Bild: Andre Benz/Unsplash

Fast hundert Mal schauen Menschen in Deutschland pro Tag auf ihr Smartphone. (Süddeutsche Zeitung) Ich gehöre dazu. Und wenn ich gerade nicht auf meinem Handy tippe, sitze ich oft genug vor einem anderen Bildschirm. Das Internet ist in meinem Leben immer nur einen Griff und einen Tap oder Klick entfernt.

Muss das sein? Wir haben mit einer Expertin darüber gesprochen, ob Internet eine Sucht sein kann  – und was sie vom langsamen Internet "Slow Web" hält.

Als ich das erste Mal ins Internet ging, surfte man dort noch. Heute wird man von den Wellen beinahe erschlagen, schafft es manchmal nicht einmal, auch nur für wenige Minuten aus dem Wasser zu kommen.

Wir surfen nicht mehr, wir ertrinken manchmal fast.

Endlose Autoplaylists von Videos und Instastorys und ständige Push-Mitteilungen entfernen uns immer weiter von der Gegenwart und unserer Selbstwahrnehmung.

(Bild: Dennis Moore)

Wenn alles zu viel wird, ziehe ich mich ins sogenannte "Slow Web" zurück.

So sieht es dort aus:

Das alles ist "Slow Web". Geprägt hat den Begriff der Autor Jack Cheng (Slow Web). Er erklärt das so:

Mit dem schnellen und langsamen Internet sei es wie mit Fast Food und der Slow-Food-Bewegung, sagt er. Klar kann ich Tiefkühl-Pizza auf der Couch essen, während ich die neuste Staffel meiner Lieblingsserie suchte. Macht mich das satt? Ja. Aber macht mich das auch glücklich? Und schmeckt selbstgekochte Pasta, die ich mit Freunden zusammen an einem schön gedeckten Tisch esse, nicht Hundertmal besser?

Ist das Slow Web das bessere Internet? 

Wir haben die Psychologin Nicole Plinz gefragt. Sie ist Gründerin des Resilienz-Zentrums in Hamburg und therapeutische Leiterin der achtsamen Depressionsbehandlung in der Asklepios Klinik.

Warum sind wir so süchtig nach dem schnellen Internet?

"Wir haben uns an die ständigen Reize gewöhnt", erklärt Plinz. Wenn wir Nachrichten bekommen oder die nächste Instastory abgespielt wird, reagiert unser Gehirn darauf mit einem Belohnungsmechanismus. "Der Inhalt der Nachrichten wird dabei aber vom Erleben der Belohnung entkoppelt", erklärt Plinz.

Lesen wir also eine Push-Mitteilung auf unserem Smartphone, gebe es einen Dopaminschub im Gehirn und unser Belohnungszentrum werde aktiviert. Nach dem Lesen sind wir dann zufrieden.

Wenn nun aber ständig etwas Neues hereinkommt, wird jedes Mal ein Dopaminschub ausgelöst, weil es ja sein könnte, dass es wieder zu einem Gefühl der Zufriedenheit führt.
Nicole Plinz

Irgendwann gehe es nicht mehr um die Nachrichten, sondern nur noch um die Ausschüttung des Dopamins.

Online-Artikel, die man nicht innerhalb von ein bis zwei Minuten lesen kann, sorgen deshalb gewissermaßen für einen kleinen Entzug. Weil nichts Neues passiert und deshalb auch kein Dopamin ausgeschüttet wird. Selbst, wenn man sich durch die ständige Nachrichtenflut gestresst fühlt, steckt man trotzdem mitten in der Sucht nach mehr Belohnung, nach mehr Dopamin.

"Das ist ganz ähnlich wie beim Zucker essen. Wir wollen immer mehr. Und wenn wir Süßes essen, genießen wir das kaum noch. Wir essen es einfach", sagt Plinz.

Wer ist besonders anfällig für die Sucht nach dem schnellen Internet?

Da Menschen biologisch unterschiedlich sind, seien einige anfällig dafür, öfter zum Smartphone zu greifen, sagt Plinz. Manchen Menschen falle es schwerer, sich bewusst Zeit für längere Artikel zu nehmen oder das Handy ganz aus der Hand zu legen.

Ein weiterer Faktor sei das Selbstwertgefühl. Wer in sich ruhe, halte es eher aus, nicht sofort auf eine Nachricht zu antworten.

Wenn ich grundsätzlich zufrieden bin und wenig auf soziale Bestätigung angewiesen bin, bin ich auch weniger abhängig von den Dopaminschüben durch mein Smartphone.
Nicole Plinz

Helfen die Ruhe und Stille im "Slow Web" dabei, Abstand zu gewinnen und zu entspannen?

Nein, sagt Plinz. "Das ist wie ein Trick, um als Süchtiger trotzdem mal zur Ruhe zu kommen, damit man sich kurz erholen kann".

Außerdem habe man bereits vor dem Internet festgestellt, dass sich viele Menschen nicht mehr konzentrieren können, wenn es still sei, sagt Plinz.

Die Stille wird plötzlich laut, weil sie so ungewohnt ist. Deshalb verspüren viele den Drang, das Gehirn auf dem gewohnten Level der Reize zu halten.
Nicole Plinz

In Wahrheit biete das Slow Web deshalb bloß eine andere Form von Reizen, eine abgeschwächtere. Videos von Wolken oder lange Artikel über schwarze Löcher sind also nur eine Ersatzdroge für einen süchtigen Menschen, der sich selbst betrügt.

Wenn ich mir damit beweisen will, dass ich die schnelllebige Online-Welt in meinem Leben gar nicht wirklich brauche, liege ich total daneben.

Was hilft sonst zum Runterkommen?

Einen echten Waldspaziergang ersetzen die digitalen Inhalte nicht, sagt Plinz.

Wenn ich aber mein Handy abends weglege und Abstand zur digitalen Reizüberflutung nehme, kann ich abschalten – und am nächsten Tag sogar konzentrierter Arbeiten. (heise)

Für die kurzen Pausen gilt: Lieber aus dem Fenster sehen, statt einen digitalen Waldspaziergang machen. Das wirkt wirklich entspannend – und verbraucht außerdem garantiert kein Datenvolumen. 


Tech

Mit dem Kundendienst-Simulator kannst du dich zum Burnout spielen
Für die einen ist es harter Job, für andere nur ein Spiel

Ein Traumtor aus 25 Metern bei "Fifa" oder Staub im Gesicht nach einem Wüstenritt in "Red Dead Redemption": Videospiele machen Spaß, wenn sie möglichst unrealistisch sind. Wenn wir über uns hinauswachsen und zu unerschrockenen Helden werden. 

Es soll aber auch Leute geben, die freiwillig zwei Stunden im Stau standen – beim "Eurotrucksimulator". Oder sich hoffnungslos mit einer Pistenraupe verfahren im "Skigebietssimulator". Also viel Zeit in Spiele stecken, die möglichst realistisch eigentlich langweilige Tätigkeiten abbilden.