"Aha und damit verdienst du dann Geld? Wann denn?"

Von Studierenden kann man halten, was man will. Gerne kann man sie auch hassen. Ich darf das sagen, ich bin selbst Studentin. Wir denken, wir seien die überlegenste Bevölkerungsgruppe der Welt und verstehen im selben Atemzug nicht, dass es absolut nicht okay ist, beim Melden penetrant zu schnipsen. Nimm den verdammten Finger runter, Lisa!

Interessant ist, was Leute von Studenten denken, die absolut keinen Bezug dazu haben. In meiner Familie bin ich die erste Person, die studiert. 

Und die Meinungen darüber gehen, sagen wir mal: auseinander.

Beim Schrottwichteln schenk' ich dir mein Leben

Die 20-jährige Lena erzählt auf Twitter als "Lena blauer Haken" von ihrem selbstempfundenen Loser-Dasein. Im echten Leben studiert sie in Bielefeld und kämpft damit, Texte zu lesen, die länger als 280 Zeichen sind. Hier erzählt sie aus ihrem Alltag voller Pfandflaschen, unangenehmer Familiengespräche und davon, wie man die eigenen Erwartungen gekonnt enttäuscht.

"Lena, was willst du später damit nochmal machen?", "Aha und damit verdienst du dann Geld? Wann denn?", "Und Jura wäre nicht deins gewesen, da kann man doch was draus machen?", sind die Catchphrases meiner Verwandten, und mit "Verwandte" meine ich vor allem meine Mutter. 

Wieso das Kind denn keine Ausbildung macht, ist für sie unbegreiflich. 

Ich hätte so wenig Zeit, weil ich lernen müsse? Selbst schuld! Als sie ihre Ausbildung gemacht habe, habe man noch wirklich schuften müssen. Da durfte man meckern. Da ist man bei meterhohem Schnee auch noch in seinen Sommerschuhen zur Schule gelaufen.

Aber meine Eltern agieren über das Prinzip "Guter Cop, böser Cop", und mein Vater findet alles klasse, was ich mache. Er hat keine Ahnung, was das so genau ist, aber es ist klasse. Klausur bestanden? Klasse! Mit 4,0? Keine Ahnung, ob das super schlecht ist, also klasse! 

Meine zehn Jahre ältere Schwester – ja, ich war ein Unfall – stellt sich mein Leben, geprägt von "O.C., California" und dem "American Pie"-Teil, in dem alle aufs College gehen, so vor: Ich spiele den ganzen Tag Beerpong, schlafe bis mittags und feiere jeden Abend wilde Partys mit meinen Freunden. Und bin sowieso einfach nur sehr, sehr faul

Absolut falsch, denn sie vergisst, dass ich keine Freunde habe. 

Vermutlich hat sie bei ihrem Argwohn auch einfach Angst, dass sie mich irgendwann in ihrem geregelten Leben in einem kleinen Zimmer in ihrem Haus unterbringen muss – seien wir mal ehrlich: Ich studier‘ Geisteswissenschaften, das ist nicht allzu weit hergeholt.

Meine Lieblingsfrage ist allerdings immer noch: "Was willst du eigentlich genau danach machen?" 

Denn so sehr diese Diskussionen auch frustrieren und es mich ermüdet, Umschreibungen für "Naja, irgendetwas schreiben" zu finden – ich hoffe natürlich immer, dass ich nach dem Studium wirklich weiß, was ich später mit mir anfangen soll. Hat bisher nicht geklappt, aber ich bin mir sicher, ich bin nur noch zwei Existenzkrisen, drei Gläser Wein und einmal Weihnachten von der Lösung entfernt.

Neben meinem Vater ist aber auch mein Neffe uneingeschränkt begeistert von dem, was ich so tue. Er ist diese Stimme in meinem Leben, die mich bedingungslos bestärkt. Allerdings ist er auch die Stimme, die verlangt, dass er eine Belohnung bekommt, wenn er Bescheid gesagt hat, dass er auf die Toilette muss. Und die Stimme, die den "Sch"-Laut noch nicht richtig aussprechen kann. 

Für alle anderen bin ich als Studentin immer ein wenig das schwarze Schaf der Familie. Weil ich offenbar nach der Schule keine Lust hatte, etwas "Richtiges" zu werden. Womit man Geld verdient. 

Und das schreibe ich, während ich überlege, wie viele Schokocroissants ich mir von den Pfandflaschen unter meinem Bett kaufen kann.

Aber fast hätte ich den absoluten Lichtblick vergessen: meinen Opa. Immer, wenn ich ihn treffe, fragt er mich, wie viele Leute denn eigentlich in meiner Klasse sind und wann ich immer Schulschluss habe. Das werde ich wohl auch die nächsten Semester herzallerliebst finden und mich ein bisschen weniger ärgern, wenn mich meine Familie für faul hält.

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Gerechtigkeit

Diese Mutter klagt an: Darum kann ein gleichberechtigter Start ins Familienleben nicht funktionieren

Mit 23 bekam Jenna Behrends ihr erstes Kind – während sie Jura studierte, sich zur Journalistin ausbilden ließ und nebenher jobbte. Sie erlebte, was Vereinbarkeit von Beruf und Familie wirklich bedeutete. Und fühlte sich als getrennt erziehende Mutter zum ersten Mal persönlich mit den Schwächen der Familienpolitik konfrontiert.

In ihrem Buch schreibt sie über sich und andere Familien: "Niemand schien mit dem eigenen Konzept wirklich zufrieden. Egal, für welches Verhältnis von Arbeits- und Familienzeit sie sich entschieden hatten." 

Heute ist Behrends 28 und CDU-Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks Mitte in Berlin. Für ihr Buch "Rabenvater Staat" hat sie Familien in ganz Deutschland besucht und prangert an, was im Land schief läuft.

Wir haben mit ihr gesprochen – über eine fiktive Familie, die sich in Deutschland immer noch zwischen Gleichberechtigung und Kinderbetreuung entscheiden muss.

Was ist der größte Unsinn in der deutschen Familienpolitik?

Dass es sich immer noch am Familienbild der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre orientiert: Es gibt einen Ernährer, der das Geld verdient, eine Mutter, die zu Hause bleibt, zwei Kinder und einen Hund. Das Bild hat sich schon lange gewandelt, unser Steuer- und Sozialrecht nicht.