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Die vierte Folge aus dem Leben einer Loserin.

Warum fangen Leute überhaupt an zu studieren? Nicht, dass ich grundsätzlich die Existenz von Universitäten hinterfragen will. Aber Erstis nerven. In den ersten paar Wochen des Semesters sind die Straßenbahnen unheimlich voll, die Seminarräume ebenfalls. Man bekommmt nur einen Sitzplatz auf dem Boden und überall sind motivierte Gesichter.

Dabei bin ich selbst erst im vierten Semester und es ist gerade anderthalb Jahre her, dass ich so anstrengend war. 

Aber warum und wie verändert man sich vom ersten bis zum vierten Semester? Warum fühle ich mich jetzt so anders als damals?

Beim Schrottwichteln schenk' ich dir mein Leben

Die 20-jährige Lena erzählt auf Twitter als "Lena blauer Haken" von ihrem selbstempfundenen Loser-Dasein. Im echten Leben studiert sie in Bielefeld und kämpft damit, Texte zu lesen, die länger als 280 Zeichen sind. Hier erzählt sie aus ihrem Alltag voller Pfandflaschen, unangenehmer Familiengespräche und davon, wie man die eigenen Erwartungen gekonnt enttäuscht.

Im ersten Semester hat man das Gefühl, das Leben geht jetzt richtig los. Man denkt, man sei eine coole Studentin – ein Status, mit dem man sich irgendwie besser fühlt. Man kann ab jetzt nicht nur jedes Wochenende auf Partys gehen, nein, sogar in der Woche gibt’s welche! Vielleicht lädt man sich sogar Jodel runter (tut es bitte nicht), um sich mit allen anderen darüber zu freuen, wie cool es ist, zu studieren.

Man stellt es sich so vor: Man wird mindestens 100 neue Leute kennenlernen und in irgendeiner supercoolen Clique landen, die sich samstags auf einer Wiese im Park trifft, ein wenig zusammen lernt, aber sonst nur das Leben genießt. Kurz: Man hofft und träumt.

Ich war in den vergangen anderthalb Jahren auf genau einer Studentenparty und habe gemerkt, dass ich nicht mit lauter fremden Besoffenen Flunkyball spielen möchte. Ich kann sowieso kein Bier exen.

Es ging ja gut los: Die Erstiwoche war die erste Gelegenheit, neue Freunde zu finden – schon am ersten Tag hatte ich ungefähr 15 Handynummern eingespeichert. Geredet hab ich mit niemandem je wieder ein Wort, naja schade. Aber nachdem eine jener Personen annahm, die kleine Stadt, aus der ich komme, sei ein eigenes Bundesland, war das auch okay für mich.

Letztens habe ich mich dabei ertappt, es nicht mehr ganz so cool zu finden, Studentin zu sein

Ich lag an einem Donnerstagmorgen im Bett und musste mich zwingen, noch bis elf zu schlafen. Weil ich erst spät Uni hatte und nicht wusste, was ich mit meiner Zeit anfangen sollte. Ich war regelrecht genervt davon, "schon" um zehn Uhr wach zu sein. Weil ich das ja gar nicht hätte müssen. Darauf folgte eine kurze Identitätskrise: "Wie dumm ist es zu studieren? Manche Leute stehen jeden Tag um fünf auf. Ich gehe da heute um zwölf hin, mit dem Hauptgrund, etwas in der Mensa zu essen. Und selbst das finde ich anstrengend."

Das hielt aber nur kurz an. Bin dann wieder eingeschlafen.

Vielleicht ist meine Genervtheit auch nur Neid. Denn für die ganzen Studienanfänger ist es okay, sich zu verlaufen, nicht zu wissen, wo man sich in der Mensa anzustellen hat oder dumme Fragen zu stellen. 

Ich lebe inzwischen mit der Gewissheit, dass ich einiges niemals wissen werde. Und dass es mich vielleicht meinen Bachelor kostet, nur weil ich mir nicht mehr die Blöße geben will, etwas zu fragen, bei dem ich in der Orientierungswoche nicht aufgepasst habe.

Dafür bin ich froh, einiges gelassener zu sehen. Ich weiß noch, wie eine Tutorin uns im ersten Semester erzählte, wie lächerlich es sei, in der ersten Woche wirklich in die Uni zu gehen. Wir waren alle so: "WAS?! Aber, aber das geht doch nicht! Das ist doch wichtig!“ 

Breaking News: Ist es nicht.

Manchmal bin ich mir nicht sicher, was ich in der Uni überhaupt schon gelernt habe. Aber eines mit Sicherheit: Wann etwas wichtig ist und wann nicht. Entgegen der Meinung vermutlich aller Dozentinnen und Dozenten ist es manchmal viel hilfreicher, wenn man nicht zu einer Veranstaltung geht, aus der alles Eins-zu-eins hochgeladen wird. Manchmal sogar mit Audioaufnahme der Vorlesung. 

In einer Veranstaltung war ich kein einziges Mal. In der Klausur wusste ich auch erst, nachdem ich die Aufgaben bekommen habe, dass ich wirklich im richtigen Raum war – aber hey, dank Audioaufnahmen lief trotzdem alles bestens. Digitalisierung, klasse! 

Vielleicht ist das Problem auch meine allgemeine Abneigung gegenüber motivierten Menschen. Dass die Erstis alle wirklich Bock haben, sich morgens eine halbe Stunde, bevor die Veranstaltung überhaupt losgeht, in die erste Reihe zu setzen – MacBook aufgeklappt, Geodreieck und fünf Marker im Eastpack-Federmäppchen bereit: "Sorry, ich kann in dieser sonst komplett freien Reihe nicht aufrücken, ich warte auf meine Freundin Ann-Christin."

Aber wir waren alle mal so und das legt sich wieder. Irgendwann werden die schon an meinem Punkt ankommen. 

Ob das so gut ist, weiß ich nicht mal. Vielleicht wäre es besser, man gehört zu diesen Ausnahmen, die bis zur Bachelorarbeit durcharbeiten, niemals was verpassen und trotzdem ein blühendes Sozialleben haben. Aber das seh ich zumindest für mich nicht.

Wichtig ist mir, dass die Straßenbahn wieder leerer wird.


Gerechtigkeit

Warum es Millennials schlechter geht als ihren Eltern
Immer weniger junge Menschen schaffen den Aufstieg in die Mittelschicht.

Wir gelten oft als eine Generation, die etwas ganz anderes will vom Leben als ihre Eltern – die sich mehr um die richtige Work-Life-Balance kümmert, statt auf ein Eigenheim zu sparen. Für mehr Sinn im Job stecken wir bei der Bezahlung eher zurück, um uns selbst erstmal zu finden, schieben wir die Familienplanung hinaus.

Das alles geschieht aber nicht ganz freiwillig. Denn entgegen dieser Vorurteile sind Millennials durchaus leistungsorientiert und wollen erfolgreich sein. Doch einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge wird es für uns immer härter, den Lebensstil unserer Eltern auch nur ansatzweise zu erreichen. 

Unter 30-Jährigen gelingt es demnach immer seltener, in die Mittelschicht aufzusteigen.

Während unsere Eltern sich noch ein Haus im Grünen leisten konnten, sind wir froh, wenn wir unsere winzige Stadtwohnung bezahlen können. Obwohl wir oft besser ausgebildet sind, verdienen wir nicht mehr. Gleichzeitig steigen unsere Ausgaben. So wird der Traum vom sozialen Aufstieg für unsere Generation zunehmend ungreifbarer.

Die OECD-Studie mit dem Titel "Under Pressure: The Squeezed Middle Class" untersucht den Anteil der 20 bis 29-Jährigen mit mittlerem Einkommen zu verschiedenen Zeitpunkten in 36 Industrienationen sowie Südafrika, China, Russland und Brasilien. Mittelschicht ist, wer zwischen 75 und 200 Prozent des nationalen Medianeinkommens verdient.

Bei unseren Eltern, den Babybommern, gehörten noch 68 Prozent in diesem Alter zu einem Mittelschicht-Haushalt. Bei den Millennials sind es heute nur noch 60 Prozent. In Deutschland liegt der Wert mit 71 und 61 Prozent nur knapp über dem OECD-Durchschnitt.

Die Forscher sehen dafür drei Gründe:

  • Zum einen sind mittlere Einkommen trotz Wirtschaftswachstum um ein Drittel weniger gestiegen als die Durchschnittseinkommen der oberen zehn Prozent.
  • Zum anderen sind die Kosten des für die Mittelschicht typischen Lebensstil gestiegen. Dazu gehört in vielen Ländern, ein eigenes Zuhause zu besitzen. Doch die Hauspreise sind in den letzten zwei Jahrzehnten dreimal so schnell gestiegen wie das mittlere Einkommen der Haushalte. Auch steigende Preise machen es immer schwerer zu sparen. Mehr als jeder fünfte Haushalt mit mittlerem Einkommen gibt mehr aus, als er verdient. Die Überschuldung ist höher als für Haushalte mit niedrigem oder hohem Einkommen.
  • Als dritten Grund nennen die Forscher unsere Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. "Die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt sind immer unsicherer geworden: Jeder sechste Arbeitnehmer mit mittlerem Einkommen hat einen Arbeitsplatz mit einem hohen Automatisierungsrisiko."

Die OECD fordert die Politik nun auf, der Mittelschicht mit einem umfassenden Aktionsplan zu helfen.