat verlassen. Er hatte schon einen Sohn an den Krieg verloren, für einen weiteren sahen die Überlebenschancen schlecht aus. 250 Kilometer trugen wir meinen schwerverletzten Bruder quer durch das Land. In den wenigen Momenten, in denen er nicht vor Schmerzen schrie, bibberte er an seinem ganzen Körper, obwohl es heiß war und die Sonne auf uns hinunter brannte.

Wir kamen in der Türkei an und ein Hubschrauber flog meinen Bruder nach Deutschland. Wenige Zeit später schickte mich mein Vater hinterher. Er wusste, dass ich mich fürchtete und dass der Weg gefährlich ist. Ich war nie zuvor weiter weg von meiner Familie als in der nächst-größeren Stadt. Zu der Zeit hat die Flucht ein Jahr gedauert, nach uns konnten es Geflüchtete in drei Monaten nach Mitteleuropa schaffen.

Heute verstehe ich seine Entscheidung. Ich habe selbst einen Sohn und eine Frau. Ich würde es genau so machen. Meine Familie soll nicht die gleiche Angst verspüren müssen.

Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit der Deutschen Journalistenschule in München entstanden.

Hier kannst du dir das Projekt "Was Angst macht" anschauen.

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