Bild: Screenshot Trailer "Misfits"
Hat Tinder Schuld?

Die Flasche Wein ist geleert, das Gespräch vom Esstisch zum Sofa gewandert – aber Worte sind längst nicht mehr alles, was ausgetauscht wird. Einige Minuten später liegen die Kleider auf dem Boden und zwei Menschen nebeneinander. Küsse und Hände überall, nur ein Kondom fehlt. 

Den Moment haben beide nicht vorhergesehen. Ihn dadurch verderben wollen sie aber auch nicht. Sie nimmt ja die Pille. 

Steffi kennt solche Situationen gut. Die 30-Jährige wohnt in Köln und arbeitet als PR-Beraterin. Sie sagt: "Ich weiß gar nicht, wie oft mir das schon passiert ist.“ Nach einem One-Night-Stand fühle sie sich meistens schäbig, denke: 'Hätte ich das lieber mal gelassen.' Trotzdem lässt sie sich immer wieder zu Sex ohne Gummi überreden. Später verdrängt sie ihre Scham, versucht, nicht mehr daran zu denken. 

Das funktionierte so lange, bis ihr Arzt sagte: Sie haben HPV.

Steffi trägt Humane Papillomviren in sich. Sie werden beim Sex übertragen, wie auch Gonorrhö, Chlamydien oder andere Geschlechtskrankheiten. Und die Zahl der Menschen, die unter solchen Infektionen leiden, ist in Deutschland in den letzten Jahren wieder gestiegen. Norbert Brockmeyer arbeitet als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und leitet das Zentrum für sexuelle Gesundheit an der Uniklinik Bochum. Er sagt: „Wir haben ein Problem – gerade bei jungen Leuten.“

Vor allem Syphilis breite sich zunehmend aus. Noch im Jahr 2000 galt die Erkrankung als nahezu ausgestorben. Seitdem wächst die Zahl der Erkrankungen um jährlich 20 Prozent. 2016 kamen bundesweit 8,5 Syphilis-Fälle auf 100.000 Einwohner, die aktuellen Zahlen erscheinen im März. Besonders betroffen, so Brockmeyer, seien Menschen unter 25. 

Geschlechtskrankheiten in Deutschland

Zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen (STI) gehören Chlamydien, Feigwarzen, Tripper (Gonorrhö) und Syphilis. Die Symptome reichen je nach Krankheit von Jucken und Brennen über eitrige Ausflüsse und Unterleibsschmerzen bis hin zu Geschwüren im ganzen Körper. (Apotheken-Umschau, Bundesgesundheitsblatt 9/2017)

Unbehandelt können einige Krankheiten zu bleibenden Organschäden und bei Frauen zu Unfruchtbarkeit führen.

Ärzten warnen schon länger vor einer Zunahme von Infektionsfällen und mangelndem Bewusstsein, insbesondere bei unter 25-Jährigen. Im Gegensatz dazu war der Trend bei HIV-Infektionen 2016 leicht rückläufig. (SPIEGEL ONLINE)

"Wenn ich jemanden attraktiv finde und er vertrauenswürdig wirkt, denke ich nicht daran, dass er vielleicht Krankheiten mit sich herumschleppt", sagt Svenja. Die 27-Jährige weiß, dass das ein Trugschluss ist. Trotzdem hatte sie in den vergangenen zwei Jahren zwei Mal mit ihr vorher unbekannten Männern Sex ohne Kondom. Sie sollte verantwortungsvoller mit ihrer eigenen und der Gesundheit des anderen umgehe, das ist ihr bewusst. 

Andererseits bin ich auch nicht mit jedem meiner früheren Freunde vor dem ersten Sex zum HIV-Test gegangen. „Was Beziehung ist und was Affäre, kann man ja manchmal gar nicht definieren.“ Wenn sie einigermaßen regelmäßig mit demselben Mann schlafe, nehme sie irgendwann sowieso die Pille. „Vielleicht bestehe ich deshalb nicht immer auf ein Kondom.“

Häufig ist Verhütung nämlich vor allem eins: Schutz vor ungewollter Schwangerschaft. 

Seit die Anti-Babypille die Frau sexuell befreit hat, fühlen sich auch Männer damit zunehmen sicher. Für viele ist es heute normal, dass die Frau hormonell vorsorgt. Und Frauen haben dadurch ein Gefühl von Kontrolle. Dass nicht nur ein Kind, sondern auch Krankheiten ein Leben verändern können, bleibt oft auf der Strecke. 

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Brockmeyer macht dafür auch das veränderte Datingverhalten verantwortlich. "Singles haben heute schneller und häufiger Sex als früher.“ Verlässliche Statistiken dazu gibt es nicht, aber der Arzt will eine Tendenz beobachten. Über Apps wie Tinder würden sich Menschen schneller und häufiger zu Dates verabreden. Dadurch komme es auch häufiger zu Sex. Laut der Bundeszentrale für Gesundheit werden aber nicht mehr Kondome verkauft. 

Was aus einem Moment der Unvernunft folgen kann, musste Steffi am eigenen Körper spüren. Die HP-Viren hat sie sich wahrscheinlich bei einem One-Night-Stand eingefangen. Der Virus ist relativ weit verbreitet, er tritt in 100 verschiedenen Arten auf – und häufig wissen die Betroffenen jahrelang nichts davon. Vor ihrer Diagnose hatte Steffi noch nie davon gehört. 

„Viele Menschen lassen sich erst auf Sexualkrankheiten testen, wenn sie Symptome bemerken“, sagt Brockmeyer. Diese bleiben in 70 bis 80 Prozent aller Fälle sogar aus. Steffi hat bis heute keine, trägt den Virus aber wahrscheinlich schon fünf, sechs Jahre in sich. Schläft sie ohne Kondom mit einem Mann, gefährdet sie auch ihn. 

Ich höre immer wieder von Patienten, die denken, man sehe anderen ihre Infektionen an. Das ist Quatsch.
Norbert Brockmeyer, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten

Laut dem Deutschen Zentrum für Infektionen in Gynäkologie und Geburtshilfe waren in Stichproben von 20-Jährigen rund 20 Prozent mit HPV infiziert. Häufig haben Betroffene keinerlei Beschwerden und wissen deswegen nichts von ihrer Infektion. Bei anderen bilden sich kleine Warzen im Genital- oder Analbereich, sie können nässen und jucken. In den meisten Fällen bleibt die Erkrankung folgenlos, einige Hochrisiko-Typen können allerdings zu Gebärmutterhalskrebs führen. Und nicht nur das. Brockmeyer sagt: "Es gibt jährlich rund 3.000 Todesfälle durch HPV." Nur ein Kondom könne effektiv vor dem Virus schützen.

Lieber den Moment "stören", als krank zu werden.(Bild: Unsplash)

Steffi muss deswegen regelmäßig zur Kontrolle, manche Ärzte raten auch zu einer möglichst frühen Impfung. „Und alles wegen eines One-Night-Stands, an den ich mich nicht mal mehr richtig erinnern kann.“ In Zukunft will sie es nicht mehr drauf ankommen lassen. 

Kondome sind vielleicht unromantisch – HPV- und Syphilis-Tests aber umso mehr.

Fühlen

Falls du einen neuen Job suchst: Dem Exorzismusverband fehlt der Nachwuchs

Die Internationale Vereinigung katholischer Exorzisten hat ein Problem: Heutzutage will niemand mehr Teufel austreiben! Entsprechend fehle der Kirche der Exorzisten-Nachwuchs. Das sagte nun Kapuzinerpater Paolo Carlin, der Sprecher der Exorzisten-Vereinigung, bei einem Treffen in Italien. (Katholisch.de)

Insgesamt würden immer mehr Menschen nach einer Teufelsaustreibung verlangen – aber das Personal fehle.

Allein in Italien suchen demnach jährlich etwa 500.000 Menschen Hilfe bei Exorzisten. Die Vereinigung katholischer Exorzisten hat aber nur 240 Teufelsaustreiber im Land. Und international sind etwa 400 Priester aktiv. 

"Alle Menschen, die zu uns kommen leiden. Doch wir sind zu wenige; die Wartezeiten sind lang", sagt Pater Carlin. Zudem wenden sich viele mittlerweile an Kartenleger, Hexen und Magier. (Euronews)