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"Wie auf Speed – nur ohne das Chaos im Kopf"

Ein Feierabendbier hilft, nach dem stressigen Tag abzuschalten. Und mit einer Flasche Wein und einer Freundin ist der Liebeskummer schon nicht mehr so schlimm. Das kann zum Problem werden: Wenn man sich daran gewöhnt, die Tiefpunkte im Leben nur noch mit Alkohol und Drogen durchzustehen.

Genau deshalb ist es auch so schwer, einer Sucht wieder zu entfliehen. Etwa 74.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums (Bundesregierung), etwa 1300 Menschen durch Drogen (BKA).

Es geht aber auch anders. Wir haben mit fünf jungen Menschen gesprochen, die ihre Suchterkrankung hinter sich gelassen haben.

Was hat sich in ihrem Leben verändert? Wie stehen sie den Alltag durch? Und wie fühlt es sich an, rückfällig zu werden?

Tim, 31, Elektroniker: "Meinen Speed-Dealer traf ich noch ein letztes Mal"

"Ich habe 15 Jahre lang Drogen konsumiert. Erst rauchte ich Cannabis, dann wurde ich Amphetamin-süchtig. Später wurde Alkohol zu meiner Ersatzdroge. Ich bin noch nicht sehr lange weg von den Stoffen, seit zwei Jahren clean, seit vier Monaten trocken. Doch schon jetzt hat sich mein Leben deutlich verändert.

„Zurzeit fühle ich mich, als wäre ich wieder auf Speed – nur ohne das Chaos im Kopf.“

Ich bin jetzt viel energiegeladener, komme besser aus dem Bett und erscheine nicht mehr zu spät zur Arbeit. Die Dinge gehen mir viel leichter von der Hand. Schon alltägliche Aufgaben, wie Aufräumen, fielen mir unter Drogeneinfluss schwer. Heute ist das kein Problem. Alles fühlt sich geordnet an.

Von meinem früheren Umfeld, das fast nur aus Drogenkonsumenten bestand, ist niemand mehr übrig. Sie passen nicht mehr in mein jetziges Leben. Meinen Speed-Dealer, der auch ein Freund war, traf ich noch ein letztes Mal, um ihm zu sagen, dass ich nichts mehr kaufen würde. Er fand das toll.

Ich bin definitiv stolz darauf, nichts mehr zu konsumieren. Aber ich schäme mich auch nicht für meine Vergangenheit. Diese Einstellung ist wichtig, denn die Scham treibt einen zurück in die Sucht. Noch wichtiger ist aber, dass man selbst wirklich aufhören möchte."

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Luis, 29, Schulbegleiter: "Ich habe immer Trubel um mich herum gebraucht"

"Alkohol war für mich ein Mittel, Gefühle und Stress auszuschalten. Jetzt, wo ich nicht mehr trinke, nehme ich meine Emotionen viel stärker und bewusster wahr. Das ist toll.

Ich denke auch viel mehr über mich selbst nach. Bevor ich anfing, mich mit meinem Konsum auseinanderzusetzen, bin ich ziemlich unreflektiert durchs Leben gegangen. Ich habe immer Trubel um mich herum gebraucht, mich berieseln lassen und in den Tag gelebt. Heute kann ich mehr Ruhe einkehren lassen.

„Ich verbringe mehr Zeit mit mir selbst, auch wenn ich hin und wieder in alte Muster verfalle.“

Vor einem Jahr besuchte ich zum ersten Mal eine Selbsthilfegruppe. Seither habe ich nichts mehr getrunken, doch bis heute bin ich jede Woche dort. Meistens bin ich einfach nur da und höre zu. Die Regelmäßigkeit tut mir gut, und aus den Erzählungen der Anderen kann ich viel für mich selbst lernen.

Mein Leben ist planbarer geworden, seit ich trocken bin. Ich schaffe mir mehr Struktur im Alltag, liege nicht mehr verkatert im Bett. Und ich habe jetzt ein neues Hobby: Gärtnern."

Jule, 25, Studentin: "Manchmal musste ich am Monatsende 75 Schnapsflaschen entsorgen"

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"Ich bin in ein ziemlich kaputtes Umfeld reingeboren worden. Mein Vater war selbst Alkoholiker, meine Mutter fernseh- und kaufsüchtig. Zwischen 17 und 20 war ich fast durchgehend drauf. Mit zwölf habe ich begonnen zu trinken, später kamen Cannabis und Medikamente dazu.

„Mein Leben drehte sich nur darum, zu konsumieren, ohne erwischt zu werden.“

Manchmal musste ich am Monatsende über 75 Schnapsflaschen entsorgen und mir überlegen, wie viele ich in welchen Container werfe. Ich hatte null Hobbies und keine Ahnung, wer ich bin und was ich kann.

Mittlerweile bin ich seit knapp sechs Jahren trocken. Und so viele Dinge machen mir Spaß! Ich male gerne, mache Sport, treffe Freunde, probiere Sachen aus. Ich habe sogar mein Abitur nachgeholt, als Jahrgangsbeste. Das hätte ich mir früher nie zugetraut. Jetzt studiere ich Psychologie und rede öffentlich über Suchterkrankungen.

Natürlich gibt es trotzdem noch Tiefs in meinem Leben. Aber ich weiß, dass der Alkohol nichts besser macht. Nach meinem Entzug sagten mir die Ärzte: Hätte ich  weiter getrunken, wäre ich ein halbes Jahr später tot gewesen.

Wenn ich ein Verlangen nach Suchtmitteln spüre, frage ich mich deshalb: Willst du sterben? Da ist mir das Leben dann doch zu wertvoll."

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Konstantin, 33, Softwareentwickler: "Man erfindet Geschichten, was es am Abend zu feiern gab"

"Als ich vergangenes Jahr mit verbogener Brille und aufgeschürften Ellenbogen aufwachte, wusste ich endgültig, dass ich etwas ändern muss. Meine Freundin hatte mich nicht in unsere gemeinsame Wohnung mit unserem Sohn gelassen, weil ich so betrunken war. Ich wusste nicht, wo ich schlafen sollte, also legte ich mich in den Keller.  In dieser Nacht wurde mir klar: Entweder gehst du diese Sache an, oder du verlierst deine Freundin und dein Kind.

Ich war total kaputt, hatte mehrere Beziehungen verloren, Schulden angehäuft, mich sozial isoliert. Mein ganzes Leben drehte sich um den Alkohol. Ich trank täglich zwei Flaschen Wein, einen halben Kasten Bier und ein paar Gläser Whiskey und kam manchmal mit Alkoholfahne zur Arbeit.

Dann erfindet man Geschichten, was es am Abend zuvor alles zu feiern gab. Aber man selbst weiß: Da gab es nichts zu feiern, du hast ganz alleine gesoffen.

„Ich bin sehr froh, diesen Lügenapparat nicht mehr aufrechterhalten zu müssen.“

Seit dem Entzug vor einem halben Jahr habe ich nicht mehr getrunken. Ich merke, dass ich aktiver werde: Ich habe wieder Lust, Leute kennenzulernen, Freundschaften aufzubauen. In Konfliktsituationen verhalte ich mich jetzt viel konstruktiver – weil ich meine Probleme nicht mehr einfach wegtrinken kann."

Timo, 32, Student: "Ich bin immer wieder Rückfällig geworden"

"Ich habe ein Aggressions-Problem, das sich durch das Trinken verstärkt hatte. Wenn ich am Wochenende alleine um die Häuser zog, von Kiosk zu Kiosk, prügelte ich mich oft. Manchmal beleidigte ich sogar Polizisten oder Rettungssanitäter, die wegen mir im Einsatz waren. Das brachte mir mehrere Geldstrafen ein. 

Ich bemerke jedes Mal Veränderungen, wenn ich nicht trinke. Ich bin fitter, körperlich wie geistig, und weniger angespannt. Ich bin immer wieder rückfällig geworden. Seit zwei Monaten trinke ich nicht mehr.

„Und vor allem habe ich nicht mehr diese extremen Schuldgefühle.“

Außerdem bin ich ohne den Alkohol weniger reizbar. Im letzten halben Jahr habe ich so die Aggressionen immer besser in den Griff bekommen. Ich lerne, mit meiner Frustration umzugehen – ohne zu trinken."

Wie viel ist zu viel?

Viele Suchtkranke sind zunächst blind war für die eigene Abhängigkeit. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet einen Online-Selbsttest für Suchtgefährdete an. Jule berät auf Ihrer Website und per E-Mail. Viele Suchtkranke finden zunächst schnell und unkompliziert Unterstützung in Selbsthilfegruppen. In Deutschland gibt es davon etwa 7000, mit mehr als 120.000 Mitgliedern. Kontakt zu den Gruppen vermitteln auch lokale Beratungsstellen (BZgA). Die Sitzungen sind offen und kostenlos.

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Falsche Freunde: Weißt du, was diese englischen Wörter wirklich bedeuten?
Ist "bald" auf Deutsch "bald" oder "glatzköpfig"?

Es ist schon so schwer, "echte Freunde" von "falschen Freunden" zu unterscheiden. Und dann kommt auch noch die englische Sprache mit ihrer ganz eigenen Interpretation von "true" und "false friends".

Englisch und Deutsch gehören beide zu einer Sprachfamilie, den germanischen Sprachen. Das hießt, sie haben viele Ähnlichkeiten. 

Gleichzeitig bedienen sich Sprachen immer wieder – seit vielen Jahrhunderten bis heute – bei anderen Sprachen, übernehmen Worte, wandeln aber ihre Bedeutung etwas ab. Das Englische nimmt sich vom Deutschen, das Deutsche vom Englischen, beide vom Lateinischen...

Das ist einerseits praktisch, weil zum Beispiel Deutsche beim Englischsprechen oft losplaudern können - andererseits aber gefährlich, weil viele deutsche und englische Wörter verwandt klingen, aber ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Sowas nennt man dann "false friends", also "falsche Freunde". 

Kannst du "wahre" von "falschen Freunden" im Englischen und Deutschen unterscheiden? Teste dich in unserem Quiz.