Wie sich Opfer von "Stealthing" fühlen und wie es juristisch einzuordnen ist

Es war ein kalter Samstagmorgen im Februar und Isabell* eilte beschämt zur Apotheke, um sich die Pille danach zu kaufen. "In meinem Kopf war nur der Gedanke: 'Aus so einer Situation will ich sicher kein Kind bekommen'", erzählt die 23-Jährige heute. Denn sie war an diesem Februartag Opfer von Stealthing geworden.

Was wie ein neuer Internet-Trend klingt, ist tatsächlich ein sexueller Übergriff: Ein Mann entfernt heimlich und ohne das Einverständnis der anderen Person während des Geschlechtsverkehrs das Kondom. Oft sind Frauen die Betroffenen, es kann aber Menschen jedes Geschlechts treffen.

"Stealth" bedeutet so viel wie "Heimlichkeit" oder "List". Die Bezeichnung Stealthing wurde von der US-amerikanischen Rechtsanwältin Andrea Brodsky geprägt, die 2017 eine Studie zu dieser Form des sexuellen Übergriffs veröffentlichte. Interviews mit Betroffenen zeigten, dass viele das Erlebnis als "schlimme Verletzung ihrer Würde und Autonomie" erlebten. Brodskys Ziel: diese Form des sexuellen Missbrauchs auf juristischer Ebene als Straftat zu etablieren.

Die Anwältin ist eine der ersten, die Stealthing juristisch aufgearbeitet hat. In Deutschland ist das Delikt nicht in den Kriminalstatistiken abgebildet, es gibt keine genauen Zahlen. Nur Erzählungen von Einzelfällen wie Isabell.

An einem Freitagabend traf Isabell Adrian* zufällig in einem Club, erzählt sie. Die beiden kannten sich schon länger. An diesem Abend gingen sie spontan noch zu Isabell nach Hause, um miteinander Sex zu haben. Adrian verhielt sich befangen, als es zum Thema Kondome kam – sie würden für ihn "nicht funktionieren". Isabell machte klar: ohne Kondom kein Sex. "Das habe ich ihm ganz deutlich gesagt." Im Verlauf der Nacht änderte Adrian seine Meinung und wollte nun doch Sex haben – mit Kondom. Er lag unter der Bettdecke und gab vor, das Kondom überzuziehen. Erst als Adrian ejakulierte, bemerkte Isabell: Sie wurde getäuscht. Im ersten Moment war sie nur perplex. "Ich konnte auch gar nicht richtig wütend auf ihn sein, weil ich auch nicht so richtig verstanden habe, wie krass das eigentlich ist, was er gerade gemacht hat. Und dann ist man wie in einer Schockstarre."

Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch? Die Rechtsprechung ist sich uneinig

2018 kam es in Deutschland zur ersten Verurteilung aufgrund von Stealthing (bento). Der Täter wurde zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Der Urteilsspruch lautete auf sexuellen Übergriff – nicht auf Vergewaltigung. Auf juristischer Ebene gibt es Uneinigkeiten, wie Stealthing einzuordnen ist. Vincent Burgert, Anwalt für Sexualstrafrecht, sagt dazu gegenüber bento: "Grundsätzlich ist eine Strafbarkeit dann anzunehmen, wenn die sexuelle Nötigung mit einem Eindringen verbunden ist. Damit läge eine Vergewaltigung vor. Andererseits kann juristisch auch lediglich ein sexueller Übergriff angenommen werden, da nur das Abziehen des Kondoms gegen den Willen des Opfers war, jedoch nicht der Geschlechtsverkehr als solches." 

In Deutschland ist es notwendig, ausdrücklich klarzumachen, dass man keinen Sex haben möchte, damit etwas als Vergewaltigung anerkannt werden kann. Anders ist das zum Beispiel in Schweden. Seit 2018 greift hier das "Einverständnisgesetz": Sexualpartnerinnen und -partner müssen dem Geschlechtsverkehr explizit zustimmen (bento). Aus diesem Grund wird Stealthing dort juristisch als Vergewaltigung eingestuft, da der unverhütete Geschlechtsverkehr nicht eindeutig bejaht wurde.

Laut Burgert ist der Nachweis einer solchen Tat aber ohnehin schwierig. Denn in Deutschland gilt die Beweispflicht. Leugnet der Täter den Tatbestand, wird eine Verurteilung schwierig bis unmöglich. Das ist auch einer der Gründe, warum sich Isabell gegen eine Anzeige entschieden hat: "Ich hätte Angst, dass meine Erfahrung abgetan und nicht als Straftat gesehen wird."

Die Folgen sind für die Opfer psychisch und gesundheitlich gefährlich

Eva Jochmann, Beraterin beim "Frauennotruf Mainz", gibt an, dass sich dort erst eine Betroffene gemeldet hat, bei der es ausschließlich um Stealthing ging. Einen Grund sieht sie darin, wie sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft wahrgenommen wird: "Viele Betroffene stellen sich die Frage: 'Habe ich selbst etwas falsch gemacht?' Es braucht eine ganze Weile, um zu sagen: 'Nein, da ist etwas falsch gelaufen und das ist in der Verantwortung des anderen.'" Betroffene empfänden dennoch häufig eine Mitschuld. "Ich habe Angst, dass ich ihm mit einer Anzeige Unrecht tue – was eigentlich totaler Schwachsinn ist", sagt auch Isabell. 

Jochmann berichtet, dass viele Opfer noch lange unter dem Vorfall leiden. Besonders schwer wiege für Betroffene Kontrollverlust und Vertrauensbruch. So beschreibt es auch Isabell: "Dieser Moment, dass ich nicht unter Kontrolle hatte, was mit meinem Körper passiert, ist das, woran ich am meisten zu knabbern habe."

Stealthing kann zudem schwerwiegende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen, wie eine Ansteckung mit HIV, Syphilis, Chlamydien oder eine ungewollte Schwangerschaft. Isabells Arzt hat ihr am selben Tag eine Postexpositionsprophylaxe verschrieben. Sie wird vorgenommen, wenn unverhüteter Geschlechtsverkehr mit einer womöglich HIV-infizierten Person stattgefunden hat. Nach zehn Wochen wird Isabell den letzten Bluttest machen und dann wissen, ob sie frei von HIV und anderen Krankheiten ist. Da der Übergriff noch nicht lang genug her ist, befindet sie sich noch am Anfang der medikamentösen Behandlung. Bis dahin bleibt Unsicherheit – und Ärger: "Ich bin saumäßig wütend auf Adrian. Ich habe 50 Euro in der Apotheke ausgegeben, dafür, dass ich mich jetzt halbwegs sicher fühle. Das hat einen langen Rattenschwanz, bis ich sicher sein kann, dass ich nichts habe."

Zu den strukturellen Hintergründen von Stealthing schreibt Anwältin Andrea Brodsky in ihrer Arbeit: "Man kann erkennen, dass die Überzeugung der Stealthing-Befürworter in einer Ideologie der männlichen Überlegenheit verwurzelt ist, in der Gewalt ein natürliches Recht des Mannes ist." Das feministische Kollektiv "e*vibes – für eine emanzipatorische Praxis" aus Dresden, setzt sich im Rahmen von Workshops und Vorträgen mit Gewalt und Diskriminierung auseinander. Auch Gloria Lust, Pressesprecherin von e*vibes, betrachtet die lückenhafte Rechtsprechung als Teil einer ungerechten Gesellschaft: Sie argumentiert, dass sich Betroffene nicht als Einzelfall betrachten, sondern sich selbst positionieren und in "patriarchale Verhältnisse" einordnen können. Sich dagegen zu wehren, könne Opfern von Stealthing helfen: "Aus der Ohnmacht kann eine Selbstermächtigung und Widerstand entstehen."

Auch für Isabell ist es wichtig, aus dem Gefühl der Ohnmacht herauszukommen. Ihr hat es geholfen, möglichst schnell nach der Tat aktiv zu werden, indem sie Ärztinnen aufgesucht oder mit Freunden gesprochen hat: "Das sind Schritte, die mich wieder ermächtigt haben." Doch auf juristische Hilfe hofft sie nicht.

*Namen geändert


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