Unsere Psychologin weiß, was zu tun ist
Malte, 25, fragt:

Ich mache seit drei Jahren eine Ausbildung, die mir viel Spaß macht. Ich bin in wenigen Monaten fertig. Doch seit ich angefangen habe, hat sich mein Party-Verhalten extrem verändert.

Anfangs war ich jedes Wochenende unterwegs, mittlerweile gehe ich auch an ein bis zwei Tagen unter der Woche feiern. Ich bin oft verkatert, weil ich immer, wenn wir ausgehen, viel trinke.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Zudem habe ich sehr oft One-Night-Stands, wache dann in irgendwelchen Zimmern auf. Früher war das einmal pro Monat, mittlerweile habe ich ständig Sex mit fremden Frauen, die ich dann nie wieder sehe.

Ich bin da viel gleichgültiger geworden. Ich habe mehrere Cliquen, damals aus der Realschule noch, aus meinem Ausbildungsbetrieb, aus der Berufsschule. Es ist immer jemand zum Feiern da. 

Wenn nicht, fühle ich mich wie im Entzug. Ich trinke zwar keinen Alkohol, wenn ich alleine bin, merke dann aber immer, dass ich extreme Lust auf Partys habe. Früher habe ich auch mal Indie gehört, heute brauche ich oft Techno, um mich richtig auszutoben.

Es fühlt sich beunruhigend an, dass ich gar nicht genug kriegen kann. Einmal habe ich MDMA probiert und fand es sehr gut. Auch da habe ich Angst, dass ich es beim nächsten Mal nicht ablehnen könnte.

Noch mehr Notfälle? Eure Hilfegesuche – und Kathrins Antworten:
"Oft fühle ich mich erfolglos und allein. Was kann ich tun?"
"Meine Schwiegereltern mögen mich nicht – soll ich sie dennoch besuchen?"
"Meine Oma kommt auch nach zehn Jahren noch immer nicht mit meiner Homosexualität zurecht. Auf Familienfeiern geraten wir immer wieder aneinander – was kann ich tun?"
"Ich liebe meine Tante, aber sie geht an Weihnachten immer total herzlos mit meiner Cousine, um. Was kann ich tun?"
"Jedes Jahr an Weihnachten findet ein Klassentreffen statt. Was kann ich gegen Gefühl tun, dass alle anderen viel mehr erreicht haben als ich?"
"Ich bin überzeugter Vegetarier, will aber den Familienfrieden beim Weihnachtsessen nicht stören. Lasse ich mich auf die Diskussion mit meinen Eltern ein?"
"Meine Mutter sieht nicht ein, dass ich erwachsen bin. –Was soll ich tun?"
"Warum fürchten wir uns so vor einem Terroranschlag, aber nicht vor einem Fahrradunfall?"
"Ich habe Panik, keinen Job zu kriegen – Ist meine Angst berechtigt?"
"Ich verliebe mich zu schnell – was kann ich dagegen tun?"
Mein Studium überfordert mich und lässt mich jeden Tag leiden. Wo sind nur meine Träume und Ziele hin?"
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Ich wünsche mir, dass ich einfach mal einen Abend auf dem Sofa genießen kann. Stattdessen werde ich immer rastloser.

Ich weiß auch nicht, ob ich mit meinen Kumpels darüber reden kann, ob die das verstehen würden. Viele sehe ich eben nur zum Feiern. Ab wann muss ich mir Gedanken darüber machen?

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Lieber Malte,

es scheint, als würdest du dir wirklich ernsthafte Sorgen machen. Ich finde es gut, dass du kritisch über dein Verhalten nachdenkst. An sich ist es ja völlig normal, dass junge Menschen Feiern gehen, um Freunde zu treffen, Spaß zu haben und sich einfach mal gehen zu lassen.

Es wirkt, als wärst du abgestumpft

Du beschreibst jedoch schon ein starkes inneres Verlangen und ein zunehmendes Getrieben-Sein. Und vor allem nimmst du hohe Kosten in Kauf, nämlich einen häufigen Kater und wahrscheinlich auch Leistungseinbußen in deiner Ausbildung, wenn du unter der Woche feiern gehst.

Und auch der Sex mit den Frauen scheint dir nicht viel zu bedeuten. Es wirkt als wärst du schon ziemlich abgestumpft.

Zunächst solltest du dich fragen, was auf emotionaler Ebene hinter deinem Verhalten steckt:

  • Welches Gefühl löst das Feiern in dir aus? 
  • Welche Bedürfnisse befriedigst du damit? 

Möglicherweise gibt es auch Gefühle, die du durch das häufige Feiern vermeidest, zum Beispiel Einsamkeit, Leere, Trauer oder Wut.

  • Wie würdest du dich fühlen, wenn du nicht mehr feiern gehen würdest? 
  • Wovor hättest du Angst? 
  • Was gibt es in deinem Leben, abgesehen vom Feiern, was dir Freude macht?
  • Was müsste an die Stelle des Feierns treten, dass es dir leichter fällt, seltener zu feiern?
  • Womit könntest du die gefühlte Lücke schließen? 
  • Mit welchen Menschen verbringst du auch ohne zu Feiern gerne Zeit?
Möglicherweise bist du einsam oder traurig

Deine Schilderung, dass du immer häufiger und exzessiver Feiern gehst, dabei viel trinkst und nun auch schon Drogen probiert hast, ist ein Hinweis auf eine mögliche Sucht.

Charakteristisch für eine Abhängigkeit ist: ein starkes Verlangen nach der Substanz oder einer Verhaltensweise, Toleranzbildung (es braucht immer mehr, um den gleichen Rauschzustand zu erzielen), Kontrollverlust (darüber, wann und wieviel getrunken wird), und Entzugserscheinungen (z.B. Zittern, Schwitzen, Schlafstörungen).

Aber auch: Abstinenzverlust (es wird weitergemacht, obwohl es bereits zu Schädigungen der Gesundheit oder Problemen im sozialen Umfeld gekommen ist) und Rückzug aus dem Sozialleben (die Substanz oder die Verhaltensweise wird zum Lebensmittelpunkt).

Allein unter vielen: Was macht dich einsam?(Bild: Unsplash)

Stell dir selbst die sogenannten CAGE-Fragen, die einen Hinweis auf eine bereits bestehende Abhängigkeit geben können:

  • C für "cut down": Hattest du jemals das Gefühl, dass du deinen Alkoholkonsum reduzieren solltest?
  • A für "annoyed": Hast du dich schon darüber aufgeregt, wenn andere Leute dein Trinkverhalten kritisieren?
  • G für "guilty": Hattest du wegen deines Alkoholkonsums schon Gewissensbisse?
  • E für "eye-opener": Hast du morgens nach dem Erwachen schon Alkohol getrunken, um deine Nerven zu beruhigen oder den Kater loszuwerden?

Wenn du zwei oder mehr Fragen mit Ja beantwortet hast, ist eine Abhängigkeit wahrscheinlich.

Du solltest dich an deinen Arzt oder direkt an eine Beratungsstelle wenden, um dein Risiko genauer einschätzen zu lassen und Hilfe zu bekommen. Je früher du gegensteuerst, umso leichter wird es sein, wieder ein Maß zu finden, mit dem du langfristig glücklich und gesund bleibst.

Alles Gute für dich!

Deine Kathrin


Future

Welche Note hast du dieses Semester wirklich verdient?

Man kann an der Uni auf ganz unterschiedlichen Wegen zu guten Noten kommen. Nicht einen Text gelesen haben, aber während des Seminars zustimmend Nicken, kann schon viel bringen.