Bild: Privat
So geht sie jetzt gegen den Täter vor.

Das Geräusch ihres Handys lässt Merle, 25, aus dem Schlaf schrecken. Mitten in der Nacht bekommt sie eine Nachricht. Das Licht des Displays blendet sie, doch die Buchstaben kann sie trotzdem entziffern: "Irgendwann wirst du mir gehören." In dieser und vielen weiteren Nächten kann sie vor Angst nicht mehr einschlafen.

Seit zwei Jahren hat Merle einen Stalker, er bedroht sie, schickt ihr regelmäßig Pakete. Er bringt sie fast zum Aufgeben. Doch sie beschließt, sich zu wehren und ihn vor Gericht zu bringen.

Als wir uns treffen, sitzt Merle in ihrer Berliner Wohnung und trinkt Kaffee. Sie wirkt gefasst, spricht ruhig über den Tag, an dem sie ihrem Stalker begegnete.

Im Sommer 2017 reist sie quer durch Deutschland und hält Vorträge über Antisemitismus und Geschlechterverhältnisse. Danach spricht sie jedes Mal mit dem Publikum, vernetzt sich mit manchen über Facebook. Auch ihr späterer Stalker schickt eine Freundschaftsanfrage an ihr öffentliches Profil. Miteinander geredet haben sie zuvor nicht. Er schreibt ihr, dass er sich in sie verliebt habe. Bei Facebook sieht sie einen ungefähr 40 Jahre alten Mann, mehr gibt sein Profil nicht her. 

Sie bittet ihn, ihr nicht mehr zu schreiben, doch er macht weiter. Ein Jahr lang bekommt sie daraufhin fast täglich Nachrichten, meistens in der Nacht, irgendwann von unterschiedlichen Profilen, doch jedes Mal erkennt sie ihn. Der Ton ändert sich: Während er anfangs vom Verliebtsein spricht, beleidigt er sie bald als "Fotze" und "Schlampe". 

Merle spricht mit niemanden über ihn, ignoriert seine Nachrichten, hofft einfach, dass es irgendwann aufhört. Ihr Schweigen scheint ihn nur noch mehr anzustacheln, er kommentiert ihre Posts auf Facebook und Twitter, droht, sie zu vergewaltigen und ihren Freund zu verprügeln. "Ich hatte das Gefühl, dass ich überhaupt keine Kontrolle mehr darüber habe, was er über mich schreibt", erzählt Merle.

Beleidigungen wie diese bekam Merle täglich.

Regelmäßig geht sie zur Polizei, zeigt ihn wegen Beleidigung an. 2019 erwirkt sie ein Kontaktverbot. Doch die Polizei schwärzt in einer Anzeige ihre Adresse nicht. Ihr Stalker weiß jetzt, wo sie wohnt.

Die Folgen bekommt Merle schnell zu spüren: "Als ich aus dem Urlaub zurückkam, quoll mein Briefkasten über. Briefe, Zeitungen und Magazine. Er hatte mit einer falschen Email-Adresse Abos für mich abgeschlossen", erzählt sie. Irgendwann folgen Pakete mit Weinkisten, Autoreifen oder einem Hometrainer, die zwar an Merle adressiert sind, die sie aber nie gekauft hat. Er schickt ihr XXL-Kleidung und Dildos – Versuche, sie zu beleidigen, wie Merle glaubt. 

Weil Merle die Pakete nicht so schnell zurückschicken kann, wie sie neue bekommt, melden sich bald Inkassounternehmen. Die Zahlungsaufforderungen häufen sich. Genau wie die täglichen Sendungen in ihrer Wohnung. 

Merle hat jetzt Angst, ins Treppenhaus zu gehen. Angst vor dem Anblick des Briefkastens oder dass er anstatt des Postbotens an der Tür klingelt. Jedes Paket bedeutet für sie und ihre Freundinnen, die sie unterstützen, einen Gang zur Post für die Retoure und eine Anzeige bei der Polizei. 

Was raten Opferhilfen bei Stalking?

Meistens versuchen Stalker, durch Nachrichten, Anrufe oder auch durch Pakete und Briefsendungen die Aufmerksamkeit des Opfers zu bekommen. In vielen Fällen stellen sie ihnen nach. 

Die Opferhilfe vom Weissen Ring e.V. rät, dem Stalker klarzumachen, dass man keinen Kontakt will und ihn konsequent zu ignorieren. Auch mit Freunden und Bekannten zu sprechen, könne eine Entlastung sein. Zudem seien Polizei, Anwälte und Psychologen eine wichtige Anlaufstelle. Um Beweise zu dokumentieren, kann die "No Stalk App" helfen.

Als Merle einmal eine Sexpuppe auspackt, bricht sie zusammen. Nach drei Monaten ist sie an ihrer Grenze, hat Panikattacken. Sie beschließt, zu einer Therapeutin zu gehen und schaltet einen Anwalt ein, der ihr viel von der täglichen Last abnimmt, Pakete zurückschickt und jedesmal eine Anzeige aufgibt. 

"Irgendwann war die Kraft weg und ich war komplett ausgebrannt. Ich bin bei jedem Klingeln zusammengezuckt, habe woanders geschlafen, wenn mein Freund nicht bei mir war", erzählt Merle ruhig, während sie in ihrem Wohnzimmer auf einem alten Holzstuhl sitzt. Neben ihr steht eine volle Weinkiste, die sie nicht zurückschicken konnte, weil der Händler die Retoure nicht akzeptiert. Die Flaschen darin will sie nun aufbewahren – als Siegestrunk, falls sie gegen ihren Stalker vor Gericht gewinnt. Auf Merles rechtem Arm steht "Schwestern, bleibt stark – sie werden fallen". Das Tattoo hat sie sich letztes Jahr stechen lassen. 

Die Sexpuppe, die Merles Stalker ihr per Post schickte.

(Bild: Privat)

Lange versteht Merle nicht, warum der Stalker all das tut. Am Anfang glaubt sie, dass sie sein Ego gekränkt hat. Irgendwann schreibt er ihr, dass sie die Schuld an allem trage, weil sie eine Frau und vor allem Feministin sei.

"Er sieht sich als Opfer in einer Welt, in der Feministinnen vermeintlich den Ton angeben", erzählt Merle. Doch es sind gerade der Feminismus und die Solidarität unter den Frauen in ihrem Umfeld, die ihr helfen, durchzuhalten. Und die ihr zeigen, dass die Anzeigen nicht mehr reichen: Merle entschließt sich, gerichtlich gegen ihren Stalker vorzugehen und ihre Geschichte in den sozialen Netzwerken öffentlich zu machen, um sich und anderen zu zeigen: Dies ist kein Einzelfall.

„Er hat mir ein Jahr meines Lebens genommen, doch mein Problem ist ein gesellschaftliches: Manche Männer denken, sie dürfen sowas mit Frauen machen.“
Merle

Wer wird Opfer von Stalking?

In Deutschland werden jährlich knapp 19.000 Fälle von Stalking polizeilich erfasst (Bundeskriminalamt/Statista). Die Dunkelziffer ist bedeutend höher. Opferhilfen wie der Weiße Ring gehen von 200.000 bis 300.000 Fällen pro Jahr aus (Zeit Online), 80 Prozent der Opfer sind Frauen (Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung). Die meisten Stalker stammen aus dem direkten Umfeld, sind Ex-Partner, Kollegen oder Nachbarn. 

Als Folge des Stalkings leiden viele Betroffene an Schlafproblemen, körperlichen Symptomen wie Magen-Darm-Problemen und Herz-Kreislauf-Störungen oder sogar Suizidgedanken. Viele Betroffene erfahren auch körperliche oder sexuelle Gewalt durch den Täter. Frauen, die von ihrem Ex-Partner gestalkt werden, haben im Vergleich zum Rest der Bevölkerung ein 25-fach höheres Risiko, getötet zu werden. (Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe)

Merles Mut zahlt sich aus: Über einen Link sammelt sie Geld für die Prozesskosten, viele Frauen schreiben ihr, dass sie sich durch die Veröffentlichung ihrer Geschichte gesehen und unterstützt fühlen. Auch eine Soliparty organisiert Merle für sich und andere Stalkingopfer. Die Einnahmen, die nach dem Prozess übrig sind, möchte sie an Frauen in ähnlichen Situationen spenden oder eine Art Opferfonds gründen.

Wie es in Merles Fall weitergeht, ist noch unklar. Statistisch gesehen kommt es nur bei rund einem Prozent der Stalking-Fälle in Deutschland zu einer Verurteilung, dem Täter drohen bis zu drei Jahre Haft. Merles Prozesstermin steht jedoch noch nicht fest. 

Eines weiß sie allerdings schon jetzt: Vor Gericht wird Merle ihrem Stalker nicht alleine gegenübersitzen. Sie wird umgeben von Freundinnen und Unterstützerinnen sein – und dem Mann, der ihr ein Jahr ihres Lebens raubte, hoffentlich zum letzten Mal begegnen.


Uni und Arbeit

Hilfe von der WG-Therapeutin: "Ich habe Angst vor meinem Mitbewohner"
Sie fürchtet sich vor ihm, ausziehen will sie aber nicht.

Charlotte* schreibt:

"Ich wohne seit eineinhalb Jahren in einer Dreier-WG. Vor einem Jahr haben wir bei einem Casting einen neuen Mitbewohner ausgewählt, der perfekt zu uns zu passen schien. Er habe den gleichen Musikgeschmack wie wir, nehme sein Studium ernst und sei aus seiner vorherigen WG ausgezogen, da er allein für den Haushalt verantwortlich gewesen sei, sagte er damals. Mittlerweile sehe ich das ganz anders: Er putzt nie, beschädigt unsere Sachen, wie etwa Kaffeemaschine und Pfannen, hört sehr laut Musik – Deutschrap, nicht Metal wie er uns zuerst erzählte – und zahlt seine Miete immer unpünktlich oder vergisst es. 

Wenn wir ihn darauf ansprechen, wird er laut. Er habe einen Baseballschläger in seinem Zimmer, wenn ihn jemand nerve. Ich traue mich nicht mehr aus meinem Zimmer, wenn er da ist. Ich fühle mich eingeschränkt und will nicht mit einem gewalttätigen Menschen zusammenwohnen.