Bild: imago
Eine Leseprobe aus dem neuen Buch von Kathrin Weßling.

Normalerweise schreibt Kathrin Weßling für bento die Kolumne "Wir müssen reden". Weil gerade ihr neuer Roman "Super, und dir?" erschienen ist, gibt es an dieser Stelle einen Auszug daraus. Im Buch geht es um Marlene, 31, die sehr angestrengt versucht,  ihr Leben, voll im Griff zu haben. Gerade hat ihr Kollege eine Präsentation gehalten, die sie vorbereitet hat - und alles Lob dafür eingesackt. Und Marlene findet das.... 

...naja, lest lieber selbst:
Traurige, schwache Menschen senken den Kopf, sie buckeln, sie kriechen. Aber ich bin keiner von ihnen. Ich halte

mein Kinn hoch und meine Augen nach vorne gerichtet, weil ich stark und schön und stolz bin. So betrete ich den Konferenzraum. Dabei lächle ich selbstbewusst. Meine Körpersprache sagt: Ich gehöre hierher. Es ist gut, dass es mich gibt. Wie schön, dass ich geboren bin. Und dann setze ich mich auf einen der Stühle in der zweiten Reihe und höre zu, wie Stefan die Präsentation hält, die ich vorbereitet habe, wie er das Lob einheimst, das eigentlich mir gilt. Aber wen interessiert’s?

Affiliate-Links. Was ist das?

Wir haben in diesem Text Affiliate-Links gesetzt. Das heißt: Wenn jemand auf einen Link im Artikel klickt, und das Produkt in dem Online-Shop tatsächlich kauft, bekommen wir in manchen Fällen eine Provision. Das hat keinen Einfluss auf unsere Berichterstattung.

Eigentlich loben sie mich, bloß wissen sie es nicht​

Mich sicher nicht, denn so läuft es halt, hier und überall, da bin ich mir sicher. Trotzdem bin ich glücklich. Denn am Ende klatschen alle und beglückwünschen Stefan für seine guten Ideen, seine plausible und kluge Strategie. Eigentlich loben sie mich, bloß wissen sie es nicht, aber das ist egal. Am Ende des Tages werde ich meine Mutter anrufen und sagen: Meine Ideen wurden heute vorgestellt und alle fanden sie sehr gut, ich denke, sie werden das meiste genau so umsetzen. 

Meine Mutter wird nicht verstehen, wovon ich rede und was ich hier überhaupt mache, sie versteht nicht einmal meinen Job-Titel, weil es den in ihrer Jugend, ach, weil es den vor fünf Jahren noch gar nicht gab, aber egal, denn sie wird staunen und sagen, dass das großartig sei und sie ja sowieso immer gewusst habe, was ich so alles drauf- hätte, und schön, Marlene, ich bin so stolz auf dich.

Natürlich werde ich nicht erzählen, was ich wirklich denke und fühle. Ich werde sagen, wie sehr ich mich freue, wie gut es mit Jakob läuft, ist das nicht schön, jetzt muss ich aber schlafen, ich muss morgen – puh! – schon wieder so früh aufstehen. Ich werde neben Jakob liegen und nicht schlafen können, seinem Atem zuhören und ihn für das Geschnarche hassen und dann augenblicklich auch mich für den Gedanken, ihn mit einem Kissen einfach zu ersticken.

Nach der Konferenz schreibe ich eine WhatsApp-Nachricht an Jakob: 

Der dumme Wichser hat seine Ideen als meine verkauft, eines Tages laufe ich hier rein und knalle alle ab. Ich fühle mich so dermaßen verarscht, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Ich wurde seit meiner Geburt verarscht, ich wurde von Kohl verarscht, von der Wiedervereinigung und von der Pille danach, von der Bravo Super Show und Modems und Chatrooms, vom Millennium, dem Euro, Bologna und vom Internet, von Myspace und von Mark Zuckerberg und von Instagram und Smartphones und Tablets, von Praktika und Volontariaten, von Berlin, von der Yoga-Fotze und von den scheiß digitalen Nomaden. 

Ich wurde verarscht, weil alle, einfach alle mir versprochen haben, dass ich nur hart genug zu mir sein muss, nur dünn, fleißig und hübsch genug, nur therapiert und reflektiert genug, nur geil und kinky genug, lieb und cool, gleichzeitig aber auch besonders, dann kriege ich, was ich will, was ich brauche, was mich weiterbringt, was wichtig für meine Persönlichkeitsentwicklung ist.

Denn das haben sie mir doch versprochen, all die Netzwerke und E-Mails, Netflix, Kokain und der Studienkredit, Blogs, Woody-Allen-Filme und Fotoautomatenmomente, & Other Stories, Acne und Twitter, die Unis und das lineare
Fernsehen, Gespräche in WG-Küchen, Rotwein, Drinks mit komplizierten Namen und Gästelistenplätze, meine Lehrer, meine Träume: Alles wird super, wenn ich nur fest genug daran glaube, wenn ich nur oft genug Sport mache und zu geheimen Elektropartys gehe, wenn ich nur genug Facebook-Freunde und Instagram-Follower sammle, wenn ich süße Selfies mache, unter die ich deepe Gedanken schreibe oder schlaue Zitate, wenn ich meinen Bachelor im Ausland mache und für meinen Master in eine andere Stadt ziehe.

Ich bin nie einsam, sondern setze mich nur mit mir selber auseinander.

Ich kriege, was ich will, wenn ich reise, mich selber verwirkliche, in meine Chakren atme und alle sechs Monate
zur Zahnreinigung gehe. Wenn ich einmal die Woche zur Therapie gehe, aber auch nur, weil ich mich selber besser kennenlernen will, nicht, weil ich kaputt oder krank bin. Ich habe keine psychischen Probleme, sondern nur eine leichte Anpassungsstörung, ich bin nicht sauer, sondern
enttäuscht, ich bin nicht am Ende angekommen, sondern stehe am Anfang einer Reise, ich habe mich nicht verloren, sondern erkunde mich bloß selbst. Ich bin nie wirklich krank, mein Körper will mir damit nur irgendetwas sagen. Ich bin nie müde, sondern strenge mich einfach nur sehr an. Ich bin nie einsam, sondern setze mich nur mit mir selber auseinander. Und ich arbeite nicht, sondern verwirkliche mich. Ich bin meistens glücklich, nie alleine und nie  gelangweilt, ich bin nicht zwanghaft, aber ich habe die Kontrolle, ich habe alles im Griff, auf die gute Art, bei der man auch mal loslassen kann.

Und wenn ich mal viel Spaß habe, dann, weil ich mir das gönne, weil ich schließlich nur einmal lebe. Angst habe ich nicht, denn ich bin mutig und wild und meine Gedanken sind frei. Ich liebe mich selbst, aber ich bin nicht arrogant. Ich habe eine Menge Freunde und eine schöne helle Wohnung, die ich mir gerade so leisten kann, was genau einem Drittel meines Nettoeinkommens entspricht, aber darüber redet man nicht. Natürlich fahre ich auch hin und wieder in den Urlaub. Mit meinem Freund, der mich liebt, wie ich bin. Und ich ihn, meistens jedenfalls, denn, klar, wir sind auch immer noch eine Herausforderung füreinander, das schätze ich ja so sehr an ihm und dass er so lieb ist, aber trotzdem dominant, dass er sich selbst verwirklicht, aber natürlich nicht egoistisch ist. Und hübsch ist er natürlich auch.

All das war das Versprechen, die Belohnung für gute Noten, für ein Einskomma-Abi, für das Lächeln, wenn ich schreien wollte, für das Bleiben, wenn ich rennen wollte, für das Durchhalten, wenn ich nur noch schlafen wollte, endlich mal ausschlafen und samstags nicht um zehn durch den Park joggen, aber wer schön sein will ... Mein Körper ist mein Tempel und mein Geist stärker als mein Fleisch. 

Das war doch das Versprechen für das Verständnis und die Nachsicht, für die Rücksicht und die Loyalität, für die Arbeit und den Abschluss, für all die tausend Millionen Momente, in denen ich nicht geschwiegen habe, obwohl ich alles an- zünden, alles abfackeln, alle umbringen wollte. Das war es doch, wofür ich diese verfickte Scheiße durchgehalten habe, warum ich noch da bin und in den Hörer lächle, alles läuft wie geplant, alles gut, nein super. Hier herrscht das Lächeln, die Hoffnung, der Optimismus, hier gibt es keine Angst, kein Scheitern, keine Einsamkeit, hier gibt es nur Selbstverwirklichung bis zur Selbstaufgabe.

Ich hab so furchtbar Angst

Ich hasse all das, das ganze verfickte Erwachsenwerden, von dem nicht mal jemand sagen kann, wann es eigentlich anfängt, weil mich mit achtzehn absolut niemand für er- wachsen gehalten hat – zu Recht. Also entscheidet nicht das Gesetz, wer erwachsen ist, sondern man selbst – durch die Entscheidungen, die man trifft, und die Sätze, die man sagt. "Ich gehe früh ins Bett, morgen habe ich diese Präsentation" – sehr erwachsen. "Ich ernähre mich seit drei Wochen von Lieferando und Wassereis und wäre am liebsten schon gegen zwölf Uhr mittags besoffen" – nicht sehr er- wachsen. Hier unterschreiben, herzlichen Glückwunsch, willkommen bei uns.

Erst als ich mir Blusen bei H&M und ein paar Kleider in Boutiquen gekauft habe, hieß es: "Wie erwachsen du gewor- den bist." Ich habe die Push-Mitteilungen von Spiegel Online aktiviert, und im Café lese ich immer das ZEITmagazin oder das SZ-Magazin, mir egal, diese Reportage letztens, die war echt krass. Das sage ich aber natürlich nicht, sondern dass sie "interessant" war und ich jetzt nicht esoterisch klingen will, wirklich nicht, aber die hat echt was mit mir gemacht.

Ich würde Jakob gerne anrufen und sagen: Ich hab so furchtbar Angst, Jakob. Vor mir, vor allem davor, zuzugeben, wie enttäuscht ich bin. Von einfach allem. Am meisten von mir und von all den Versprechen, die gegeben und gebrochen wurden, von all den Menschen, die gesagt haben, wie vielversprechend ich und meine Zukunft seien. Und, Jakob, ein paar der Versprechen habe ich doch gehalten, nur das eine, das eine große nicht: dass mich die Erfüllung auch nur eines von ihnen glücklich macht. Und dann würde ich heulen und klagen, ich würde jammern und würgen, gähnen und aufgeben, und ich hätte keine einzige Lösung für all das, keine einzige Antwort auf die Frage, die ich selber bin: Warum das alles, was hat das denn für einen Sinn?

Und dabei wäre ich so lächerlich, weil es mir doch so gut geht, weil ich doch alles habe, weil sich eine wie ich nicht beklagt und beschwert, weil ich doch dankbar sein sollte, Namasté.

Stattdessen warte ich nach der Präsentation auf Stefan und klopfe ihm auf die Schulter, toll, wir sind so ein gutes Team, das wird großartig, bis nachher. Ich gehe auf die Toilette, die neben dem Konferenzraum liegt, ziehe mein Telefon aus der Tasche und tippe "Damit das Mögliche entsteht, muss das Unmögliche versucht werden :) (Hermann Hesse)" und mache ein Spiegel-Selfie von mir, und dann poste ich das Bild und den Spruch auf Facebook und Instagram, und dann schaue ich zu, wie die Like-Zahl steigt, ich gucke einfach zu und aktualisiere immer wieder meinen Stream, und je mehr Likes und Herzen und Favs ich kriege, desto ruhiger werde ich, und dann schreibe ich Jakob, dass alles absolut super gelaufen ist. 


Alle Folgen von aus Kathrins' Kolumne "Wir müssen reden":
1/12

Today

In Münster ist ein Auto in eine Menschenmenge gefahren
Dutzende Verletzte. Drei Menschen starben.

In Münster ist am Samstagnachmittag ein Campingbus in eine Menschengruppe in der Altstadt gefahren. Nach Polizeiangaben wurden dabei etwa 20 Menschen verletzt, einige von ihnen schweben offenbar in Lebensgefahr. Zuvor hatten Behörden von 30 Verletzten gesprochen. 

Laut Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) starben insgesamt drei Menschen, darunter auch der mutmaßliche Täter. Er hat sich nach Polizeiangaben im Fahrzeug erschossen. Zunächst war von vier Toten die Rede gewesen.

Wer sind die Opfer?

Eine 51 Jahre alte Frau aus dem Kreis Lüneburg und ein 65 Jahre alter Mann aus dem Kreis Borken – das teilten die Polizei Münster und die Staatsanwaltschaft in einer gemeinsamen Presseerklärung mit.

Wer ist der Täter?

Nach SPIEGEL-Informationen soll es sich um den 48-jährigen Jens R. gehandelt haben, ein selbstständiger Industriedesigner, der nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt lebte. Er soll psychische Probleme gehabt und bereits einen Suizidversuch unternommen haben. (SPIEGEL ONLINE)

Darüber hinaus liegen über den mutmaßlichen Täter und vor allem die Gründe der Tat bislang nur wenige gesicherte Informationen vor. 

Was wir noch wissen:

  • Das Gebiet um den "Kiepenkerl" in der Altstadt war auch am späten Samstagabend noch abgeriegelt. Die Polizei bittet, den Bereich zu meiden
  • Laut den "Westfälischen Nachrichten" untersuchten Sprengstoffexperten noch immer das Auto des mutmaßlichen Täters. Die Polizei hatte nach eigenen Angaben einen verdächtigen Gegenstand gefunden.
  • Der Kiepenkerl ist ein Denkmal, nach ihm sind auch zwei Gaststätten benannt. Die sind bei Touristen und Einheimischen beliebt.
  • Die Polizei geht davon aus, dass die Gefahr gebannt ist. Sie hat nach übereinstimmenden Berichten inzwischen bestätigt, dass sie nicht nach weiteren Tätern sucht.